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Streit um Stadtraum : Bobbycar trifft Bierflasche

Berlin, Prenzlauer Berg: Wo Kinder spielen, ist für Trinker und Hunde kein Platz. Bild: Julia Zimmermann

Lebendig sollen die Innenstädte sein, anziehend fürs Partyvolk. Gleichzeitig wohnen wieder mehr Familien im Zentrum – auch aufgrund neuer Stadtpolitik. Wie passt das zusammen?

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          Ein lauer Sommerabend in Frankfurt. Vater und Sohn aus Hausnummer 12 haben ihren Abendbrottisch vor die Haustür gestellt und schauen über Ciabatta und Oliven den Kindern aus Hausnummer 10 zu, die auf ihren Rollern die Straße hinunterdüsen. Hinter dem Haus wird unterdessen der Grill angeworfen, während die Kinder auf dem Trampolin um die Wette hüpfen. Nebenan werden selbstgezogene Tomaten und wilde Rauke gewässert. Auf einmal erzittert das Sommerabendidyll unter lauten Gitarrenriffs und dröhnendem Gesang. Der ergraute Nachbar aus Hausnummer 8 hat seine Stereoanlage voll aufgedreht und beschallt nun die Umgebung mit Heavy-Metal-Musik. Er wolle damit einen Kontrapunkt setzen, wird er später sagen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gegen diese Vorortspießigkeit, die sich in seinem Stadtteil breitgemacht hat. Andauernd von Kinderlärm umgeben, fühle er sich mittlerweile wie in Suburbia – und wohnt doch mitten in der Stadt, in einem Gründerzeitbezirk unweit des Zentrums. Doch statt von Studenten-WGs, Kneipen und Lebenskünstlern ist er nun umgeben von Familien, die in den sanierten Altbauten zu Hause sind. Alles sauber, grün und friedlich. Für den grauhaarigen Liebhaber lauter Rockmusik zu sauber, grün und friedlich.

          Bis vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht, dass Familien der Mittelschicht aus der Innenstadt an den Stadtrand zogen, sobald sich Nachwuchs ankündigte oder spätestens, bevor die Kinder in die Schule kamen. Zurück im Zentrum blieb vor allem, wer sich kein Eigenheim im Grünen leisten konnte. Doch seit mehr als einer Dekade kehren auch Eltern mit ihren Kindern verstärkt in die Innenstädte zurück. „Die Familien sind ein wichtiger Treiber der Reurbanisierung“, sagt die Dortmunder Stadtsoziologin Susanne Frank, die über Familien in der Stadt forscht.

          Städte wollen hohe Einkommenssteuerzahler nicht verlieren

          Diesem Wandel liegt eine gezielte Strategie der Städte zugrunde, die es seit der Jahrtausendwende nicht mehr hinnehmen wollten, gute Einkommensteuerzahler mit dem Zeitpunkt der Familiengründung ans Umland zu verlieren, und Eltern mit doppelten Gehältern seitdem gezielt umworben haben. Dazu kamen verheerende demographische Prognosen, die an vielen Orten ein Schrumpfen der Bevölkerung voraussagten. Seitdem stehen die deutschen Städte im Wettstreit, als besonders „familienfreundlich“ wahrgenommen zu werden. Ein wichtiges Lockmittel sind dabei die sogenannten Townhouse-Siedlungen: Quartiere, die in ihrer homogenen Architektursprache und Sozialstruktur den Reihenhaussiedlungen am Stadtrand entsprechen und den Eltern ermöglichen sollen, sich ihren Traum vom Eigenheim mit kleinem Garten mitten in der Stadt zu erfüllen. Diese innerstädtischen Familienenklaven sind zusammen mit den gründerzeitlichen Altbauquartieren die bevorzugten Wohnorte der Großstadtfamilien geworden.

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