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Ikea-Häuser : Ein Eigenheim für „Billy"

Boklok-Häuser: So stellen sich Ikea-Architekten „clever wohnen” vor. Bild: Ikea

Ikea will in Deutschland künftig nicht nur Möbel, sondern auch Fertighäuser verkaufen: Natürlich alles im skandinavischen Stil. Nicht spießig, dafür aber umweltfreundlich und vor allem bezahlbar sollen sie sein. Der offizielle Startschuss soll Anfang März fallen.

          Im Stammwerk von Bien-Zenker stehen die Telefone nicht mehr still. „Wahnsinn“, sagt Vorstandsmitglied Philipp S. Mühlbauer. Mitten in der allgemeinen Nachfrageflaute im Neubaugeschäft ist über den Fertighausbauer aus dem hessischen Ort Schlüchtern eine Anruf-, Fax- und E-Mail-Flut hereingebrochen. Der Grund für das sprunghaft gestiegene Interesse: Ikea, die internationale Nummer eins, wenn es um Einrichtungstrends geht, will in Deutschland sein Sortiment aus Billy-Regalen, Kippan-Sofas und Faktum-Küchen um die passenden Reihenhäuser und Wohnungen erweitern. Lizenzpartner ist Bien-Zenker. Der Holzfertigbauer hat den Auftrag, Grundstücke zu akquirieren und dann die Häuser zu bauen und zu verkaufen. Seitdem dies bekanntgeworden ist, gibt es laut Mühlbauer kein Halten mehr: „Die Leute rennen uns jetzt schon die Tür ein.“

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei beginnt die offizielle Vermarktung erst am 3. März, wenn das erste Musterhaus auf dem Ikea-Gelände in Hofheim-Wallau präsentiert wird. Unter dem Namen Boklok, „wohne clever“, werden die Bauten auf den Markt kommen und dann per Losverfahren verkauft. Über die gleichnamige Entwicklungsgesellschaft hat der Möbelhersteller mit dem schwedischen Bauunternehmen Skanska seit 1996 an die 4000 Häuser in Skandinavien und Großbritannien auf den Markt gebracht. Nun sollen auch die Deutschen clever wohnen.

          Skandinavischer Stil

          Bis zum Jahresende wollen die Partner 60 Reihenhäuser und zweigeschossige Mehrfamilienhäuser mit 20 Wohnungen erstellen - alles im skandinavischen Stil, in Holzrahmenbauweise und mit einem Energiestandard, der den Anforderungen an ein KfW-70-Effizienzhaus genügt. Nicht spießig, dafür aber umweltfreundlich und vor allem bezahlbar sollen sie sein. Zielgruppe sind junge Familien und Alleinerziehende, grundsätzlich aber alle Haushalte mit einem finanziell kleineren Budget. Die günstigsten Reihenhäuser will das Unternehmen schon für knapp 180 000 Euro anbieten - ohne Keller, doch inklusive Grundstückskosten. Für die angestrebten Standorte Wiesbaden, Hofheim und Offenbach im Rhein-Main-Gebiet sowie Nürnberg wäre ein solches Angebot ein Preisknüller.

          „Das wird ein Riesending“, schwärmt Mühlbauer in Erwartung dessen, was da auf sein Unternehmen zukommen könnte. Die für dieses Jahr geplanten 80 Einheiten sollen nur der Auftakt zum Einstieg ins Massengeschäft sein. Für den Holzfertigbauer, der unter den Wettbewerbern zu den wenigen zählt, die sich auf Haustypen für den hochverdichteten Raum der Städte spezialisiert haben, kommt die Lizenz zum Ikea-Bau wie gerufen. Bien-Zenker hat die allgemein sinkende Nachfrage drastisch zu spüren bekommen und musste 2008 sein Werk im Odenwald schließen.

          Positives Image

          Doch nicht nur in Schlüchtern setzt man darauf, von Ikeas Vorhaben zu profitieren. Das positive Image, das der Möbelhersteller quer durch alle Bevölkerungsschichten genießt, könnte durch den Einstieg in das hiesige Baugeschäft auch Vorteile für andere bringen: zum Beispiel für die Branche der Holzfertigbauer insgesamt. Nachdem der Möbelhersteller in den zurückliegenden Jahrzehnten die Wohnwünsche und Innenraumgestaltung der Deutschen entscheidend geprägt hat, könnte er nun auch für die Wahl des Haustyps entscheidende Impulse geben, hofft der Bundesverband Deutscher Fertigbau (BDF) in Bad Honnef. „Wenn Ikea seine Schwedenhäuser im großen Stil bewirbt, wäre das nur von Vorteil für die Branche, auch für die Anbieter höherwertiger Häuser“, sagt der BDF-Marketingfachmann Achim Hannott.

          Zweifelsohne: Mit den Musterhäusern auf dem Parkplatz, Fotos auf dem Katalog und einer freundlichen Stimme im Radio, die mit schwedischem Akzent die Vorzüge der Holztafelbauweise preist, erhielte das Fertighaus an sich eine Werbekampagne, von der die Branche nur träumen kann.

