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Schlechte Gerüche : Wenn das Zuhause einem stinkt

"Gestank kann mikrobiologische und chemische Ursachen haben", erklärt Geruchsexperte Heine. Chemische Gerüche haben etwas Dumpfes, Beißendes und entstehen aus synthetischen Baustoffen, aus Kunststoffen, Teer, Lösemitteln, Spanplatten, Textil- oder PVC-Belägen. Auch Lacke, Kleber und Holzschutzmittel sind dafür verantwortlich. Riecht es muffig, modrig, zwiebelig oder holzig, stammt die Ausdünstung aus biologischen Zersetzungsprozessen, von Schimmelpilzen und Bakterien, wie sie in nassen Altbaukellern oder nach Wasserschäden wachsen. Hinzu kommen kloakige Abwassergerüche aus undichten Stellen in Belüftungsrohren für die Abwasserleitung und Mief von Tierfäkalien - auf von Ratten behausten Dachböden oder in Wohnungen, deren Mieter ein Dutzend Haustiere halten.

Immer der Nase nach

Wenn Martina Clemens-Ströwer die Räume eines Auftraggebers betritt, geht sie erst mal nur ihrer geschulten und zertifizierten Nase nach: Sie verschafft sich einen ersten Eindruck von dem Geruch und versucht ihn einzuordnen: "Das ist natürlich auch Erfahrungssache." Vor dem Termin bittet sie ihre Klienten, mindestens acht Stunden lang nicht zu lüften und die Türen untereinander geschlossen zu halten, damit sich die Gerüche besser anreichern. Ebenso verzichten Gutachter vorab selbst auf alles, was den Geruchssinn beeinträchtigt: starkes Parfüm, Kaugummi, Kaffee oder Alkohol am Vortag.

Handelt es sich um einen chemischen Geruch, nimmt die Diplomingenieurin eine Luftprobe und lässt sie im Labor auf die im Verdacht stehenden Substanzen untersuchen. Ist ein Baustoff oder ein Möbelstück vermutlich der Auslöser, Teppich, Tapete oder Laminat, schickt sie eine Materialprobe hinterher und gleicht die Ergebnisse ab. "Bei Gerüchen aus Abflussrohren oder Brandgeruch gelingt der Labornachweis meist nicht, da ist unsere Nase doch sehr viel empfindlicher", räumt Clemens-Ströwer ein. Heine hat noch einen Trick: Er gibt einen Materialrest in ein Marmeladenglas und stellt es für zwei Tage auf die Heizung - die Wärme wirkt geruchsverstärkend. Öffnet man den Deckel, strömt der Eigengeruch des Stoffes ungefiltert heraus und man weiß sofort: Das ist es oder eben nicht.

Ist die Ursache gefunden, gilt es zu handeln: stinkende Baustoffe müssen herausgerissen, die Feuchtigkeitsursache biologischer Gerüche durch Rückbau behoben werden - Schimmelspray hilft da wenig. Vorher ist es laut Clemens-Ströwer aber sinnvoll, Beweise zu sichern: Zeugen heranzuziehen, Fotos von den Räumen zu machen, ein Geruchsprotokoll zu führen und einen Gutachter einzuschalten - zumindest wenn man eine Entschädigung für die Sanierung bekommen möchte.

Dichte Bauweise fördert Geruchsbildung

Kunden rufen Heine immer häufiger, weil sie sich von Gerüchen in ihrer Wohnung gestört fühlen. Die Fälle nehmen zu: "Einerseits kommen öfter synthetische Baustoffe zum Einsatz als früher, die mehr geruchserzeugende Stoffe beinhalten", umreißt er die Gründe. "Andererseits liegt es an unserer heutigen, dichten Bauweise. Um möglichst viel Energie zu sparen, verschließen wir Türen und Fenster mit Gummilippen. So findet kaum noch natürlicher Luftaustausch statt, und Gerüche konzentrieren sich gemeinsam mit Schadstoffen und Schimmel in der Raumluft." Tauschte sich früher frische gegen verbrauchte Luft allein über Schlitze und Fugen im Gebäude mindestens alle zwei Stunden aus, so Clemens-Ströwer, geschieht dies heute nur noch alle zehn Stunden - zu wenig, um ein hygienisches Raumklima zu gewährleisten. Schaffen etwa Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung für Passivhäuser keine Abhilfe, so ist es für Bewohner fast unmöglich, dagegen anzulüften: "Dadurch werden sogar Baustoffe zum Problem, die bei entsprechendem Lüftungskonzept unbedenklich wären."

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