https://www.faz.net/-gz7-a9rvd

Geheimes Refugium : Die rätselhafte Casa Mollino

  • -Aktualisiert am

Familiär: Die pinkfarbenen Sessel stammen aus Mollinos Elternhaus, das er zeitlebens bewohnt hat. Bild: Quynh Tran

Turin ist Zentrum des Okkulten. Der Gestalter Carlo Mollino hatte sich dort einst eine geheime Wohnung eingerichtet, und keine Nacht darin verbracht.

          5 Min.

          Nichts an der gutbürgerlichen Villa im Herzen von Turin deutet auf das hin, was sich in ihrem Inneren eröffnet. Hinter der klassizistischen Fassade hatte sich der Architekt und Universalgestalter Carlo Mollino über Jahre ein Lebenswerk aufgebaut, ein Geheimnis, das seine Anhänger bis heute zu entschlüsseln versuchen.

          Schon der erste Blick zeigt den außergewöhnlichen Charakter der Gemächer: Ein Flur mit floralen Fliesen und einem Murano-Blumenlüster von Paolo Venini führt vorbei an schweren Samtvorhängen und filigranen Shoji-Wänden zu einer Flucht von Räumen mit Blick auf das Ufer des Po und die Berge. Im zentralen Salon liegt ein Ze­brafell, dessen Streifen wie sanfte Wellen zum Balkon Richtung Fluss zeigen, umrahmt von zwei großen Muschelschalen; daneben ein Thonet-Schaukelstuhl und eine Le-Corbusier-Liege. Zur Linken ist das Wohnzimmer mit der Bibliothek, dem großen Ledersofa und pinkfarbenen Satinsesseln, zur Rechten das Esszimmer mit Tulip-Stühlen von Eero Saarinen vor Wänden, mit einem Wald-Kupferstich tapeziert und großen Spiegeln behängt, die die großzügigen Räume reflektieren und noch weitläufiger erscheinen lassen.

          Aber all das ist eigentlich nebensächlich. Der Hausherr hatte in seiner schönen Wohnung nicht eine Nacht verbracht. Lange war der Ort geheim, nicht mal die engsten Freunde wussten von seiner Existenz. Erst nachdem Mollino 1973 unerwartet an einem Herzinfarkt starb und weder Erben noch Testament hinterließ, wurde die Wohnung im ersten Obergeschoss der Via Napione 2 entdeckt und mit ihr Tausende Polaroidaufnahmen von Frauen in lasziven Posen. Man nahm an, sie sei ein Rückzugsort gewesen, an dem er sich vergnügt hatte, und vergaß sie wieder. Durch einen glücklichen Zufall hörte schließlich der Kunsthändler Fulvio Ferrari in den achtziger Jahren davon, machte sich auf die Suche, fand die Wohnung, die mittlerweile zu einem Ingenieurbüro geworden war. Ferrari freundete sich mit dem Ingenieur an, der sie ihm später verkaufte. Das war 1999. Von der ursprünglichen Einrichtung waren nur noch die verblassten Spiegel, Tapeten und die großen Lampions aus Japanpapier geblieben.

          Muschel und Zebra: In den Zimmerfluchten treffen Design-Klassiker wie die Le-Corbusier-Liege auf Tierisches.
          Muschel und Zebra: In den Zimmerfluchten treffen Design-Klassiker wie die Le-Corbusier-Liege auf Tierisches. : Bild: Quynh Tran

          Ferrari fand einen Original-Grundriss mit dem gesamten Inventar und alte Fotos. Er fing an, die Wohnung nach dem Plan zu rekonstruieren, kaufte Möbel von Freunden Mollinos und auf Auktionen. Bis heute kommen immer wieder neue Details hinzu; erst im vergangenen Jahr wurde ein Gemälde in die Wohnung zurückgebracht, das die einstige Verlobte Mollinos zeigen soll, seine wohl einzige ernsthafte Beziehung, war er doch bis zuletzt Junggeselle.

