https://www.faz.net/-gz7-8z4nx

Hollywoodschaukeln : Let’s swing

Hoffentlich lässt sie sich nicht verschaukeln: Wie in manchem Hollywood-Streifen nahmen auch die Protagonisten deutscher Filmromanzen auf dem schwingenden Sofa Platz. Bild: ddp Images

Im Sommer treibt die Mode Blüten – auch was das Mobiliar angeht. Wie sonst soll man sich die Hollywoodschaukel erklären? Über das Combeack als extravagantes Designobjekt.

          Im Jahr 1968 kam ganz schön was zusammen: In vielen Ländern gingen Studenten gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße. In den Vereinigten Staaten wurde der schwarze Bürgerrechtler und Pfarrer Martin Luther King erschossen. In Prag überrollten russische Panzer die Liberalisierungs- und Demokratisierungsbemühungen der Tschechoslowaken. Und in Deutschland trafen Schüsse den politischen Aktivisten und Marxisten Rudi Dutschke. 1968 also dümpelte keineswegs im Lauf der Zeitgeschichte dahin, sondern markierte den Wende- und Ausgangspunkt vieler Entwicklungen. 1968 war aber auch das Jahr, in dem der Schlagersänger Rex Gildo ein so simples wie schwungvolles, aber rätselhaft betiteltes Lied via Funk, Fernsehen und Vinylschallplatte in deutsche Küchen und Wohnzimmer trällerte: Dondolo. Darin besang Gildo den schwebend leichten Zustand des Verliebtseins als Schaukelerlebnis. Der Text war so eingängig wie die Melodie. Nur, wer um alles in der Welt war Dondolo?

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Italien-Reisenden jener Zeit werden es gewusst haben: das Gartenmöbel, das im Deutschen als Hollywoodschaukel bekannt ist. Was man da mit „Dondolo“ zusammengereimt hatte, war zwar semantischer Unsinn, trotzdem aber nicht abwegig. Denn zu den Dingen, die im Deutschland der sechziger Jahre groß in Mode kamen, zählten Italien-Reisen und Gartenschaukeln.

          Die standen in den Sechzigern auch in italienischen Hotelanlagen herum und passten hervorragend zum Traumreiseziel der Deutschen, zu Sommer, Sonne und dolce far niente. Wäre es mit dem Pauschaltourismus an der Adria schon ein Jahrzehnt zuvor richtig losgegangen, vielleicht würden sie dann jetzt auch hier Dondolo heißen. Wer weiß. So aber hatte sich im Deutschland der fünfziger Jahre die Bezeichnung Hollywood-Schaukel durchgesetzt, wohl weil in etlichen Filmen aus den großen amerikanischen Studios das Schaukelgestell auf Garten- und Terrassen-Kulissen als Symbol für wirtschaftlichen Erfolg und Weltläufigkeit der Protagonisten stand.

          Sommermöbel der Swinging Sixties

          Das Sommermöbel passte hervorragend zu den Swinging Sixties. Der Hybrid, von dem man nie recht weiß, in welcher Möbelkategorie man ihn suchen soll (Sofa? Liege? Stühle?), avancierte bis in die siebziger Jahre hinein zur begehrten Freisitzausstattung. Auch die Naderers aus Oberbayern kamen damals in Italien auf den Geschmack. Zu Hause legten sie sich erst ein eigenes Schaukelsofa zu – und gründeten schließlich ein Unternehmen, das heute für sich in Anspruch nimmt, hierzulande der größte Online-Anbieter seiner Art zu sein: das „Hollywoodschaukel Paradies“. Fünfzehn Modelle gibt es dort. Berücksichtige man alle Muster und Varianten, seien es mehr als 1000 Ausführungen, sagt Stefan Naderer, der mit seinem Bruder Anton die S&T Handels GmbH führt, die hinter dem Schaukel-Paradies steht.

          Schwingt auch drinnen

          Daneben bieten vor allem Verbrauchermärkte eine etwas größere Auswahl an Modellen, zu denen ebenfalls Einsitzer-Varianten zählen und die sich preislich etwa zwischen 200 und 500 Euro bewegen. Doch auch im Sortiment vieler Designmöbelhersteller und -anbieter hat die Hollywood-Schaukel einen Platz – allerdings meist als singuläre Erscheinung mit einem stattlichen Preis von oft mehr als 4000 Euro.

          Greller Blümchenstoff ist passé, Uni angesagt

          Nachdem sie über die Jahrzehnte weitgehend aus der Mode gekommen war, macht sie seit geraumer Zeit als extravagantes Designobjekt wieder von sich reden. Der grelle Blümchenstoff ist passé, Uni angesagt, selbstverständlich nicht als tiefes Blau oder Rot wie im Italien der Sechziger, sondern in Sand, Steingrau, Weiß und Schwarz. Wetter- und wasserabweisend sind die Bezüge, wie es sich für zeitgemäße Gartenmöbel gehört. Auch was Gestalt und Materialwahl angeht, hat sich einiges getan. Holz, Rattan, Kunststoffgeflecht und Edelstahl oder ein Mix wie etwa bei „Swing“ von Ethimo – alles ist möglich. Im Trend liegen einerseits gradlinige, kubische Formen (etwa „Olivia“ von Skyline Design), aber auch geschwungene Silhouetten wie „Cave“ (Cane-line) – mit und ohne Baldachin. Längst nicht mehr zwingend ist ein Gestell, an dem die Schaukel hängt. Nach dem Vorbild der amerikanischen porch swing, der Verandaschaukel, kommt zunehmend auch die Variante mit einer Aufhängung an der Decke in Mode etwa „Bitta“ (Kettal) oder „Swing“ und „Wabi“ (Paola Lenti). Die eignet sich zudem auch für Innenräume – und erweitert den begrenzten Vermarktungszeitraum. Denn scheint die Sommersonne, bestellen die Kunden, bei schlechtem Wetter „trifft leider das Gegenteil zu“ (Stefan Naderer).

          Lässige Leichtigkeit: Hollywoodschaukel feiert ihr Comeback.

          Daran hat sich seit den sechziger Jahren nichts geändert. Auch an dem Wunsch nach lässiger Leichtigkeit und dem Fernweh nicht. Nur das Lied zur Schaukel, das fehlt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mutmaßliche Angriffe im Golf : Tanker, Lügen – und Videofilme

          Es gibt viele Deutungen der jüngsten Vorfälle im Golf von Oman. Ironischerweise gewinnt in der gegenwärtigen Krise Amerikas Position gegenüber Iran an Glaubwürdigkeit – gerade durch den Faktor Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.