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Ortsmarke (8): Lübecker Gänge : Im Schatten der Fassaden

  • -Aktualisiert am

Bauten in der zweiten und dritten Reihe sind in Lübeck Standard. Bild: Denzel, Jesco

Die Lübecker Gänge sind einzigartig: Ein Geflecht schmaler Gassen breitet sich hinter den Vorderhäusern aus. Die kleinen Bauten in den hinteren Reihen haben stark an Wert gewonnen.

          Niedriger geht es kaum: Nur eineinhalb Meter misst der Durchgang im Haus des Lübeckers Thomas Haase, an einer Stelle sogar nur 1,30 Meter. Ein Zwergenweg. Und doch ist dieser Tunnel ein Hauptzugang zu einem ganzen Geflecht von Hinterhäusern, Höfen und Wegen, das hinter Haases Backsteinbau liegt. „Hellgrüner Gang“ steht auf einem Straßenschild am niedrigen, etwas düsteren Torbogen. Man bückt sich, macht ein paar Schritte und gelangt tief hinein ins Innere der Bebauung. Solch ein Häusergewirr in der zweiten, dritten und vierten Reihe ist typisch für die frühere Hansestadt, und in dieser Form einzigartig.

          Lübecker Gänge nennt man das Schattenreich, das stets nur durch schmale Portale in den Straßenhäusern zu erreichen ist. An die 100 Gänge gibt es in der zum Unesco-Weltkulturerbe ernannten Innenstadt. Eines haben sie immer gemein: So schmal ihre Erschließungsportale sind, so klein sind auch ihre Bauten. „Ein typisches Ganghaus hat meist gerade einmal 45 Quadratmeter Wohnfläche“, sagt Thomas Haase, der von Beruf Architekt ist und seit 25 Jahren in Lübecks Altstadt wohnt.

          „Damals wurden wir noch für verrückt erklärt, als wir herzogen“, erzählt der Planer. Die mittelalterlichen Gassen und dahinterliegenden Gänge waren noch ziemlich verwahrlost. Heute gelten sie als schicke Wohnadresse. Auf kleinstem Raum richten sich die Liebhaber dieses sehr speziellen Altstadtflairs ein, nur zwei Zimmer zum Wohnen müssen ausreichen, wenn man in den Gängen lebt. Unten am Eingang gibt es meistens einen Raum sowie die Küche, und oben, gleich neben der steilen Treppe, liegen ein Schlafzimmer und ein Bad. Vor dem Haus, auf dem Kopfsteinpflaster, besitzt außerdem eigentlich jeder Bewohner eine Sitzbank, in Flüsterentfernung zum Nachbarn. „Niemand kann sich abzäunen, das macht es so spannend, hier zu leben“, sagt Haase.

          Eine Art Sozialexperiment

          Eine Art Sozialexperiment lag diesem Lübecker Unikum denn auch zugrunde, wenngleich es im Mittelalter natürlich einem Zwang geschuldet war. Das historische Lübeck lag gedrängt auf einer Insel der Trave, und jenseits des Wassers gab es keinen Platz für Vorstädte für die Armen. Also mussten diese sozusagen mit ins Boot, hinein in die Stadt. Die Höfe ihrer Häuser gaben die Bürger dazu her, dort wurden seit dem 14. und 15. Jahrhundert Buden und Behelfsbauten für Dienstboten und Seeleute, Wanderarbeiter und Witwen errichtet. „Eine Holzklasse, Tür an Tür mit der Oberschicht“, erläutert Manfred Lietzow, der gerne und fachkundig Besucher durch die versteckten Höfe und Gänge führt. In anderen Städten wie zum Beispiel Hamburg lagen wild wuchernde Gängeviertel vor den Stadttoren, in Lübeck jedoch entstanden sie mitten in den eigenen Gärten - eine Stadt hinter den Fassaden der Stadt. Alles musste so platzsparend wie möglich sein, um viele Menschen unterzubringen. Breiter als drei Meter ist kaum ein Gang. So schmal wie möglich wurden auch die Zugänge von den Straßen angelegt. „Mehr Platz für Durchbrüche in ihren Vorderhäusern wollten die Kaufleute dann doch nicht opfern“, sagt Lietzow.

          Einer Legende nach soll es eine Vorschrift gegeben haben, dass die Portale so breit zu sein hatten, dass nur eben ein Sarg hindurch passte. Aber das ist nirgends verbrieft und demnach doch eher eine Anekdote der Fremdenführer. Sie wiederholen sie ständig vor Touristen. Verlässlich sind dagegen die Namensursprünge der Gänge. Viele waren Stiftungen von Kaufleuten aus den Vorderhäusern und heißen bis heute nach deren Familien, andere tragen die Namen der Berufsgruppen, die sich dort versammelten. „Pastoren hatten einen Gang, Lehrer auch“, erläutert Lietzow. Der Dunkelgrüne Gang wiederum erhielt seinen Namen nach der üppigen Bepflanzung, der Hellgrüne gleich daneben hieß so, weil er lichter war. 187 Gänge gab es um 1700, dann wurde die Zahl im Zweiten Weltkrieg um fast die Hälfte reduziert. Die Kleinsthäuser, dicht an dicht gebaut, brannten nach Bombenangriffen bis auf die Grundmauern hinunter. Was aber stehen blieb, wurde danach sofort zu Flüchtlingsunterkünften.

          Kräftiger Preisanstieg

          Alle Buden, Remisen und Hofbauten waren für lange Zeit überbelegt, so, wie sie es ein paar Jahrhunderte zuvor, in der Blütezeit der Hansestadt, schon einmal gewesen sein dürften, wie Manfred Lietzow vermutet. Er selbst ist kurz nach Kriegsende im Viertel aufgewachsen, in Jahren, in denen sich nicht jeder in die Gänge traute. „Gangbutscher“ nannten Hanseaten die Kinder von dort, „mit denen spielte man nicht“, erzählt der Pensionär. Als Halbwelt und Rotlichtbezirk waren die Gassen verschrien. Bis in die späten 1970er Jahre hinein habe man für 5000 Mark ein altes Arbeiterhaus in einem Gang kaufen können, erzählt auch Architekt Haase. „Heute zahlen Sie 100 000 Euro.“ Und lebe oft wie auf dem Präsentierteller. Hunderte Besucher kämen manchmal täglich am Kaffeetisch vor der Haustür vorbei, erzählt er.

          Viele Altstadtbewohner ärgern sich über Gruppenführungen, die ständig zunähmen. Im vergangenen Jahr wollten einige Anlieger ihre Höfe und Gänge sogar zusperren. Auch Thomas Haase. Er hat ein Gittertor am niedrigen Durchstich zum Hellgrünen Gang angebracht. Aber er schließt es bisher nicht, das hat die Stadt untersagt. Der Bürgermeister beharrt darauf, dass selbst die kleinsten Gänge öffentliche Wege sind und zugänglich sein müssen. Allerdings sind nun alle Fremdenführer dringend angehalten, ihre Gruppen davon abzuhalten, neugierig in die Fenster zu lugen oder sich gar an die Tische der Bewohner zu setzen.

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