          Feuer, Wasser und Luft

          Im Zuge der Rekonstruktionsarbeiten stellte Ferrari fest, dass das Refugium für Carlo Mollino alles andere als ein kurzweiliges Vergnügen war. Es war das Lebenswerk des 1905 geborenen Gestalters, ein Raum für das Leben, nur eben nicht für dieses Leben. „Das ist Carlo Mollinos Pyramide. Sie mögen es nicht auf den ersten Blick sehen, aber die Symbole sind überall. Bei Mollino geht es nicht um das, was Sie sehen, sondern die Bedeutung dahinter. Diese Wohnung hier ist sein ägyptisches Totenbuch, ein Raum für die Ewigkeit“, sagt Fulvio Ferrari, der mit seinem Sohn Napoleone Ferrari die Casa Mollino mittlerweile als Privatmuseum leitet.

          Überall, erzählen sie, deuten Zeichen auf das Jenseits. Das ist nicht nur die Überzeugung der Ferraris. Silvio Curto, der Ägyptologe am Turiner Museo Egizio war, das immerhin die zweitgrößte ägyptische Sammlung der Welt beherbergt, hat die Symbole gedeutet. Da sind die pinkfarbenen Sessel aus Mollinos Elternhaus, das er zeitlebens bewohnt hat, die Memorabilien in der Vitrine und seine Entwürfe. Da sind die ägyptischen Symbole der Lebenselemente Feuer, Wasser und Luft in Form der Muscheln und Lampen, die wiederkehrende Zahl Acht als Zeichen der Ewigkeit und sogar eine Barke auf blauem Teppich, die in der ägyptischen Mythologie die Toten ins Jenseits bringt. Und da ist Mollinos Buch über Fotografiegeschichte „Il Messaggio dalla Camera Oscura“ von 1949, das voller ägyptischer Abbildungen ist und eine ganz wörtliche Botschaft aus der Dunkelkammer sein soll – Carlo Mollinos moderne Pyramide eben.

           Okkulte Symbolismen: Die Proportionen,  die Hängung der Bilder, die Erinnerungsstücke – alles lässt sich deuten.
          Okkulte Symbolismen: Die Proportionen, die Hängung der Bilder, die Erinnerungsstücke – alles lässt sich deuten. : Bild: Quynh Tran

          Es mag kein Zufall sein, dass sich ausgerechnet ein Sohn Turins für das Mystische und das Okkulte begeistert, gilt es doch als Stadt, in der sich das Dreieck der schwarzen und der weißen Magie treffen. „In Turin machen die Händler des Übernatürlichen mehr Umsatz als der Fiat-Konzern“, schrieb die Schriftstellerin Camilla Cederna, wohlgemerkt zu Hochzeiten des Autokonzerns.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht so die beste Impfstrategie aus? Das Impfzentrum des Klinikums Stuttgart in der Liederhalle

          Infektionsgeschehen : Das Risiko der Armen

          In immer mehr Städten zeigt sich, dass sich die Menschen in strukturschwachen Vierteln eher mit Corona infizieren. Stuttgart hat das nun genau analysiert. Muss gezielter geimpft werden?
          Französische Fischerboote vor der Küste von Jersey am Donnerstagmorgen

          Brexit-Streit vor Jersey : Wenn Paris und London Kriegsschiffe entsenden

          Die Regierungen rufen nach einer gütlichen Einigung, üben sich aber in militärischen Drohgebärden. Ein britischer Fischer will es wissen: „Wir sind bereit, die Schlacht von Trafalgar noch einmal zu führen.“
          Die Grünen wären dabei: Schon im März demonstrierten sie vor der bayerischen Staatskanzlei gegen die 10-H-Regelung.

          Streit um Windkraft in Bayern : Eine Frage des Abstands

          Der Ausbau der Windenergie in Bayern stockt. Der Umweltminister der Freien Wähler will deshalb an den Regeln, wie weit Windräder von Siedlungen entfernt sein müssen, rütteln. Doch die CSU macht nicht mit. Wie passt das zu Markus Söders ambitionierten Klimazielen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.