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Berliner Heimarbeiter

Text und Fotos von OLE WITT

Wir haben unserem Zuhause ganz schön viel abverlangt in den vergangenen Monaten: Es war nicht nur Schlafstatt und sicherer Hafen, sondern auch Schule, Fitness-Studio, Restaurant - und für sehr viele Menschen auch erstmals das Büro. Der Fotograf Ole Witt hat Berliner in ihrem Homeoffice porträtiert und die Frage gestellt:

„Ist diese Form, zu arbeiten, die Zukunft - oder bleibt es eine Notlösung?“



Mein Arbeitgeber erlaubt mir, überall in Europa zu arbeiten, denn als Backend-Ingenieur brauche ich nur meinen Rechner. Trotzdem war ich vor Corona immer nur im Büro. Die Pandemie hat mich gezwungen, das Homeoffice auszuprobieren, und es gefällt mir sehr. Ich kann aufstehen, wann ich will, kann in der Mittagspause spazieren gehen und bin trotzdem produktiv. Ich denke, dass ich auch nach der Krise nicht mehr fünf Tage ins Büro gehen werde.


Die Uni hat sehr schnell auf diese Sondersituation reagiert. Die Vorlesungen im Hörsaal sind jetzt alle online, und die Studierenden können von zu Hause aus live teilnehmen. Ich denke, dass die Unis gerade viel dazulernen, wie man digital Wissen vermitteln kann. Allerdings lebt das Studieren auch vom Zwischenmenschlichen, und dieser soziale Aspekt geht gerade etwas verloren.


Anfangs war die Vorstellung, zu Hause arbeiten zu müssen, angstbesetzt. Ich kannte dieses Arbeiten nur aus meiner Studienzeit. Mittlerweile habe ich mich den Umständen gut anpassen können. Mir ist aufgefallen, dass ich Aufgaben, die sehr viel Ruhe und Konzentration erfordern, besser im Homeoffice als im Büro absolvieren kann.

Seit drei Jahren bin ich Berufspendler, meine Familie wohnt in Hamburg. Die Pandemie hatte auf diese Situation sogar positive Auswirkungen. Einige Tage konnte ich bei meiner Familie im Homeoffice arbeiten. Meetings hatten wir dann digital. Diese Videocalls waren etwas Neues für mich, und seitdem benutze ich Skype auch privat, um meine Familie unter der Woche zu sehen.


Ich arbeite als Presseoffizier und Redakteur bei der internen Bundeswehr-Zeitschrift "Y". Vor der Krise war ich in ganz Deutschland unterwegs, um über die Arbeit der Soldaten zu berichten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie dürfen wir nur sehr eingeschränkt Auswärtstermine wahrnehmen. Meine Berichterstattung konzentriert sich seither auf das Berliner Umland. Um die Sicherheitsstandards zu gewährleisten, haben wir die Vorgabe, dass zivile IT nicht mit dienstlicher verknüpft werden darf. Damit wir jetzt im Homeoffice arbeiten können, mussten schnell neue Methoden entwickelt werden.


Im Lockdown musste ich ein ganz neues Level an Multitasking entwickeln. Zu Hause wechselte ich permanent zwischen den Hausaufgaben meiner Kinder und meinen Verpflichtungen für die Arbeit. In der Organisation, die ich leite, hatten wir schon vorher versucht, Arbeitsstrukturen zu dezentralisieren. Corona hat uns dazu gezwungen, Neues zu wagen. Diese Zeit war sehr lehrreich, um zu erfahren, was die ideale Balance zwischen Präsenz und Homeoffice im Arbeitsalltag ist.


In der Zeit des Lockdowns war ich Mutter, Kita-Chefin, Köchin und habe Vollzeit in meinem Job gearbeitet. Das hat mir viel abverlangt, hatte aber auch seine schönen Seiten. Besonders die Zeit, die ich unter der Woche mit meiner Familie verbringen konnte, hat mir viel Freude bereitet. Diesen Zwang zur Digitalisierung brauchte Deutschland, um wichtige Prozesse in Gang zu setzen. Ich hoffe, dass Arbeitgeber in dieser Zeit verstanden haben, dass man Mütter in Führungspositionen einstellen kann, wenn die digitalen Strukturen stimmen.


Mir fehlt das Soziale, der Smalltalk und die Mittagspausen. Das Arbeiten an sich klappt allerdings super. Ich hätte gerne die Wahl zwischen Homeoffice und Büro. Ich merke, dass ich zu Hause fokussierter arbeiten kann und dabei sogar Zeit gewinne, weil die Arbeitswege wegfallen.


Anna Piekulla

Gerade an einer Grundschule ist man als Lehrerin immer sehr im Fokus. Das Homeoffice war da schon sehr entschleunigend. Für die Schüler ist Präsenzunterricht aber besser. Die Kleinen brauchen neben dem Lernen auch den Kontakt zu den Mitschülern. In der Zeit des Lockdowns habe ich wöchentliche Lehrpläne gemacht und sie online an die Eltern geschickt. Ich würde gerne mehr digitale Strukturen etablieren, allerdings hat unsere Schule noch nicht einmal W-Lan.


