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Niederlande : Zimmer mit Einsicht

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Glotzen verboten: Auch wenn alles offen ist, verwehrt die Etikette den allzu genauen Einblick ins Innere. Bild: Picture-Alliance

Holländische Fenster sind meist nackt. Unsere Nachbarn lassen sich mitten in ihr Zuhause schauen. Über das Wohnen auf dem Präsentierteller.

          6 Min.

          Wie Menschen ihre Fenster schützen, verhängen oder aufreißen, verrät viel über Persönlichkeit, Landeskultur, Klima und auch Religion. Haben sie es gerne zart verschleiert, höhlenmäßig mit Rollläden verbarrikadiert oder mit üppigen Stoffbahnen theatralisch zur Seite gerafft? Verstecken sich die Bewohner vor der Welt, oder mögen sie es, den Passanten vom Wohnzimmer aus zuzuwinken? Knallsonne am Parkett oder gedämpftes Licht im Salon?

          Eine Ausnahmestellung in Europa nehmen dabei die Niederländer ein. Denn in den Straßen von Amsterdam, Maastricht oder Utrecht kann der Flaneur Menschen in Wohn- und Esszimmern bei ihrem ungeschminkten Leben zusehen. In vielen Häusern erscheinen die Fenster splitterfasernackt: keine Gardinen, Vorhänge, Läden, dafür Paradeblick von der Straße mitten auf das Baby im Hochstuhl im Kampf mit Pastinakenbrei und den Blumenstrauß, der gerade sein fünftes Rosenblatt verliert. Eine Eigenart, die die deutschen Nachbarn seit Generationen als „typisch holländisch“ verbuchen.

          Familienalltag zum Greifen nahe

          Für heimliche Möbel- und Dekospanner ist vor allem ein Gang durch die Altstadt Amsterdams in den kleinen Grachtenstraßen wie ein Freiluftspaziergang durch eine gut kuratierte Möbelausstellung hinter Fenstern. Auch in verglaste Eingänge kann man schauen, sieht zum Greifen nah ordentlich aufgehängte Jacken von Vater, Mutter und Kindern, die Orgelpfeifenreihe abgestellter Schuhe, Fahrradpumpen, Aktenkoffer und den Fressnapf für die Katze. Ein Inventar des privaten Lebens, ausgestellt wie im Schaukasten.

          Ist dieses unbekümmerte Herzeigen von Alltag und Besitz Ausdruck einer seit Jahrhunderten einzigartig liberalen Gesellschaft, die der amerikanische Autor Russell Shorto in seinem Standardwerk „Amsterdam. A History of the World‘s Most Liberal City“ so detailliert beschreibt? Oder sind die Gründe doch profaner? „Die Theorien über eine angebliche holländische Gardinensteuer, die Grund für unsere nackten Fenster sein soll, sind Quatsch“, sagt Hans Leenders, Professor für Orgel am Maastrichter Konservatorium, Leiter des Madrigalchors Aachen und Kantor-Organist an der Liebfrauenbasilika in Maastricht.

          Durch Arbeit und Familienbande in Deutschland kennt er das Erstaunen der germanischen Nachbarn über die für sie frappierend offenen Fenster nur zu gut. „Tatsächlich gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Steuer, die sich auch nach der Anzahl der zur Straße liegenden Fenster bemaß; daraufhin mauerten manche Besitzer ihre Fenster zu“, sagt der Musiker.

          Leenders sieht das offene Leben seiner Landsleute eher als Teil des pragmatisch-kaufmännischen Erbes der Handels- und Seefahrernation, die das Land am Meer urbar machte. „Das Offene und Pragmatische ist unser Lebensgefühl. Wir sind sehr praktisch, in zwei Sekunden auf Du und Du, denn bei uns schwingt oft der Gedanke mit, dass im Kontakt etwas Kaufmännisches für uns drin ist. Dazu gehört auch, dass man daheim nichts vor dem Fremden zu verbergen hat.“ Der Musiker empfindet die Deutschen im Umgang mit Fremden und auch im Wohnen als sehr viel vorsichtiger, die Gesellschaft durch den historischen Partikularismus als hierarchischer strukturiert. Da verbirgt man sich gerne.

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