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Neues Wohnen : "Wer im Dammerstock wohnt, zieht nicht weg"

Radikal modern waren die Häuser, die das Publikum 1929 in der Bauaustellung Dammerstock zu sehen bekam. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe

Am Anfang war noch Spott: Jammerstock reimte man in Karlsruhe auf den Namen der Siedlung, deren Chefplaner Walter Gropius war. Die Bewohner schätzen die Bauten bis heute, trotz mancher Mängel. Ein Besuch in der Siedlung.

          Manchmal fragt Margarete Reb sich, wie sie das damals eigentlich gemacht haben. Wo sie die Koffer, die dicken Anoraks, die Stiefel, Ski und Schlitten verstaut haben, wo die Weihnachtskugeln und der Christbaumständer, Sonnenschirm und Badesachen Platz fanden, als sie in dem kleinen Reihenhaus noch zu viert lebten - ohne Keller, Dachboden und Garage. „Aber es ging“, sagt die Karlsruherin. „Nur viel ansammeln darf man halt nicht.“

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verglichen mit den meisten anderen Bewohnern im Dammerstock, verfügen Margarete und Günter Reb über reichlich Raum. Das Ehepaar wohnt heute auf immerhin 95 Quadratmetern, verteilt auf zwei Etagen. Die Hälfte davon entfällt allerdings auf das Erdgeschoss, wo die Deckenhöhe gerade einmal an die zwei Meter misst. Günter Reb muss jedes Mal den Kopf einziehen, wenn er durch die Türen im unteren Stockwerk geht. „Zum Wohnen ist das Erdgeschoss nur eingeschränkt geeignet, dafür war es auch nicht wirklich vorgesehen“, erzählt er.

          Kein Platz für große Möbel

          Als die Volkswohnung Karlsruhe als Eigentümerin der Reihenhauszeile 1979 ihren Bestand sanierte, wichen nicht nur die alten Kohleöfen einer Gaszentralheizung und die alten Fenster neueren Modellen mit doppelter Verglasung. Die Wohnungsgesellschaft schuf durch den Ausbau des Untergeschosses auch mehr Platz. So wurde es möglich, im oberen Stockwerk aus zwei sehr kleinen Zimmern ein größeres zu machen.

          Große Gärten, kleine Häuser

          Zuvor stand den Rebs, die 1974 mit ihrem ersten Kind als Mieter in eines der Reihenhäuser aus dem Jahr 1929 im Dammerstock gezogen waren, im Erdgeschoss ein 20 Quadratmeter großes Zimmer zur Verfügung. Die eigentliche Wohnung befand sich im Obergeschoss: Dort drängten sich Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer mit Bad und Küche auf rund 48 Quadratmetern. Der Familie, inzwischen zu viert, war der Raumgewinn nur recht. „Denn das war alles ganz schön eng“, erinnert sich Margarete Reb. Auch heute ist trotz der zusätzlichen Quadratmeter kein Platz für voluminöse Möbel.

          Schon vor 80 Jahren empfanden Besucher der neuen Siedlung im Süden von Karlsruhe die Räumlichkeiten als ziemlich klein. So witzelten Zeitgenossen, für die Bewohner des Dammerstocks würden spezielle Nachttöpfe angeboten, deren Henkel innen angebracht seien.

          „Wohnungskulturell“ auf der Höhe der Zeit

          Der Dammerstock war Teil eines umfassenden Wohnungsbauprogramms, das der damalige Bürgermeister Hermann Schneider verwirklichen wollte. Die Einwohnerzahl Karlsruhes war von der Jahrhundertwende an innerhalb von nur 30 Jahren von 100 000 auf 156 000 gestiegen. Die Siedlung sollte einen wesentlichen Beitrag leisten, das Wohnungsangebot zu erhöhen. Auch architektonisch wollte die Stadt Zeichen setzen. Nicht genug damit, dass man, gemessen an der jährlichen Zahl der Neubauwohnungen im Verhältnis zu den Einwohnern, „in der ersten Reihe der deutschen Großstädte“ marschierte, wie es der Bürgermeister ausdrückte. Mit den neuen Wohnungen wollte man „wohnungskulturell“ auf der Höhe der Zeit sein.

          Es ging dabei nicht nur um neue Grundrisse, sondern auch um neue Werkstoffe, Baumethoden und Konstruktionen. Daher schrieb die Stadt die Bebauung des Geländes 1928 als „Wettbewerb für eine neuzeitliche Mustersiedlung“ aus. Im Preisgericht saßen mit Planern wie Mies van der Rohe und dem Frankfurter Stadtbaurat Ernst May Vertreter des Neuen Bauens.

          Zu den Vorgaben gehörte, dass die Wohnungen für Bewohner mit bescheidenem Einkommen erschwinglich sein sollten. Tatsächlich fanden sich dann aber weitgehend besserverdienende Mieter ein. Zudem sollten die Bauten in strikter Zeilenbauweise mit konsequenter Nord-Süd-Ausrichtung realisiert werden. Drei Wohnungsgrößen mit 45, 60 und 70 Quadratmeter Wohnfläche waren gefordert.

          Eher praktisch als avantgardistisch

          Insgesamt beteiligten sich acht Architekten am ersten Bauabschnitt, darunter Otto Haesler, Wilhelm Riphahn, Klaus Groth und allen voran Bauhaus-Gründer Walter Gropius, der die Rolle des Chefplaners innehatte. Gropius gab den Kollegen den Gestaltungsrahmen vor. Dazu zählten Flachdächer, weiße Fassaden und graue Sockel, gleichmäßige Fensteröffnungen, glatte Türen mit Stahlzargen - und Gärten zur Erholung.

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