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Verliebt in einen Herd : Dich muss ich haben!

  • -Aktualisiert am

Flammende Liebe: der französische Herd „Lacanche“ Bild: Wonge Bergmann

Wer sich in ein Möbelstück verliebt, muss zuweilen auf einiges verzichten. Doch die Leidenschaft kann sich lohnen.

          7 Min.

          Jahrelang in einer improvisierten Küche leben – weil man sich in eine Ledertapete aus dem 18. Jahrhundert verliebt hat und nun mit Blick auf herrlichen Wandschmuck megapleite ist? Einen zwei Meter breiten, orangen Herd im Wert eines Kleinwagens kaufen und dafür auf Reisen und Restaurantbesuche verzichten? Jeden Morgen neben der karamellbraunen Biedermeier-Kommode aufwachen, aber über Monate Nudeln mit Salzbutter essen, weil die Restaurierung das Lebensmittelbudget aufgefressen hat?

          In einen Stuhl oder Tisch verknallt zu sein, nicht in Geländewagen, Stiletto oder Labrador, das gilt auf den ersten Blick vielen als seltsam. Man kann Menschen nächtelang von Felgenschimmer, selbstfahrenden Rasenmähern oder Bootshölzern schwärmen hören, aber selten wird von Lampenfüßen, handbedruckten Vorhängen oder Teetischen mit einer solchen Inbrunst erzählt.

          Liebesgeschichten über Menschen und ihre Möbel sind bisher kaum geschrieben. Es gibt Planungshilfen, Ratgeber, Designkompendien, Hochglanzbände. Aber die Hommage an die Schreibtischlampe? Fehlanzeige. Dabei sind Möbel echte Lebenspartner, die oft länger überleben als manche Ehe. Nicht umsonst nannte Bertha von Suttner ihre Hausratsausstattung ihr „Sachenglück“.

          Europameister im Möbelkauf

          Trotzdem, in Möbel verliebt zu sein gilt im Land der Dichter, Denker, Autofahrer und Reiseweltmeister als eher verschroben. Dabei investieren die Deutschen enorm viel Geld in ihre Häuser. Ein Blick in die Statistik lehrt, dass sie im Jahr 2017 so viel Geld für Möbel ausgegeben haben wie noch nie zuvor: 410 Euro pro Kopf. Dazu kamen noch rund 150 Euro für Heimtextilien und Dekorationsartikel. „Die Deutschen sind Europameister im Möbelkauf“, bestätigt Ursula Geismann, Pressesprecherin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Das meiste Geld für Möbel geben die Käufer zwischen 50 und 60 Jahren aus. Was der Verband noch beobachtet: Die Schere zwischen preiswerter Massenware und feinster manufakturähnlicher Handarbeit geht immer weiter auf. Das mittlere Segment ist in Deutschland total eingebrochen. „Heute gibt es eine gar nicht kleine, designliebende Klientel, die sich ein Sofa aus Anilinleder für 10.000 Euro leistet und Möbel als Lifestyle-Statement sieht, das wäre vor zehn Jahren so noch nicht vorstellbar gewesen“, sagt die VDM-Sprecherin.

          Doch nicht jedes Statusmöbel ist eine Amour fou. Relativ klein ist die Gruppe der zeitlos Möbelverrückten, die für ihre Passion andere Budgetposten rigoros streichen, um im großes Suttnerschen „Sachenglück“ zu schwelgen. So wie bei der 47 Jahre alten Unternehmerin Petra Hüttermann. „Ich würde richtig Schmerzen bekommen, wenn ich nicht schön wohnen könnte“, bekennt sie, „dafür würde ich aber auf alles andere ohne Probleme verzichten.“ Die Liebe zu Möbeln teilt sie mit ihrem Mann Thomas Heim. „Wir sind bekennend möbelverrückt und waren uns über 25 Jahre zum Glück immer einig, dass wir unser Geld vor allem dafür ausgeben.“

          Das Paar lebte die Faszination für schöne Wohnobjekte schon im BWL-Studium aus, plünderte für die Studentenbuden den Flohmarkt in Metz und arbeitete alte Stücke auf. „Wohnen ist für uns kein Zustand, sondern eine gemeinsame Bewegung“, sagt die Mutter von vier Kindern. Sie kann buchstäblich stundenlang von ihrem orangefarbenen Maßherd aus Frankreich erzählen, ein Wunschobjekt, das sie sich nach 15 Jahren Warten und dem Besuch beim Hersteller Lacanche im Burgund erfüllte. Er steht nun in der Wohnküche des Pfälzer Familienhauses, das um den Herd herum gestaltet wurde. Die Familie verzichtete für den Herd einige Zeit auf große Reisen und die Anlage des Gartens. Denn die knallige Feuerstelle kostete so viel wie ein Kleinwagen. „Eigentlich haben wir jahrelang das passende Haus zum Herd gesucht, als der noch gar nicht da war“, gibt Hüttermann zu.

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