Max Piekulla

Der Lehrerberuf lebt auch davon, dass man zusammen mit den Schülern Themen erarbeitet und danach darüber diskutiert. Dieser Diskurs ging im Homeoffice verloren. In der Zeit des Lockdowns haben wir ausschließlich digital kommuniziert. Gerade auf der Berufsschule gibt es viele Schüler, die Präsenz und feste Strukturen brauchen. Nach dem Lockdown sind mehrere einfach nicht mehr erschienen, weil die Regelmäßigkeit nicht mehr da war.


Vor Corona war ich nie im Homeoffice. Anfangs war ich hoch motiviert. Ich konnte in Jogginghose arbeiten, Sachen erledigen, für die ich sonst erst am Wochenende Zeit hatte, und war dabei selbstbestimmt und produktiver als im Büro. Mittlerweile ist der Hype etwas abgeebbt. Ich vermisse meine Kollegen und das direkte Zusammenarbeiten. Nach Corona hätte ich gerne eine Mischung aus Büro und Homeoffice. Die Fünftagewoche erschien mir immer sehr lang, und im Homeoffice wird die irgendwie unterbrochen.


Kurz vor der Pandemie habe ich meinen Bürojob gekündigt und war mit meiner Frau mehrere Monate auf Reisen. Coronabedingt mussten wir frühzeitig wieder zurück nach Deutschland. Ich hatte keine Lust auf einen neuen Bürojob und wollte sowieso etwas Neues anfangen. Absurderweise hat mir diese Sondersituation den Mut gegeben, mich selbständig zu machen. Dank des Internets kann ich dies von zu Hause aus tun.  


Vor der Pandemie bin ich fünf Mal in der Woche mit meinem Fahrrad ins Büro gefahren und habe von dort gearbeitet. Bei uns gab es vorher schon die Möglichkeit zuhause zu arbeiten, allerdings habe ich dieses Angebot nicht wahrgenommen. Mir gefällt das Büroleben. Ich bin erst seit zwei Jahren in Deutschland und der Arbeitsalltag hat mir geholfen, mich in der Gesellschaft einzufinden und die Sprache zu lernen.


In meinem Job konzipiere ich digitale Lernprogramme, damit Angestellte Lehrgänge von überall absolvieren können. Für meine Arbeit brauche ich nur einen Computer. Allerdings konnte ich dies aus Datensicherheitsgründen nicht im Homeofffice tun. Durch die Pandemie haben sich dafür neue Strukturen ergeben. Ich kann der Arbeit von Zuhause viel Positives abgewinnen. Ich merke allerdings, dass sich mein privater Raum mit meinem Arbeitsplatz vermischt und ich weniger Motivation habe, kreativ an meinem Schreibtisch zu arbeiten.


Ich fand Homeoffice nie wirklich cool. Ich brauche das Grundrauschen im Büro. Überhaupt war ich kaum darauf vorbereitet und musste mir erstmal einen Schreibtisch besorgen. Den Bildschirm habe ich aus der Redaktion in der U-Bahn mitgenommen. Anfangs hatte ich gar keine Struktur. Ich habe in Schlafklamotten vor dem Rechner gefrühstückt und teilweise vergessen, Mittag zu essen. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass Homeoffice für mich nur funktioniert, wenn ich meinen Tag so ähnlich strukturiere wie meinen normalen Arbeitsalltag.


Schon vor der Pandemie habe ich ein bis zweimal pro Monat im Homeoffice gearbeitet. Die Umstellung war daher sehr einfach. Ich schaffe zuhause mehr als im Büro. Meetings fangen pünktlich an und man wird von niemandem gestört. Trotzdem ist das für mich keine Dauerlösung. Arbeit und Privatleben verschwimmen und es kostet eine Menge Disziplin, seine Routine einzuhalten.


In meinem Job kommt alles auf direkte Kommunikation an: aktiver Austausch, Meetings, Workshops. Jetzt mache ich all diese Sachen über Slack und Zoom von zuhause aus. Vor Corona war ich eigentlich nur zum Schlafen zuhause. Jetzt, wo ich hier arbeite, habe ich plötzlich ein ganz anderes Verhältnis zu meiner Wohnung. Um hier arbeiten zu können, brauchte ich erst mal einen Schreibtisch. Später habe ich mir dann ein paar Pflanzen besorgt, um meinen Arbeitsplatz etwas wohnlicher zu gestalten.


Kurz vor der Pandemie habe ich meinen Job gekündigt. Ich wollte raus aus der Vollzeit. Dass so ein radikaler Wandel bevorsteht, konnte ich natürlich nicht ahnen. Durch die Quarantänemaßnamen mussten wir sowieso zuhause bleiben und ich habe die Zeit genutzt , um zu malen. Es ist schon lange mein Traum, mich mit meiner Kunst selbstständig zu machen. Corona hat mir diese Entscheidung dann sozusagen abgenommen, es wirklich zu versuchen. Das Arbeiten von zuhause ist etwas Neues für mich. Es fühlt sich befreiend an, selbstständig entscheiden zu können wann und wie ich arbeiten will.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 25.09.2020 09:02 Uhr