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Homestaging : Emotion sticht Grundriss

Illusion von Lebendigkeit: Die Räume sollen bewohnt aussehen. Bild: Fantastic Frank

Profis verwandeln Wohnungen vor dem Verkauf in Objekte der Begierde. Ist das noch Marketing oder schon Täuschung?

          4 Min.

          Der Raum ist fast leer bis auf vier Gummistiefel: ein großes und ein kleines Paar, ganz eng stehen sie beieinander vor der weit geöffneten Tür, durch die Sonnenlicht direkt auf die Schuhe fällt. Dieses Stillleben wärmt das Herz des Betrachters, ganz besonders, wenn er kleine Kinder hat und auf der Suche nach einem neuen Nest für die Familie ist. Hier, auf der Sonnenseite des Berliner Großstadtlebens könnten bald Ihre Schuhe stehen, scheint das Foto zu flüstern. Blumen, die dekorativ ein paar Blätter verlieren, ein paar Kastanien wie von Kinderhand gesammelt, ein zerwühltes Bett: All das zeigt diese Immobilienanzeige für eine Wohnung in Prenzlauer Berg in einem reduzierten, skandinavischen Look, der an Interior-Blogs oder Hochglanzzeitschriften erinnert. Wie groß die Zimmer genau sind? Ob diese Wohnung eine Einbauküche hat oder wie sie geheizt wird, erfährt man nicht. Was bleibt, ist ein Lebensgefühl – und das implizite Versprechen, sich mit dieser Wohnung auch ein Stück urbanen Lifestyle zu kaufen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was die Produktwerbung seit Jahren vormacht, haben nun auch die Immobilienmakler entdeckt: Verkaufen lässt sich nicht, was den Kopf überzeugt, sondern das Herz. Vor allem in den Großstädten werden nicht mehr leer geräumte Drei-Zimmer-Küche-Bad mit ein paar Handyfotos angepriesen, sondern Emotionen erzeugt. „Wir wollen die Wohnung als Lifestyleprodukt vermarkten. Dafür müssen wir die Käufer berühren. Bilder sind da alles“, sagt Makler Nico Richter von Fantastic Frank. Das schwedische Unternehmen, das auch in Berlin und bald in Düsseldorf ein Büro hat, treibt die Emotionalisierung auf die Spitze. Fantastic Frank ist die Antwort des Immobilienmarkts auf die bildsüchtige Generation Instagram, die sich zur Informationsaufnahme nicht mehr von Zeile zu Zeile liest, sondern auf dem Smartphone von Foto zu Foto wischt.

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