https://www.faz.net/-gz7-16rf1

Ortsmarke : Gelsenkirchener Geschmacksverirrung

  • -Aktualisiert am

Einfach kolossal: Das wuchtige Küchenbufett ist ein Musterbeispiel für den Gelsenkirchner Barock. Bild: Stadt Gelsenkirchen

Mögen die Spötter noch so ätzen: Die Prunkmöbel der Nachkriegszeit waren ein Verkaufsschlager. Der Name für diesen Möbelstil hat sich bis heute gehalten.

          Zwei Ungetüme gelten als Inbegriff eines schwülstigen, urdeutschen Einrichtungsstils der Nachkriegszeit: der röhrende Hirsch an der Wand und der Koloss von Büfettschrank. Der ganze Stolz des Industriearbeiters verbarg sich dahinter, heißt es. Damit habe er im Revier gezeigt, dass er es zu etwas gebracht habe. Typisch Ruhrgebiet, typisch Gelsenkirchen - so jedenfalls lautet das Klischee.

          Kurios ist jedoch, dass dieses Mobiliar im Grunde nichts mit Gelsenkirchen zu tun hat. Es ist weder dort erfunden worden, noch wurde es in der Stadt produziert, von da aus vermarktet oder am Ort besonders häufig verkauft. Nicht einmal ein üppig eingerichtetes Bergmanns-Wohnzimmer diente am Anfang der Geschichte als Vorbild.

          Stattdessen stammt der Begriff im wahrsten Sinne von der Straße, und das sogar schon aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Um 1925 wurde die Bahnhofstraße in Gelsenkirchen zur ersten Flanier- und Einkaufsmeile des Ruhrgebiets ausgebaut. Die Stadt, damals ganz Avantgarde, ließ Kaufhäuser in expressionistischer Architektur errichten. Mitten im Zentrum lagen allerdings auch Zechenanlagen und genauso alte wilhelminische Prachtbauten, ein typischer Stilmix, wie ihn nur eine gerade einmal 50 Jahre alte Industriestadt wie Gelsenkirchen hervorbringen konnte.

          Um den Namen ranken sich Legenden

          Das war ein besonderer Wildwuchs - üppig und wohl auch etwas überladen. Und so machte das Schlagwort vom Gelsenkirchener Barock erstmals die Runde. Im Revier fanden die Menschen daran offenbar Gefallen. Sogar Mädchen mit üppigen Körperformen sollen mit dem Begriff umschrieben worden sein.

          „Viele Legenden ranken sich um den Namen“, sagt die Historikerin Wiltrud Apfeld vom Kulturzentrum „die flora“ in Gelsenkirchen. „Möglicherweise schwang zu Beginn sogar noch Stolz mit.“ Die Stadt war einst wirklich fortschrittlich, weiß sie aus ihren Recherchen. Seinen Aufstieg zum Synonym eines Einrichtungsstils und einer kleinbürgerlichen Lebenswelt verdankte der Begriff dann jedoch einem einzigen Möbelstück: dem Wohnküchenschrank.

          Prototypen dieser industriell gefertigten Prunkmöbel stammten aus den zwanziger Jahren, sie orientierten sich an historisierenden Salonmöbeln des späten 19. Jahrhunderts - waren dabei aber, wie Spötter anmerkten, „nie von einer Schreinerhand berührt worden“. In den dreißiger Jahren und dann vor allem nach Kriegsende erlebten die Kolosse vom Fließband einen ungeheuren Siegeszug, als Gegenmodelle zum nüchternen Bauhaus-Stil und zum filigranen Nierentisch-Ambiente. Vor allem in den Arbeitersiedlungen an Ruhr und Emscher waren sie beliebt, da passte der schon kursierende Begriff vom Gelsenkirchener Barock nur zu gut. Außerhalb der Region schwang Hohn mit.

          Mit Prestigeobjekten auftrumpfen

          Gerade in der Küche konnte man gut mit einem Prestigeobjekt auftrumpfen, denn dort lag noch lange das Zentrum der kleinen Wohnungen. Zwei Meter Breite und eine Höhe von einem Meter siebzig waren für solch einen Schrank üblich, er glänzte in hochpoliertem Nussbaum, und ebenso funkelten die geschliffenen Glastüren. Ein „Statement“, würde so etwas in der heutigen Marketingsprache heißen.

