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Junge Gestalterinnen : Design wird weiblich

  • -Aktualisiert am

Halten sich die Waage: Auf dem Pflanzenständer „Longarm“ von Katrin Greiling finden Vase und Gießkanne ihr gutes Gleichgewicht. Bild: Privat

Junge deutsche Gestalterinnen treten auf den Plan: Sie vertreiben ihre Werke selbst und sprengen die Grenzen zwischen Produktdesign, Innenarchitektur und Kunst.

          An wen denken die meisten wohl beim Stichwort deutsches Design? Wahrscheinlich an Dieter Rams mit seinen Braun-Geräten und Vitsœ-Möbeln. Eine Gestalterin fällt wohl kaum jemandem ein. Nicht erstaunlich, denn gerade in Deutschland war die Gründung von Designbüros lange Männersache. Das mag auch an der großen Nähe der Gestaltung zur Industrie hierzulande gelegen haben. Aber seit einigen Jahren läuft manches anders: Handwerk ist wieder anerkannt, und digitale Entwurfs- und Fertigungsmethoden eröffnen neue Möglichkeiten. Junge Designer machen sich unabhängig von Herstellern und vertreiben ihre Produkte stattdessen selbst, dank Internet. Manche gründen sogar eigene Designlabels.

          Und plötzlich werden sie sichtbar, die Designerinnen. Sie entwerfen vermeintlich Weibliches wie Porzellan, Textilien und Accessoires – aber Leuchten, Sitzmöbel oder andere Gebrauchsgegenstände ebenfalls. Und sie queren lässig die Grenzen der Disziplinen, gestalten Produkte genauso wie Räume oder Markenauftritte. Dass viele von ihnen ihre Studios in Berlin haben, ist auch kein Zufall: Hier hat sich in letzter Zeit ein kleiner Design-Gründungsboom ereignet. Wir stellen drei deutsche Designerinnen vor und zeigen ihre neuen Projekte – rechtzeitig zu den Designmessen, die dieser Tage in Köln und Paris stattfinden.

          Katrin Greiling

          Wir Menschen im Westen sind Möbelsitzer: Wir lassen uns nieder auf Stühlen oder Bänken, auf Sofas oder Sesseln. „Im Nahen Osten sitzt man viel mehr auf dem Teppich als bei uns in der westlichen Kultur“, sagt Katrin Greiling. Die Berliner Designerin hat drei Jahre in Dubai verbracht und erlebt, was für eine große Rolle der Teppich dort im Alltag spielt. Diese Erfahrung hat Greiling nun in ein aktuelles Projekt für das Textillabel Kinnasand einfließen lassen. Es ist von vergangenem Montag an unter dem Titel „Structures“ auf der Kölner Möbelmesse 2018 zu sehen. Greiling hat Rahmenstrukturen aus Stahlrohr entworfen, über die sie Teppiche aus der Kinnasand-Kollektion legt. „Ich wollte die Teppiche vom Boden anheben, sie erhöhen“, erklärt sie. „Die Produkte haben eine tolle Qualität, sind handgeknüpft oder -gewebt, in einer großen Farbvielfalt.“ Die Rahmenstrukturen wirken zwar abstrakt, lehnen sich aber in Größe und Funktion an drei verschiedene Möbeltypen an: Daybed, Bank und Fußhocker. Dank der Teppiche werden sie zu Mischwesen, die die westlich geprägte Trennung zwischen Boden und Möbel verwischen.

          Die Designerin selbst vereint verschiedene Welten in sich, denn sie hält sich in ihrer Arbeit nicht an die Grenzen gestalterischer Disziplinen. Sie macht nicht nur Möbeldesign und Innenarchitektur – die Fächer, die sie in Stockholm studiert hat –, Katrin Greiling kuratiert und gestaltet Ausstellungen, arbeitet als Artdirektorin und fotografiert. Außerdem unterrichtet sie seit vergangenem Jahr als Professorin für Produkt- und Interiordesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. „Das tut mir in meinen Arbeitsprozessen sehr gut, vom Produkt in der Skala höher zu gehen, im Raum zu denken, im Bild zu denken“, sagt Greiling. „Das hängt alles zusammen. Ein Produkt kommuniziert mit seinem Bild, der Raum kommuniziert mit den Produkten.“ Zudem betreibt sie einen eigenen Online-Shop. Denn sie kümmert sich bei einigen ihrer Entwürfe auch selbst um Herstellung und Vermarktung. Etwa beim Pflanzenständer „Longarm“, der zwei Blumentöpfe in einem fein austarierten Gleichgewicht tragen kann. Das kleine, grüne Metallobjekt könnte aber noch ganz andere Dinge ausbalancieren, Bücherstapel vielleicht, Lautsprecher oder Schnapsflaschen. Noch ein Mischwesen also, das sich nicht eindeutig festlegen lässt – und damit so typisch ist für Greilings Arbeit.

          Joa Herrenknecht

          Heute schon aus dem Fenster geschaut? Es könnte sich lohnen – Joa Herrenknecht jedenfalls hatte beim Blick nach draußen den Einfall für einen neuen Stoff: „Auf einer Fahrt von Kopenhagen nach Aarhus habe ich lange einfach nur den Himmel beobachtet“, erzählt die Berliner Designerin. „So kam die Idee mit den Wolken.“ Für den dänischen Möbelhersteller Bolia entwickelte sie ein zweifarbiges Webmuster, das sich wie ein wolkiges Camouflage um Kissen und Polster legt. Besonders wichtig für die in Kanada geborene Designerin: Bolia lässt den Stoff in einem norwegischen Familienbetrieb aus reiner Wolle weben. „Das ist ein Statement. Weil Norwegen nicht gerade günstig ist.“ „Clouds“ gibt es zu kaufen als Bezug auf Kissen, gepolsterten Hockern und Sesseln.

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