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Normaler Wohn-Wahnsinn : In einem ehrenwerten Haus

  • -Aktualisiert am

Mit den lieben Nachbarn aus der Wohnung nebenan wird es nie langweilig. Bild: MAGNUM PHOTOS

Zigarettenqualm, der Duft von Kimchi und Kinderwagen vor dem Briefkasten: Das Leben in einem Mehrfamilienhaus ist eine ständige Herausforderung.

          Einst hat es Udo Jürgens besungen, das „ehrenwerte“ Haus – und in seinem Liedtext die dort herrschende Gewalt, den Missbrauch und den Rassismus der nicht immer ganz so ehrenhaften Bewohner angeprangert.

          Sind das Klischees, oder kann es Realität sein, was sich unter manchen deutschen Dächern abspielt?

          Spurensuche in einem ganz gewöhnlichen Mehrparteienhaus im Speckgürtel einer Großstadt, mit ganz gewöhnlichen Mietern, an einer Durchgangsstraße zwischen Ortsmitte und Industriegebiet gelegen.

          Es ist ein Häuserblock aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, drei grundsolide, identische Riegel ohne Schnörkel, ohne Ornamente. Nur die Außenfarben variieren. Beim beschriebenen Haus konnte sich der Architekt nicht zwischen Perlrosa und Lehmbraun entscheiden, so dass der Anstrich ein bisschen etwas aus beidem wurde – ein abgetöntes Beige. Wenn Langeweile eine Farbe hat, dann diese.

          Geheimnisse, Schicksale und Lebensgeschichten

          Konzipiert wurde es als ein Haus mit sieben Eigentumswohnungen, die bis auf eine alle vermietet sind. Als Blickfang gelten die vier Balkone und eine Dachterrasse, und zu den beiden Wohnungen im Erdgeschoss gehören zwei Gartenanteile. So weit, so unspektakulär.

          Hinter den Mauern hüten Häuser Geheimnisse, Schicksale und Lebensgeschichten, ein individueller Mikrokosmos. Die Bewohner können – wenn es gut läuft – eine funktionierende Zweckgemeinschaft bilden, aufeinander Rücksicht nehmen, vielleicht sogar Freundschaften schließen. Doch einer Studie der beiden Sozialpsychologen Alina Tilner und Hans-Peter Erb zufolge nimmt der Egoismus in der Gesellschaft stetig zu. Heute steht nicht die Gruppe, sondern das Individuum mit komplizierten Eigenschaften und einer gefühlten Einzigartigkeit im Zentrum eines Mehrfamilienhauses.

          In jedem Haus gibt es Glücksmomente, aber auch Verstimmungen und Streitigkeiten, und manchmal spielen sich Dramen ab. Wie auch in diesem Mietshaus.

          Die alte Dame, die auf der Treppe immer so freundlich gegrüßt und für jeden ein offenes Ohr hatte und die zusammen mit ihrem Sohn lange im Haus lebte, ist vor ein paar Wochen gestorben und wird von allen vermisst. Da ist die alleinerziehende junge Mutter, die mit ihrem Kleinkind völlig überfordert ist. Als Baby sei es ein Schreikind gewesen, erzählt sie einmal, doch die Nachbarn hören einzig die Mutter schreien, wenn sie unbeherrscht ihr Kind zurechtweist.

          Müll, Geräusche und Gerüche

          Da ist der Alkoholiker aus dem zweiten Stock, der irgendwann einmal aus dem sozialen Raster gefallen ist und der aus seiner Höhle nur dann auftaucht, wenn er seine leeren Flaschen zum Glascontainer schleppt. Und dann ist da der sportliche Mann von ganz oben, der seinen Job bei einer Bank verloren hat und seit drei Monaten keine Miete mehr zahlt. Hilfen und Gesprächen steht er ablehnend gegenüber, und die Besitzerin der Wohnung wird ihn wohl zwangsräumen lassen müssen.

          Gut, dass nicht nur Kummer und Leid das Leben im Mehrfamilienhaus bestimmen. Ein gemeinsam angeschautes Fußballspiel, eine spontane Einladung, den frisch gebackenen Apfelkuchen zu probieren, reichen schon, um einen verregneten Sonntag zu versüßen.

          Es sind die Alltagsärgernisse, die nerven: Verpackungsmüll, der tagelang im Weg herumliegt, die Haustür, die nicht abgeschlossen wurde, die vergammelte Grünpflanze, für die sich niemand als zuständig erklärt, und – ganz banal – Geräusche und Gerüche.

          „Oft denke ich noch an Su Kim“, sagt die Nachbarin aus dem Erdgeschoss. „Eine so reizende Person, wäre nur nicht diese Kocherei gewesen.“

          Der ganz normale Wahnsinn

          Wenn die zierliche Koreanerin jeden Samstag ihren Topf mit dem in der Woche vergorenen Kimchi, dem koreanischen Nationalgericht, lüftete und anschließend den fermentierten Inhalt kochte, dann öffnete sich im Haus die Büchse der Pandora, und das Übel in Form von grusligen Düften waberte durch die einzelnen Etagen. Alle hielten sich die Nase zu, und zum Leidwesen der chronisch migränegeplagten Nachbarin aus dem Erdgeschoss wurde mit der Zeit das Kimchi immer saurer, genauso sauer wie sie selbst. Zumindest konnte sie sich jedoch in ihrer Abneigung der fernöstlichen Spezialität der Solidarität aller Mieter sicher sein.

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