          Viele Kritiker von damals brachten es dagegen auf eine andere Losung. Auf der Kölner Möbelmesse hieß es seit den fünfziger Jahren etwa alljährlich „Gelsenkirchen gleich Geschmacksverirrung“. Seither ordnet man auch den Hirschen auf Ölleinwand, die Häkeldecke, den samtenen Telefonbezug und gleich all den Nippes auf dem Büfettschrank diesem Stilbegriff zu.

          Mutig ging die Stadt Gelsenkirchen dem Spott einmal auf den Grund, und zwar mit Symposien von Historikern und einer Ausstellung, in deren Mittelpunkt ebenjene Wohn-Ungetüme standen, die die Küchen vieler Haushalte oft zu zwei Dritteln belegten. Vor knapp 20 Jahren zeigte das Museum die Schränke in hochglanzpoliertem Walnussfurnier, die außen wuchtig geschwungen waren und auf gute alte Zeit machten, im Innern dagegen eine moderne und funktionale Ausstattung hatten. Mit Fächern und Schütten, mit Brotfach und - der letzte Schrei - mit integriertem Kühlschrank. Insofern, merkt Wiltrud Apfeld an, lagen diese speziellen Schränke und die Reformmöbel gar nicht so weit auseinander. Industrieprodukte waren beide, erst die Massenfabrikation machte sie überhaupt möglich. Nur traf der „Gelsenkirchener“ Salonstil offenbar sehr gut den Nerv der Massen. Ein glänzendes Büfett drückte, so dachten viele, besonders gut eine solide Bürgerlichkeit aus. Da konnten sich die Verfechter der Moderne noch so winden: In einer Allensbach-Studie aus dem Jahr 1954 sprachen sich 60 Prozent der Möbelkäufer für herkömmlich polierte Furniere und alte Typologien aus.

          Frieden schließen

          Viele Schränke seien sogar bis heute in Gebrauch, berichtet Forscherin Apfeld, die eine stattliche Sammlung im Museumsdepot der Stadt verwaltet. Dort stehen sie seit der Ausstellung von 1991. Immer wieder wurden ihr danach weitere Exemplare angeboten. Überhaupt sei das Interesse an dieser Form der Alltagsgeschichte herausragend gewesen, freut sie sich noch heute. „Viele, die sonst nie ein Museum besuchen, waren da.“ Und manche, die sich durch die vermeintliche Verhöhnung ihrer Stadt stets gekränkt sahen, hätten danach ihren Frieden geschlossen. „Es hat viel bewirkt, das Thema offensiv anzugehen“, heißt es in der Kulturverwaltung Gelsenkirchens. Denn wirklich alle wissen nun Folgendes: Es könnte auch Bochumer, Herner oder Duisburger Barock heißen.

          Weitere Themen

          Späte Reue Video-Seite öffnen

          Viele Waliser gegen Brexit : Späte Reue

          Beim Referendum 2016 stimmten 52 Prozent der Menschen in Wales für den Austritt. Doch langsam stellt sich ein Sinneswandel ein: Laut jüngsten Umfragen will heute mehr als die Hälfte in der Europäischen Union bleiben.

          Topmeldungen

          Warnstreik : Deutsche Bahn stellt bundesweit Fernverkehr ein

          Im Fernverkehr rollt wegen des Warnstreiks an diesem Montagmorgen kein Zug mehr. Auch im Regionalverkehr in Hessen, Bayern und NRW sowie im S-Bahn-Verkehr in Berlin und Frankfurt geht nichts mehr.

          Protest in Frankreich : Wilde Gesten in gelben Westen

          Hat der Aufruhr in Frankreich einen Gesamtwillen? Die Gelbwesten fordern Macrons Rücktritt und zugleich die Einlösung seiner Wahlversprechen: Ein französisches Paradox.

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Die Macht der Netzwerke

          Anne Will versuchte zu erklären, wie sich Annegret Kramp-Karrenbauer durchsetzen konnte. Vieles dürfte ungewiss bleiben, nur eines scheint klar: Netzwerke bleiben für Politiker unerlässlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.