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Geheimes Refugium : Die rätselhafte Casa Mollino

  • -Aktualisiert am

Mollinos Möbelentwürfe werden heute für Millionenbeträge versteigert

So geheimnisvoll wie die Stadt, in der er wirkte, bleiben Leben und Werk Carlo Mollinos. Zwar wurde der Sohn eines bekannten Ingenieurs in den zwanziger Jahren am Turiner Polytechnikum als Architekt ausgebildet und lehrte dort später auch, besser lässt er sich aber als moderner Universalschaffender beschreiben, der auch Autor, Erfinder, Fotograf und Sportler war, um den sich bis heute viele Mythen ranken. Vielleicht zeigt sein Werk, was entstehen kann, wenn man nicht für Geld arbeiten muss, erlaubte das Vermögen seines Vaters es ihm doch, sich frei von finanziellem Drängen zu beschäftigen.

Hüter der Casa Mollino: Fulvio Ferrari und sein Sohn Napoleone
Hüter der Casa Mollino: Fulvio Ferrari und sein Sohn Napoleone : Bild: Quynh Tran

Nur ein Dutzend seiner architektonischen Entwürfe wurde realisiert, darunter das Turiner Teatro Regio und die Slittovia, eine Rodelbahn in den angrenzenden Alpen, die noch heute zu sehen sind. Das mag einer der Gründe sein, warum Mollino bisher nicht zum Kanon der modernen Architekten gezählt wird, obwohl er als Begründer der organischen und der surrealistischen Architektur gilt, seine Möbelentwürfe heute für Millionenbeträge versteigert werden und seine erhaltenen Bauten als Forschungsgrundlage dienen. Ein anderer Grund mag sein, dass sich die Entwürfe Mollinos im Gegensatz zu denen von Eames oder Mies van der Rohe nicht so leicht reproduzieren lassen. Mollino galt als Perfektionist, der schon in drei Dimensionen dachte, bevor es technisch möglich war. Er hat, etwa für seine Stühle, arabeske Formen ersonnen, die nur in aufwendiger Handarbeit zu realisieren waren. Um sie zu schützen, soll er die besten Werkstätten der Stadt angewiesen haben, die Stühle nur sonntags zu produzieren, damit niemand sie vorab zu Gesicht bekam. Zudem entwickelte er für seine Entwürfe neue Verfahren wie etwa die Kaltformung von Holz, die er patentieren ließ.

Hang zu biomorphen Kurven, die dem weiblichen Körper gleichen

Die perfekte Kurve hat er nicht nur in seinen Entwürfen gesucht, zu denen auch Rennwagen und Flugzeuge gehörten, sondern als begnadeter Rennfahrer, Kunstflieger und Skifahrer auch auf der Rennbahn und in den Bergen. Darüber hinaus war Carlo Mollino Autor mehrerer Bücher, und fotografiert hat er auch. Die Nacktaufnahmen, die man nach seinem Tod fand, wurden oft als Sexbesessenheit (und er als Dandy) gedeutet. Posthum haben sich ehemalige Modelle allerdings oft erstaunt über sein Desinteresse am Akt geäußert. Bis heute ist seine Sexualität, ebenso wie seine religiösen und politischen Einstellungen, ungeklärt. Vielmehr zeigen auch die Fotos nur eine Obsession für Formen und Proportionen, hat Mollino doch jedes einzelne Foto ebenso akribisch komponiert wie seine Entwürfe und seine geheime Pyramide. Betrachtet man seine Möbel im Kontext seines Gesamtwerks, so zeigen sie sich schließlich als Symbiose der verschiedenen Disziplinen. Die biomorphen Kurven gleichen oft dem weiblichen Körper, der für Mollino wohl eher ästhetische denn erotische Obsession war.

Er selbst ist jedenfalls zu einer Obsession für seine Anhänger geworden. Schon 2011 hat Kurator Chris Dercon ihm seine letzte Ausstellung im Haus der Kunst in München gewidmet. Auch der Designer Riccardo Tisci hat ihm mit einer Kollektion bei Givenchy eine Hommage gesetzt. So wird Mollino nach und nach eine größere Öffentlichkeit zuteil. Sein Erbe aber führen Fulvio und Napoleone Ferrari in seiner einst geheimen Wohnung fort, die heute als Museum wohl belebter ist, als sie es zu seinen Lebzeiten je war.

Dass die beiden aus echter Leidenschaft ohne kommerzielle Hintergedanken handeln, haben auch schon Möbelunternehmen zu spüren bekommen, die sich nach Kollaborationen erkundigen. Denn das Interesse von Vater und Sohn Ferrari an der Casa Mollino gilt der Botschaft, nicht den Objekten. Noch nach mehr als zwanzig Jahren alltäglicher Auseinandersetzung mit seinem Werk entdecken Fulvio und Napoleone Ferrari immer wieder neue Botschaften, wie zuletzt den Goldenen Schnitt in der Hängung der Kunstwerke im Esszimmer. „Carlo Mollino hat nicht nur vollendete Objekte entworfen. Er war zweifelsohne das Universalgenie der Moderne, der universal gedacht hat. Es gibt noch so viel, das wir von ihm entdecken müssen“, sagt Fulvio Ferrari.

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