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Design aus Finnland : Aaltos Erben

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Originell: Tanzschuhe für Tochter und Vater. Bilderstrecke

Bis heute ist die gute Form Teil der finnischen Identität, so wie das Buch zu Dublin gehört und das Auto zu Deutschland. Doch kann man ewig an der goldenen Zeit der fünfziger Jahre festhalten? Kann eine Designszene sich über Generationen mit denselben Namen schmücken? Und, fast noch wichtiger: Wie tritt man aus deren Schatten?

Laivurinkatu 10, nieselnasses Kopfsteinpflaster, gelb leuchtende Altbaufassade, eine Tür, ein Fenster, dahinter ein Akita Inu. Hinter dem Hund befindet sich das Atelier von Company. Der Raum ist kaum größer als der riesige Tisch, rundum Regale mit Produkten aus den vielen „Secrets“-Serien des Finnen Johan Olin und der Südkoreanerin Aamu Song. Bis hinauf unter die hohe Decke stapeln sich Tanzschuhe, Hocker in Pilzform, ein Wasserturm als Tasse, Saunastühle in Gebäudeform, ein Puzzle, das sich umarmt. Ein verspieltes Sortiment, mit Liebe zum Leben und Ehrfurcht vor dem Handwerk. Die beiden Designer erkunden die Geheimnisse von Ländern, indem sie von den Handwerkern lernen. Gestartet sind sie mit „Secrets of Finland“, vor zehn Jahren. Inzwischen haben sie in Bayern geschustert, in Japan Keramik gebrannt, bei den Amish Strohhüte hergestellt und danach ihre eigenen Produkte entwickelt, die sie von den Handwerkern fertigen lassen. Alvar Aalto mit seiner Serienproduktion und seiner Reduziertheit ist hier ganz weit weg. Von einem Schatten Aaltos, aus dem man vielleicht treten müsste, ist hier nichts zu sehen.

„Wir müssen da gar nicht drüber nachdenken“, sagt Johan Olin bestimmt. „Es kommt keiner, der sagt, ihr macht irgendwas falsch. Es gibt noch keine Designpolizei.“ Viele auch junge Designer sind durchaus stolz auf den großen Meister, gehen aber ganz selbstverständlich ihrer eigenen Wege. Was auch sonst? Das mag in Aaltos Zeit und kurz danach anders gewesen sein. Neben ihm mit anderen Ansätzen zu bestehen schien ein unmögliches Unterfangen. Die Südkoreanerin Song sieht das ganz pragmatisch: „Wir haben in Finnland gratis Alvar-Aalto-Möbel und -Architektur bekommen. Die guten Produkte sind schon gemacht, wir müssen uns damit nicht aufhalten. Jetzt können wir etwas anderes tun.“

Was aber ein Thema ist: Die Zeiten sind schlecht. Da war der Niedergang von Nokia, der das ganze Land schockierte, dann der Verkauf von Artek an Vitra. Große Namen wie Arabia und Iittala gehören inzwischen zum Konzern Fiskars, sind unter einem Dach. Fast alle Hersteller produzieren im Ausland. Glasbläserzentren verwaisen. Tausende Designer wurden in den vergangenen Jahren arbeitslos. Produkte werden kaum noch im Land entwickelt. Zudem gilt: Da Reeditionen alter Entwürfe so erfolgreich sind, berufen sich viele am liebsten auf Bewährtes. Verkauft sich nicht bei Marimekko das Mohnblütenmuster „Unikko“ weiterhin am besten? Seit 53 Jahren. Ein Land, aus dem so viele berühmte Klassiker stammen, hat es schwer, Neues hervorzubringen. Das gilt nicht für die Designer, aber für wirtschaftlich denkende Unternehmen.

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