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Ortsmarke (6): Frankfurter Küche : Die Mutter aller Einbauküchen

  • -Aktualisiert am

Labor oder Arbeitskäfig für die Frau? Bild: Wonge Bergmann

Viele Funktionen auf wenig Platz - diesen Ansatz verfolgte die junge Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky bei ihrer Küchenplanung für den Frankfurter Siedlungsdezernenten Ernst May in den zwanziger Jahren. Sie brachte ihn zur Perfektion.

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          Wie klein kann eigentlich eine Küche sein? Diese Frage beantwortet heute jeder Küchen-Fachmann erstaunlich schnell. Flugs wird mit dem Ultraschall-Messgerät der Raum ausgelotet - und gleich darauf steht schon fest, wo Spüle, Einbaugeräte und Schränke ihren Platz haben. Dank Norm- und Modulbauweise passt selbst in kleinste Räume viel hinein.

          Und dank Frankfurter Küche, könnte man hinzufügen. Sie ist die Mutter aller Einbauküchen. 10 000 Mal wurde sie zwischen 1926 und 1930 in den damaligen neuen Frankfurter Großsiedlungen installiert. Seither gibt es maßgefertigte Küchen: Ein kompakter Heimarbeitsplatz war dort auf engstem Raum zusammengefasst und bis ins kleinste Detail durchdacht worden. Ein Traum von Modernität für jeden Arbeiterhaushalt also, getreu dem sozialen Leitbild der damaligen Bau-Avantgarde.

          Vorbild Mitropa

          „Wie klein?“ Das war eine der zentralen Fragen dieser Modernisten. Ihr Hauptanliegen war es, den Platz zum Kochen selbst in Kleinstwohnungen vollständig von den übrigen Räumen zu trennen und keine Mischnutzung von Küche und Wohnzimmer mehr zuzulassen. Auf nur sechseinhalb Quadratmetern Grundfläche brachte die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky daher alles unter, was zu Essensbereitung und anschließendem Aufräumen notwendig war.

          Bild: Andreas Weishaupt

          Einiges hatte sich die Erfinderin der Frankfurter Küche zuvor bei der Speisewagengesellschaft Mitropa abgeguckt, anderes von der modernen Fließbandarbeit in den Fabriken. Der Zeitgewinn bei jeglicher Tätigkeit war ihr wichtig. Es ging ihr um einfache Handgriffe, um Komfort - und um Sekunden. „Die für die verschiedenen Küchenarbeiten benötigte Zeit wurde, wie beim Taylorsystem, nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit der Stoppuhr abgemessen“, erzählte sie einmal im Gespräch mit dem Museum für Angewandte Kunst (MAK) in ihrer Heimatstadt Wien. Dort steht ein Nachbau ihres berühmten Entwurfs, den die hochbetagte Architektin 1990 sogar noch selbst mit einrichtete.

          Gleich neben dem Doppelspülbecken gibt es in Schütte-Lihotzkys Systemküche ein Abtropfregal für das Geschirr. Neben der Arbeitsplatte finden sich fein säuberlich beschriftete Aluminium-Schütten für die gängigen Lebensmittel, die schnell zu greifen sind. Einheitlich ist seinerzeit die Farbe der spartanischen Küchenserie gewesen: In Blaugrün gestrichene Holzschränke sollten - einer Untersuchung jener Zeit zufolge - die Stubenfliegen fernhalten.

          Uneinsichtige Bewohner

          An wirklich alles dachte die Architektin. Nur folgten die Bewohner ihren strengen Idealvorstellungen nicht bedingungslos. Schnell begannen sie, die schmalen, länglichen Räume umzubauen. Die meisten Kompaktküchen landeten später auf dem Müll. Eine der ganz wenigen erhaltenen Originale lässt sich jedoch im Frankfurter Viertel Römerstadt noch bestaunen: im Ernst-May-Musterhaus, das nach dem früheren Siedlungsdezernenten der Stadt benannt ist.

          May trieb das Neue Bauen massiv voran und heuerte für seine Großprojekte unter anderem auch die österreichische Kollegin Schütte-Lihotzky an. Diese hatte in Wien zuvor schon moderne Küchenausstattungen entworfen. Doch die Frankfurter Küche geriet dann zum Paradebeispiel eines nach neuesten Erkenntnissen gestalteten Heimarbeitsplatzes. Artikel, Radio- und Filmbeiträge machten sie weithin bekannt. Die Küche passte perfekt in die Rationalisierungsbegeisterung jener Zeit.

          Wie günstig solche Küchen eingebaut werden konnten, hatte man in Frankfurt bewiesen. Die Baukosten pro Küche lagen 1926 zunächst bei 500 Reichsmark. Dann sanken sie dank höherer Stückzahlen und Fließbandarbeit in den Holzwerken. Zuletzt, in der Großsiedlung Westhausen, betrugen sie nur noch 238,50 Reichsmark.

          Hausfrau im Arbeitskäfig

          Damit war der Startschuss für die erschwingliche Volks-Einbauküche gefallen. Unangefochten gilt der Frankfurter Urtyp als Wegbereiter für eine Ära der kleinen Arbeitsküche. Bis in die späten sechziger Jahre hielt sie an. Dann erst gewann das Leitbild der Wohnküche wieder an Bedeutung.

          Doch egal, ob nun Wohn-, Arbeits- oder Essküche - ein Prinzip ist bis heute immer gleich geblieben. „Jede Küche ist eigentlich eine Einbauküche“, sagt Bernd Warnick, Geschäftsführer von Küchen Quelle in Nürnberg. „Allem liegt ein vorgefertigter Typenplan zugrunde.“ Ganz so, wie es vor 84 Jahren in Frankfurt erstmals angewandt wurde. Heute ist daraus freilich eine gigantische Industrie geworden. 800 000 bis eine Million Küchen werden pro Jahr in Deutschland ausgetauscht. Regelmäßig rufen die Hersteller neue Quantensprünge im Komfort aus. Nur das Einbauprinzip bleibt.

          Doch selbst die so fortschrittliche Ur-Modulküche musste zunächst Kritik aushalten. So monierten Zeitgenossen von Schütte-Lihotzky, dass die Hausfrau in einem Arbeitskäfig isoliert würde und es keine Möglichkeit zur gleichzeitigen Kinderbeaufsichtigung gäbe. Die Empörung über die Abschiebung der Hausfrau nahmen viele Feministinnen der siebziger und achtziger Jahre auf.

          Mühsam rechtfertigte sich die Architektin, dass es seinerzeit doch gerade um die Verbesserung des Ansehens der häuslichen Tätigkeiten gegangen sei und sie dafür alle neuen technischen Möglichkeiten nutzen wollte. Ein „Labor für die Hausfrau“ sei das Ziel gewesen. Damit sie nicht als „vom Alltag gedrücktes Aschenbrödel, als stets übellaunige Hysterika“ ihr Dasein zu fristen habe, wie es die Erfolgsautorin Erna Meyer, eine Weggefährtin der Architektin, in ihrem Buch „Der neue Haushalt“ 1926 festgehalten hatte. Immerhin sind sich heute alle Forscher einig, dass die Arbeits-Einbauküche tatsächlich ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation der Frau war.

          Dass sich ausgerechnet die Vertreter des Neuen Bauens so stark für den Mikrokosmos Küche begeistern konnten, hatte übrigens einen guten Grund: Dort waren ihre Ideale am ehesten durchzusetzen. In anderen Wohnbereichen wurde das Schnörkellose vielfach als zu kühl empfunden.

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