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Luxusimmobilien : Wohnen auf Probe

Musterwohnung im L10: Hier darf man mehr als nur schauen. Bild: Sorin Morar

In München können Käufer eine Luxusimmobilie vor dem Kauf testen. Nötig ist das nicht. Denn in Metropolen wird fast alles, was viel kostet, unbesehen gekauft.

          Im Erdgeschoss lärmt noch der Bohrhammer, ein Stahlgerüst schlängelt sich am nackten Beton entlang, auch das Treppenhaus ist mitten im Bau, von den Decken hängen Kabel. Aber im dritten Stock des Mehrfamilienhauses in der Münchner Lilienstraße 10 mangelt es an nichts: Die fünf Räume sind vollständig eingerichtet, im Schlafzimmer sind die Betten bezogen, in der Küche läuft die Espressomaschine, der Fernseher kennt alle Programme, sogar der Seifenspender im Bad ist aufgefüllt. Keine Frage, auf dieser Baustelle kann man wohnen. Und das sollen potentielle Käufer auch.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Jedenfalls wird die Münchner Luxusimmobilie mit dem Schlagwort „Wohnen auf Probe“ angepriesen. „Das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland“, behauptet Jürgen Schorn, Geschäftsführender Gesellschafter der Bauwerk Capital GmbH. Der smarte Mann mit den kurzen schwarzen Haaren ist ein glänzender Verkäufer in eigener Sache. Seine vor acht Jahren gegründete Beratungsgesellschaft habe das exklusive Wohnen in München revolutioniert, sagt er - und meint das ganz ernst. Seine 18 Angestellten seien nämlich nicht nur Vermittler, sondern Dienstleister von der Planung bis zum Verkauf der Immobilie. Das Wort „Makler“ meidet Schorn. Seine neueste, „revolutionäre Idee“ ist das Wohnen auf Probe. An diesem Wochenende ziehen erstmals Interessenten ein. „Unsere Kunden sollen das höchste Ausstattungsniveau wirklich erleben“, verspricht Schorn.

          Stattlicher Preis

          „Großzügig“ und „von Licht durchflutet“ sind Vokabeln, die dem Bauwerk-Geschäftsführer schon beim Betreten des Flures über die Lippen kommen. Er öffnet ein raumhohes Holz-Aluminium-Fenster und schwärmt von dem „angenehmen Raumklima“ dank der Lüftungspaneele. Und dass es im Hof eine Ladestation gibt, an der die Bewohner künftig ihre Elektroautos laden können, verschweigt er ebenso wenig wie den stattlichen Preis von 1,3 Millionen Euro für die knapp 200 Quadratmeter.

          Doch auf eine Frage fällt ihm die Antwort schwer: Warum Bauwerk Capital ein Angebot unterbreitet, das Kunden eigentlich gar nicht nachfragen. Probewohnen in München erscheint so überflüssig wie eine Elektrotankstelle für Elektroautos, die es heute noch gar nicht gibt. Wer sich in München unter Maklern umhört, die Luxusimmobilien oberhalb von 5000 Euro den Quadratmeter verkaufen, bekommt nur eine Antwort: Aus Angst vor Inflation kaufen vermögende Investoren teilweise ungesehen jede Immobilie, sofern die Lage stimmt.

          Objekte sind Selbstläufer

          Das Luxus-Wohnhaus in der Lilienstraße steht in der Münchner Au, damals eine dicht bevölkerte Vorstadt der kleinen Leute mit Spenglereien und Schlossereien in den Höfen, heute ein Stadtviertel, das die Besserverdienenden anzieht, weil Baulücken mit Luxusappartements geschlossen und alte Biedermeierhäuschen aufwendig saniert werden. Das Objekt „L 10“, so nennt es Bauwerk Capital in seinem Hochglanz-Exposé, liegt nah an der Isar. In der Straße gibt es noch einen Gründerzeitbau, der nun das Wirtshaus in der Au beherbergt, einen bunten Vierteltreff, in dem die Kellner krachlederne Bundhosen und neobajuwarische Halstücher tragen. Immobilien in solch einer Lage verkaufen sich beinahe von selbst.

          Das hat auch Bauwerk-Geschäftsführer Schorn so erlebt: Vier der zehn „L 10“-Wohnungen sind vom Bauplan gekauft worden, noch bevor der Grundstein gelegt war. Eine weitere Wohnung ist reserviert. Und auch die 200-Quadratmeter-Wohnung in der dritten Etage hat schon Interessenten gefunden, ohne dass dort übernachtet wurde. Trotzdem soll die Wohnung bis Ende Februar für „Probewohner“ freigehalten werden. Am Ende gibt aber auch Schorn zu, dass „Wohnen auf Probe“ momentan erst einmal nur eine Marketingstrategie ist. „Aber es können auch wieder Zeiten kommen“, sagt Schorn, „in denen sich Luxusimmobilien selbst in Toplagen nicht so leicht verkaufen lassen.“ Fast klingt das so, als wünsche er sich das.

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