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Textiltrends : Flucht in Scheinwelten

Auch die Texturen scheinen aus dem Kinderzimmer zu stammen: Flummiartig, flauschig und wabblig trifft auf glatt und glänzend – die neuen Stoffe wirken künstlich, und trotzdem will man sie berühren, mit ihnen spielen und sie nicht nur anschauen. Natürlichkeit ist für diese Textilien kein Kriterium, Hauptsache, sie machen Spaß. Vorbild für dieses Design, das zur Interaktion einlädt, ist unter anderem das Lego-Haus im dänischen Billund, das nicht nur von außen wie ein Gebilde aus den bunten Kunststoffsteinen aussieht, sondern auch innen auf 12.000 Quadratmetern Erwachsene und Kinder ins Spiel bringen will.

Mit dem Zug zum Surrealismus lassen diese Textilien an künstlerische Vorbilder wie Magritte und Miró denken, die Farben und Formen erinnern an den holländischen Konstruktivisten Piet Mondrian. Es sind Einflüsse, die in den Arbeiten von Camille Walala ganz besonders deutlich werden. Die Französin, die seit mehr als zwanzig Jahren in London lebt, hat mit ihren vielbeachteten Installationen und Ausstellung das Comeback des Memphis-Designs, auf das sie sich explizit beruft, mit vorangetrieben. Nicht unerwartet sind auch die niederländischen Designer bei diesem Farbrausch ganz vorne mit dabei. In unserem Nachbarland ist das Designverständnis spielerischer und humorvoller als in Deutschland, die Lust auf etwas Ungesehenes größer als die Sehnsucht nach technischer Perfektion. Das in Eindhoven von Sanne Schuurman gegründete Designkollektiv Envisions lässt in seinen Arbeiten die Farben förmlich explodieren. Die jungen Gestalter, die nach eigener Angabe „alles machen, außer dem Endprodukt“, wirken ein bisschen wie die niederländischen Erben von Memphis. Sanne Schuurman experimentiert vor allem mit Materialien aus der Industrie wie Schaumstoffröhren, die mit knallbunten Verbindungen neue Verwendungen finden, zum Beispiel als Raumteiler oder schalldämpfende Wandverkleidung.

Es ist aber nicht nur ein bonbonbuntes Phantasialand, in das die neuen Heimtextilien entführen sollen. Eine andere Scheinwelt verheißt Eskapismus aus dem allzeit vernetzten Alltag in einen klösterlichen Minimalismus mit hellen, reinen Farben und ruhigen Oberflächen. In Innenräume, in denen eine mit hellem Leder ausgeschlagene Box aus Beton dafür sorgen muss, dass das Handy keinen Empfang hat, weil der dauervernetzte Mensch anscheinend einen analogen Helfer braucht, um ohne digitale Hilfsmittel auszukommen.

Und natürlich ist auch wieder eine Retrowelt im Angebot. Nur, dass sie uns nicht mehr in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit seinen modernen Designklassikern führt, sondern noch weiter zurück, ins Art déco. Mit Bögen und Kurven, luxuriösen Stoffen und opulenten Farben wie Burgunderrot, dunklem Ocker und natürlich Gold verströmen diese Innenräume viel mehr Sinnlichkeit als der Stil des Mid-Century. Es sind Räume, bei deren Anblick man glaubt, das Grammophon knistern zu hören. Zum Einsatz kommen Textilien, die umschmeicheln, wie hochflorige Teppiche, Seide, Samt und weiches Leder. Es kommt nicht nur auf das Auge, sondern auch auf den Tastsinn an. Wer diese Räume betritt, soll sich sofort entspannen und dem lässigen Luxus hingeben können. Spannung entsteht durch unerwartete Materialkombinationen wie üppige Steppstoffe neben unbearbeitetem Holz. Oder auch durch unerwartete Farbkonzepte, wie sie die Interiordesignerin India Mahvadi immer wieder einsetzt. Sie ist überzeugt, dass die Farben „sich streiten“ müssen – und kombiniert burgunderrotes Leder mit ozeanblauem Samt oder sattgrüne Wände mit lilafarbenen Sesseln. Sie mischt abendländische Nostalgie mit morgenländischer Mystik – und erschafft damit Räume, in denen harmoniert, was im Alltag immer weiter auseinanderzufallen scheint.

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