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Mediation : Wenn es unter Nachbarn kracht

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Andreas Weishaupt

Wo viele Parteien unter einem Dach leben, gibt es oft Ärger. Schlichter haben ein einfaches Rezept: Die Bewohner sollen sich kennenlernen - am besten schon vor Einzug.

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          „Ein Albtraum war das - und ich dachte, er hört nicht auf!“ Wenn Marion Haas über ihre Wohnsituation vor einem Jahr spricht, zittert die Stimme der Rentnerin noch heute. Bis spät in die Nacht fühlte sie sich durch „das dauernde Getöse“ der Familie über ihr gestört, immer wieder geriet sie mit den Nachbarn wegen des Putzdienstes in Streit. „Ich habe mich total unwohl gefühlt, aber denen schien das völlig egal zu sein.“

          Was Marion Haas erlebt hat, ist Alltag in deutschen Mietshäusern. Die einen Nachbarn sind zu laut, die anderen zertrampeln den Garten oder gießen ihre Balkonblumen immer genau dann, wenn die Familie darunter gerade Kaffee trinkt. Der Berliner Marco Waelisch kennt sich mit Konflikten dieser Art bestens aus. Er arbeitet als Mediator. Im Auftrag des Berliner Mietervereins versucht er in Mehrfamilienhäusern Konflikte zu entschärfen und den Hausfrieden wiederherzustellen. Das ist nicht immer ein einfacher Job, aber ein zunehmend gefragter.

          Das Wohnen wird immer anonymer

          Zunächst waren es überwiegend große Wohnbaugesellschaften, erläutert Ulrich Roperts vom Deutschen Mieterbund, die in den vergangenen Jahren dazu übergegangen sind, Nachbarschaftsstreitereien mit Hilfe von Mediatoren zu lösen. Jetzt steigt auch bei Vermietern von kleineren Einheiten das Interesse. Und das aus einem einfachen Grund: Gerade Nachbarschaftskonflikte sind oft so vielschichtig, dass sie von psychologisch ungeschulten Kräften kaum lösbar sind. „Warum es so viel Zündstoff gibt“, sagt Roperts, „ist schnell erklärt.“ Es ist die schlichte Tatsache, dass sich das Zusammenleben in den vergangenen Jahren stetig verändert hat. Früher waren Hausgemeinschaften meistens homogen. Im normalen Mehrfamilienhaus wohnten überwiegend Familien mit Kindern, manchmal mit Oma und Opa. Oft lebte man über Jahrzehnte im selben Haus und kannte einander.

          Heute sieht das anders aus: Familien sind längst nicht mehr in der Überzahl. Immer mehr ältere Menschen leben alleine. Gleichzeitig gibt es auch viel mehr Singles und junge Haushalte ohne Kinder. Die Folge: ganz unterschiedliche Lebenswelten und Tagesrhythmen prallen aufeinander. Dazu kommt, dass das Wohnen immer anonymer wird. Viele kennen nicht einmal den direkten Nachbarn nebenan - und noch weniger dessen Sorgen.

          Nur gewischt und nicht gebohnert?

          Wer jedoch weiß, dass das Baby, das seit Wochen jede Nacht um zwei Uhr wie am Spieß brüllt, einfach Bauchkrämpfe hat, vielleicht sogar die Nöte der alleinerziehenden Mutter kennt, die morgens früh wieder arbeiten muss, wird dies kaum als Schikane empfinden. Wer sich dagegen die Unruhe nicht erklären kann, interpretiert dies schnell als Rücksichtslosigkeit. Oft zu schnell.

          Wird Waelisch gerufen, geht es denn auch keineswegs immer um Störungen, die tatsächlich mietrechtlich relevant sind. Mindestens ebenso häufig, so seine Erfahrung, sind es einfach verschiedene Wertvorstellungen, die aufeinanderprallen. Streit um den Putzdienst im Treppenhaus beispielsweise resultiert oft einfach daraus, dass ältere Menschen andere Erfahrungen haben. Da mag es dann durchaus im Einklang mit der Hausordnung stehen, wenn die junge Mutter im Haus von Marion Haas nicht jede Woche feudelt. Die alte Dame fühlt sich dennoch persönlich angegriffen. Ihr Leben lang, empörte sie sich beim Vermieter, sei es normal gewesen, dass Treppenhaus nicht nur zu wischen, sondern danach auch noch zu bohnern.

          Beiden geht es schlecht

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