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Inneneinrichtung : Müll wird salonfähig

  • -Aktualisiert am

Waschkommode vom Sperrmüll und dem neuen Gebrauch angepasst Bild: Ecomöbel

Früher suchten Studenten ihre Möbel gern auf dem Sperrmüll zusammen. Heute suchen Möbel-Designer ihre Materialien auf der Müllkippe. Das schont Ressourcen und senkt den Kohlendioxid-Ausstoß, sagen sie.

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          Alte Schrankwände, durchgesessene Sofas, angeschlagene Couchtische - 7 Millionen Tonnen Möbel landen in Deutschland jedes Jahre auf dem Müll, und 90 Prozent davon gehen direkt in die Verbrennungsanlage.

          Im Heimatland von Fernando und Humberto Campana sähen die Zahlen, würde sie jemand erheben, definitiv ganz anders aus. Was auf den Straßen von São Paulo der eine wegwirft, kann ein anderer brauchen. In Brasilien, wie in vielen Ländern dieser Welt, gilt Abfall als Rohstoff, den man ganz selbstverständlich und einfallsreich nutzt.

          Luftpolsterfolie und Gummischläuche

          Von dieser Praxis haben sich die Brüder Campana anstecken lassen: Seit zwanzig Jahren verwenden die beiden wohl bekanntesten Designer Lateinamerikas scheinbar wertloses Material für ihre Möbelentwürfe, die gleich mehrfach in die feine Kollektion des italienischen Designherstellers Edra Einzug fanden, im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurden und zurzeit im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen sind: Stühle wie der an die Hütten der Elendsviertel erinnernde, ursprünglich aus Restholzstücken gezimmerte „Favela“ oder der Klassiker „Vermelha“, bei dem man auf einem Wust an Seilen sitzt.

          Neues Sitzerlebnis: Sofa aus Müll
          Neues Sitzerlebnis: Sofa aus Müll : Bild: Ecomöbel

          Da kommen Luftpolsterfolie und Gummischläuche als Polster genauso zum Einsatz wie Plüschtiere. Abflusssiebe avancieren zu durchbrochenen Tischplatten, alte Motorradreifen werden zu Obstschalen, und billige weiße Plastikstühle bekomme,n mit Korb umflochten, eine zweite Chance.

          Einfallsreichtum

          „Es gibt viele Wege, Dinge, die wir haben, wiederzuverwerten, anstatt neue Materialien zu produzieren“, meint Fernando und ist sichtlich stolz auf den Einfallsreichtum seiner Landsleute. „Früher hat man sich in Brasilien fürs Improvisieren geschämt, aber inzwischen sieht man großes Potential darin.“ Und fügt hinzu: „Wir konzentrieren uns sehr auf diese Seite unserer Gesellschaft - auf die fragile, nicht so globalisierte.“

          Die Alltagspraxis ärmerer Länder hat inzwischen in der europäischen Designszene Einzug gehalten, wenn auch kaum aus der Not heraus. Möbel aus Müll sind trendig. Sie finden ihren Platz auf den wichtigsten Bühnen der Branche wie der Internationalen Möbelmesse in Köln, dem Salone del Mobile in Mailand und der wegweisenden 100 Prozent Design in London. Selbst im Designkaufhaus Stilwerk in Hamburg waren bis Ende Oktober Produkte aus Abfall ausgestellt - und zwar die Entwürfe der Teilnehmer des Recycling-Designpreises. Darunter eine Tischleuchte aus Federbällen, ein Pouf aus zusammengerollten Zeitungen, eine Schale aus dem Bullauge einer Waschmaschine und eine Garderobe aus an die Wand montierten Stuhllehnen.

          In der Jury saß unter anderen Oliver Schübbe, momentan der bekannteste deutsche Designer, wenn es ums Neuinterpretieren von Weggeworfenem geht. Auf der Biennale in Venedig durfte der 36-Jährige dieses Jahr sogar den deutschen Salon einrichten: mit seinem Sitzmöbel „Pixelstar“, gefertigt aus alten Spanplatten und einem aus dem Kleidersack zusammengewürfelten Polsterbezug.

          Das von ihm entworfene Regalsystem „Frank“ hat enorm viele Fans gefunden, wurde mittlerweile mehr als 6000 Mal verkauft. Nach einem jüngsten ARD-Bericht schoss die Zahl der Anfragen in die Höhe. Und nun hat das ZDF angeklingelt, ob Schübbe nicht eine eigene Sendung machen wolle. Das Redesign hat offenbar genau den Nerv getroffen. „Es passt einfach zum Zeitgeist. Dieser Materialmix und die Möbel mit Geschichte“, erklärt sich Oliver Schübbe das Phänomen.

          Kein Materialmangel

          Sogenannte grüne Linien finden sich im Design allenthalben, Nachhaltigkeitsgedanken sind schon fast Standard. So verrät die Internetseite der Marke Zweitsinn, über die Schübbes Möbel angeboten werden, gleich die genaue Menge an Kohlendioxid, die man der Umwelt mit dem Kauf der einzelnen Modelle erspare. „Bis es Produkte gibt, die man aufessen kann“, sagt der Designer, „ist so eine Umnutzung à la Zweitsinn irgendwie die beste Lösung.“ Was ihn besonders freut: dass es tatsächlich klappt, den Leuten die Eiche-rustikal-Möbel, die sie gerade losgeworden sind, übers Design zurückzuverkaufen.

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