          Zahlreiche Anfragen

          Glaubt man Bien-Zenker-Vorstandsmitglied Mühlbauer, hat die Zugkraft des Namens Ikea zu zahlreichen Anfragen von Bürgermeistern geführt, die sich darum reißen würden, Grundstücke für die Boklok-Häuser bereitzustellen. Welche Städte ihr Interesse bekundet haben, will er allerdings mit dem Hinweis auf die von Ikea verordnete zurückhaltende Informationspolitik nicht verraten.

          Die Stadtoberhäupter der bisher auserkorenen Standorte haben jedenfalls im Vorfeld offenbar nicht die Zentrale in Schlüchtern bestürmt. Sowohl in Nürnberg wie auch im benachbarten Fürth heißt es, dass man von den Plänen noch nichts wisse. Offenkundig konkreter ist das Vorhaben im Rhein-Main-Gebiet. Dort sind Boklok-Häuser für Baugebiete im Gespräch, die ein positives Marketing aus unterschiedlichen Gründen durchaus gebrauchen können.

          Hoffnungswert Offenbach

          Dazu zählt etwa das Offenbacher Neubauviertel „An den Eichen“. Bisher ist die Entwicklung des insgesamt 16,8 Hektar großen Areals alles andere als ein Selbstläufer - wohl auch, weil es bisher nur an das Stadtbusnetz, nicht aber an die S-Bahn angeschlossen ist. Das Gebiet war einst ein sozialer Brennpunkt, in dem Dieter Bohlens „Superstar“ Mark Medlock aufwuchs.

          Medlocks öffentlich bekundeter Offenbach-Hass hat einen Namen: Lohwald. Seit einigen Jahren schon ist das Viertel abgerissen und damit Geschichte. Die Vermarktung der Brache unter dem Namen „Waldheim Süd“ kam nicht voran, nun wird sie als „An den Eichen“ angepriesen. Würden dort die Ikea-Häuser gebaut, wäre das ein „positives Signal“, sagt Oberbürgermeister Horst Schneider. Verschenken könne die Stadt das Bauland, für das Quadratmeterpreise zwischen 360 und 400 Euro je Quadratmeter angesetzt sind, allerdings nicht.

          Wie sein Offenbacher Amtskollege beurteilt auch Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller das Vorhaben grundsätzlich wohlwollend, sofern günstige Eigenheime für junge Familien entstehen - und er „die Häuser nicht selbst zusammenschrauben muss“. Allerdings ist die Stimmung zwischen Stadt und Lizenznehmer Bien-Zenker getrübt, seit der Verwaltungsgerichtshof Kassel im vergangenen Jahr den Bau von 16 Bien-Zenker-Häusern im Neubaugebiet „Künstlerviertel“ gestoppt hatte. Der Vorfall geriet in die Schlagzeilen. Die Richter hatten den Bebauungsplan der Stadt für das Areal gekippt. Diese wollte den Betrieb eines Holzhändlers als Wohngebiet ausweisen, in dessen Nachbarschaft die Reihenhäuser entstanden. Doch der Holzhändler wehrte sich und bekam recht. Für die Baufamilien war es ein Drama, für die Stadt in Person des Baudezernenten ein Debakel.

          Skeptisches Hofheim

          Am weitesten ist das Unternehmen bisher in Hofheim am Taunus gekommen, wo Ikea Deutschland seine Zentrale hat. Im Ortsteil Langenhain will der Boklok-Lizenznehmer 18 Einheiten im Baugebiet „Südlich zu den Eichen“ errichten. Die Stadt muss dafür den Bebauungsplan ändern. In dem schon in den neunziger Jahren ausgewiesenen Baugebiet hatte man vor allem auf den Verkauf der Grundstücke an private Bauherren von Einzel- und Doppelhäusern gehofft. Doch auch hier war die Vermarktung kein Erfolg. Die Grundstückspreise seien zu hoch, heißt es. Der Bodenrichtwert für dieses Gebiet liegt bei 420 Euro je Quadratmeter. Zudem ist in Langenhain immer wieder die Klage über eine teilweise missglückte Bebauung zu hören, die die Vermarktung der übrigen Parzellen erschwere.

          Nun könnten die Schwedenhäuser neuen Schwung bringen, meinen die Befürworter. Bürgermeisterin Gisela Stang argumentiert nüchtern und nennt das Ikea-Vorhaben „eine städtebaulich gut verträgliche Lösung an dieser Stelle“. Manch einer der Stadtverordneten aber lehnt die Boklok-Architektur als zu billig ab. Von Behelfsbaracken ist gar die Rede. Ursprünglich sollten sie am vergangenen Mittwoch der Änderung des Bebauungsplans wie das Grundstücksverkaufs zustimmen. Doch fürs Erste haben die Hofheimer Stadtparlamentarier den Entwurf an den Planungsausschuss zurückverwiesen.

          Philipp S. Mühlbauer von Bien-Zenker verbreitet derweil Optimismus: „Boklok ist das, worauf die Leute gewartet haben.“

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