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Internationale Bauausstellung : Wandeln auf dem Holzweg

Karrierist: Holz ist gefragt Bild: Getty Images

Was nach moderner Architektur in der Alpenregion aussieht, steht an der Waterkant. Auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg kommt der Baustoff Holz groß raus.

          5 Min.

          Der Bauherr des fünfgeschossigen Passivhaus-Wohnwürfels auf dem Gelände der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Hamburg hat momentan keine Lust, die Dinge schönzureden. Wohlfühlkuschelraumklima hin, Feng-Shui-Harmonie her. Auch die Tatsache, dass der Neubau namens „Woodcube“ mit seinen fast 1500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche und der Fassade aus Vollholz durchaus ungewöhnlich ist, versetzt den Investor nicht in Hochstimmung. Weder Folien, Dämmstoffe, Leim und Nägel noch Holzschutzmittel sollen im „Woodcube“ verarbeitet worden sein. Einziger Schönheitsfehler ist der Betonkern im Gebäudeinneren. Davon abgesehen, gilt für diesen Geschosswohnungsbau: Natur pur.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch der Weg zum Vorzeigeökohaus ist alles andere als ein Spaziergang. „Das Ganze ist eigentlich Wahnsinn“, sagt der Mann, der hinter der als Bauherr auftretenden P&P GmbH steht. Am Telefon hat er sich als „Mister Woodcube“ vorgestellt. Eigentlich heißt er Matthias Korff, ist Immobilieninvestor, mischt in ganz Deutschland im Bauträgergeschäft mit und tritt nun mit seinem ehrgeizigen Vorhaben auf der IBA an, die seit diesem Wochenende läuft.

          Dort ist das Mehrfamilienhaus bei weitem nicht der einzige Holzbau, der auf einer 30 Hektar großen Brache als Beitrag zur Bauausstellung entstanden ist. „Metrozone“, inneres Randgebiet, nennen die IBA-Planer diese kleine Architektur-Sonderschau, die gleich hinter dem S-Bahnhof in Hamburg-Wilhelmsburg liegt. Sie ist nur ein Teil der Gesamtausstellung, die den ganzen Stadtteil umfasst.

          Die Stadt von morgen mit dem Wissen von heute

          Über Jahre lag das Quartier auf der Elbinsel im Abseits. Während die Stadt auf der anderen Seite des Wassers ihr Erscheinungsbild hegte und pflegte, blieb Wilhelmsburg auf der Strecke. Die Bauausstellung ist daher vor allem auch Entwicklungsprojekt im Bestand. Durch sie soll der Anschluss an das übrige Stadtgebiet und die prosperierende Hafencity gelingen.

          Nicht jeder Investor hat sich wie Korff in das IBA-Abenteuer gestürzt. Von manchem Interessenten heißt es, er habe gleich bei der Ankunft am Bahnhof die Lust am Bauen für die Zukunft verloren, als er sah, dass Wilhelmsburg nicht zu Hamburgs schönsten Seiten zählt.

          Woodcube: Vollholz ohne Leim und Dämmstoff
          Woodcube: Vollholz ohne Leim und Dämmstoff : Bild: Visualisierung Unternehmen

          Dass das hässliche Entlein bald auf der Route der Besucherströme liegen wird, gilt dank der ebenfalls hier angesiedelten Internationalen Gartenschau inzwischen als sicher. Von den Landungsbrücken aus kann man von April an raus zur Elbinsel und zurück schippern. Millionen von Gartenfreunden werden Wilhelmsburg dann heimsuchen und auf ihrem Weg zu Blumen und Hecken am Experimentierfeld der IBA vorbeiziehen - und dem neuen Quartier ihre Aufmerksamkeit schenken.

          Die Gebäude in der „Metrozone“ sollen allesamt Fallstudien sein und Möglichkeiten aufzeigen, wie in der Stadt von morgen mit dem Wissen von heute gebaut werden kann. Bei einigen geht es um neue energetische Lösungen, bei anderen ums Material, bei wieder anderen vor allem um den Preis, was derzeit besonders naheliegend ist, da in den Ballungszentren des Landes der Ruf nach bezahlbaren Wohnungen erschallt.

          Da wird zum Beispiel mit einer Fassade aus Algen experimentiert, die die nötige Biomasse zur Energieerzeugung liefern soll. Drei Reihenhäuser zeigen eine bewegliche Textilfassade, auf der dünne Photovoltaikzellen sitzen. Die nebeneinanderliegenden „Case Study“-Gebäude von Engel & Völkers Development und dem Systembauer Schwörer Haus testen auf der IBA die modulare Bauweise, vor allem mit Blick auf die Themen Nachverdichtung, kostengünstiges und schnelles Bauen.

          Ein „Wälderhaus“ mit Nestern für Vögel und Insekten

          Wie auch immer man diese Versuche noch beurteilen wird, schon heute zeigt sich in Wilhelmsburg, welche Karriere der Baustoff Holz gemacht hat. In der „Metrozone“ hat die Landlust den Stadtbau erreicht. Viele der Architekten und Investoren haben auf dem Versuchsfeld an der Waterkant den Holzweg gewählt hat und wollen beweisen, was mit diesem Material auch jenseits von Einfamilienhaus- und Lagerhallenbau möglich ist. Mit seiner guten Ökobilanz, passt der Co2-neutrale Baustoff, der gesundes Raumklima verspricht, in die Zeit.

          Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Holz als Baumaterial zweiter Wahl geschmäht, als Ökowerkstoff belächelt und als ästhetisch bieder-rustikal abgelehnt wurde. Jahrzehntelang mühten sich die Fertighausanbieter das Material zu kaschieren. Erst seit Holzbauer in der Alpenregion und Skandinavien vormachen, dass der Baustoff zu mehr taugt als zu Alpenkitsch- und Bullerbü-Romantik, traut man sich auch hier aus der Deckung.

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