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Luxusmarke Interlübke : Lilu soll es richten

Flexibel: Christian Werner hat das Winkelregalsystem „Lilu“ entworfen. Bild: Interlübke

Mit Schrankwand und Sideboard hat Interlübke einst das gehobene Wohnen geprägt. Doch das Geschäft kriselt. Der Hersteller setzt nun auf individuelles, filigranes Design.

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          „Lilu“ zeigt, wie Interlübke seine Zukunft sieht – und wohin der Trend in unseren Wohnzimmern geht. Ausgesprochen zierlich kommt das vom Industriedesigner Christian Werner entworfene Winkelregalsystem daher, flexibel ist es zudem. Die dünnen, horizontal versetzt montierten Regalböden in drei verschiedenen Tiefen lassen sich mit leichtem Druck verschieben und so immer wieder anders an der Wand anordnen. Zum Hingucker werden die lackierten, scheinbar schwebenden Winkelborde durch die Hintergrundbeleuchtung. Dem Rat für Formgebung war Werners Entwurf bei der Erstvorstellung auf der Kölner Möbelmesse im Januar die Auszeichnung mit dem „Iconic Award – Innovative Interior“ wert.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Mit „Lilu“ reagiert die angeschlagene deutsche Luxusmarke Interlübke auf den Trend zur Individualisierung: „Jeder will heutzutage sein ganz eigenes Möbel haben“, sagt Geschäftsführer Patrik Bernstein. Daher ist bei „Lilu“ eine Vielzahl von Varianten möglich. Verfügbar sind Längen zwischen 40 Zentimetern und 2,40 Metern, die vierundzwanzig Rosa- und Grautöne können beliebig kombiniert werden. Mit seiner Stärke in der Fertigung der Losgröße 1, wie die Produktion individueller Einzelstücke im Fachjargon heißt, hofft der Möbelhersteller aus Rheda-Wiedenbrück seine Zielgruppe – Besserverdienende von vierzig Jahren an aufwärts – wieder stärker zu erreichen. Punkten wollen die Ostwestfalen, die in den vergangenen Jahren massiv an Geschäft eingebüßt haben, mit Sonderanfertigungen. Dabei werden die Modelle abseits der vorgegebenen Raster an die Bedürfnisse der Kunden angepasst.

          „Der Schlüssel liegt in zeitlosen, eleganten Klassikern“

          Wie auch andere Möbelhersteller – Hülsta beispielsweise steckt seit Jahren in der Restrukturierung – hat Interlübke mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nach der Insolvenz im Jahr 2012 ging es mit dem Umsatz weiter stetig bergab. Auch unter der Regie einer im Herbst 2014 eingestiegenen Investorengruppe misslang trotz eines harten Sparkurses die Rückkehr in die Gewinnzone.

          Schrankwände galten lange als unverzichtbar.

          Vor kurzem ist der Bettenhersteller Axel Schramm als neuer Eigentümer eingestiegen. Während im Bettengeschäft wuchtig-imposante Boxspringbetten erfolgversprechend sind, geht der Trend an sich zu filigranen, flexibel verwendbaren Einzelmöbeln. Darauf setzt auch Interlübke – und hofft, so die Marke zu verjüngen. Neben „Lilu“ steht auch „Jorel“ für diese Strategie. Der Frankfurter Designer und e15-Mitbegründer Philipp Mainzer hat das modular planbare Sideboard entworfen, das durch nach oben überstehende dünne Fronten und Seitenwangen eine gewisse Leichtigkeit gewinnt.

          „Für uns bedeutet gutes Design die perfekte Symbiose aus Aussehen, Funktionalität und Qualität“, sagt der Schwede Bernstein, der bei Interlübke seit eineinhalb Jahren Regie führt. Trendy sollen die Möbel bewusst nicht sein. „Der Schlüssel für Interlübke liegt in zeitlosen, eleganten Klassikern.“ Beispiel „Studimo“: Das Regalsystem ist schon seit vierzig Jahren im Programm. Beispiel „Cube“: Werner Aisslinger entwarf die Kommode vor 15 Jahren. Heute ist sie das wichtigste Produkt von Interlübke – hat in den vergangenen Jahren allerdings auch Zuwachs durch leichtere und flexibel konfigurierbare Varianten erhalten. Ein prägnantes Design sollten die Produkte besitzen, sich aber gleichzeitig zurücknehmen, beschreibt Geschäftsführer Bernstein den Anspruch. „Unsere Möbel schreien nicht.“

          Begeisterung für erdige, warme Farben

          So dominiert bei den Farben immer noch Weiß. Etwa 80 Prozent aller Möbelstücke werden in einem der viele Weißtöne geordert. Wie sich etwa bei „Lilu“ zeigt, sollen die Kunden künftig auch für erdige, warme Farben begeistert werden. Ein neuer Online-Inspirator, der die Möbel in verschiedenen Ausführungen in unterschiedlichen Räumen zeigt, soll Ideen für die Einrichtung des Zuhauses vermitteln.

          Schlicht und funktionell waren die Möbel von Interlübke schon immer. Ende der dreißiger Jahre hatte Leo Lübke zusammen mit seinem Bruder Hans die „Spezialfabrik für polierte Schlafzimmer“ gegründet. Im Zweiten Weltkrieg wurden Offiziersmöbel, Mannschaftsschränke und Flugzeugteile hergestellt. Nach Kriegsende stattete das Unternehmen zunächst im Auftrag der britischen Besatzer Eisenbahnwaggons mit Möbeln aus, später wurde die Serienfertigung hochwertiger Schlafzimmermöbel wiederaufgenommen.

          Die Marke Interlübke entwickelte der Unternehmensberater Michael Bayer 1963 aus dem Familiennamen der Gründer und der Bezeichnung Interieur. Im selben Jahr regte der Schweizer Innenarchitekt Walter Müller die Produktion eines sogenannten Endlosschrankes an, der aus wenigen Teilen zusammengesetzt wird und im Anbauverfahren gewissermaßen endlos erweiterbar ist. Mit dem Modell unter dem Namen Interlübke 61 (später: SL) stieß das Unternehmen damals zur Design-Avantgarde. In der Folgezeit wurde das Programm um Möbel für Wohn- und Esszimmer erweitert. Nach dem kontinuierlichen Aufstieg von Interlübke in den achtziger Jahren wagte die damalige Geschäftsführung einen Ausflug ins Massengeschäft. Mit der billigeren Zweitmarke „Unit“ sollte eine jüngere, weniger gut betuchte Klientel angesprochen werden. Doch der Schritt führte bei den angestammten Kunden zu Verunsicherung und brachte dem Hersteller zwei Verlustjahre in Folge ein. Als Helmut Lübke 1996 in das väterliche Unternehmen eintrat, stampfte er „Unit“ sofort ein. Interlübke kehre zur alten Lehre zurück, gab er bekannt. „Marke und Gesinnung sind nicht teilbar.“

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