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Modernes Glasdesign : Faszination aus dem Feuer

  • -Aktualisiert am

Die Farbverläufe erzeugt Edition Van Treeck mit Airbrush-Technik. Bild: Hersteller

Seit Jahrtausenden stellen Menschen Glas her. Wie aktuell das Material aus „Licht und Farbe“ noch immer ist, zeigen drei Unternehmen, die altes Wissen und frische Ideen verbinden.

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          Kerle mit starken Oberarmen, schweres Werkzeug, ein Ofen, der brennt wie das Höllenfeuer: Glas wird in eine archaische Welt geboren. Aber wer einmal erlebt hat, wie Glasbläser behende orange glühende Glasmasse an der Pfeife durch die Werkstatt balancieren und sich wortlos gegenseitig zur Hand gehen beim Blasen, Ziehen, Drehen, Schneiden, der fühlt sich an ein minutiös einstudiertes Ballett erinnert. Ein Tanz auf dem Vulkan, mit keinem anderen Handwerk vergleichbar. Am Ende des Herstellungsprozesses stehen hauchzarte Trinkgläser, farbige Vasen oder Leuchten, denen nicht mehr anzusehen ist, dass ihre Schöpfer stundenlang in lebensfeindlicher Umgebung arbeiten mussten.

          Schon vor rund 3500 Jahren begannen Menschen, aus Sand Glas zu gewinnen. Doch das Material fasziniert bis heute und inspiriert zeitgenössische Gestalter zu immer neuen Entwürfen. Unerlässlich ist dabei, traditionelle Techniken zu studieren und eng mit Glasmeistern zusammenzuarbeiten.

          Johannes Schön kennt den Trick schlechthin, ohnehin schon schöne Glasobjekte noch ein bisschen schöner wirken zu lassen: Man stelle sie ans Fenster, ins Sonnenlicht. Dann scheinen die Farben schier zu explodieren, bräunliches Glas wirft plötzlich gelbe Schatten und reflektiert zugleich ein Bild des blauen Himmels. „Glas ist Licht und Farbe“, sagt Schön, der für das kanadisch-deutsche Designunternehmen Bocci arbeitet. Damit bringt er die Faszination des Materials auf den Punkt. Glas ist nie langweilig, weil es sich mit seiner Umgebung verändert. Es hat zugleich Tiefe und Oberfläche, es ist kühl und glatt und kann doch große Wärme ausstrahlen. Bocci überrascht seit 2005 mit ungewöhnlichen Leuchten, für die Mastermind und Gründer Omer Arbel mit Glas, aber auch mit Metallen oder Porzellan experimentiert. Bocci-Leuchten sind handwerkliche Unikate, in Serie gefertigt. Scheinbar ein Widerspruch, der jedoch gerade ihren Reiz ausmacht – ob als Einzelstück am Bett oder als imposanter Lüster in der Lobby. Jetzt hat Arbel unter dem Label „OAO Works“ seine Erfahrung auch für andere Glasobjekte genutzt. Die von ihm ursprünglich für Leuchten entwickelte Technik, Glas in Kupfergeflecht zu blasen, taucht bei einer Vasenserie namens „84.2“ wieder auf. Es entstehen delikate Details, wenn das flüssige Glas durch das Netz dringt und sich das Metall durch die Hitze verfärbt. Keine ist wie die andere, gerade in der Abweichung liegt der Reiz dieser Schaustücke.

          Tradition und Handwerk in einer virtuellen Welt

          Während die Vasen in der Bocci-Werkstatt in Vancouver entstehen, lässt Arbel die Serie 31.3. im traditionellen Glasland Tschechien herstellen. Die dortigen Glasmacher wollten zwar nicht verraten, welche Rezepturen sie für ihre schillernden Farben verwenden. Aber sie erklärten sich bereit, die Objekte für OAO Works in ihrer Werkstatt herzustellen. So umweht das Set aus 31 farbigen, polygonalen Gläsern und Glasprismen in unterschiedlichen Größen eine Aura von Mysterium, von seit Generationen gehütetem Geheimwissen. Die Glasobjekte können frei arrangiert werden, als zentrales Stück auf der Tafel oder als Blickfang auf der Kommode. Aber wer möchte, kann seinen Gästen in den fünfeckigen Gläsern auch den Aperitif servieren. Solche Entwürfe entstehen natürlich nicht aus dem Nichts. Arbel experimentiert seit vielen Jahren mit seinem Lieblingsmaterial und schart eine kreative Gemeinschaft um sich. Glasmacher natürlich, aber auch andere Handwerker, Chemiker, Physiker, Künstler oder Architekten haben Teil am Entwicklungsprozess. So schafft er es, dem uralten Material neue Facetten abzugewinnen. Etwa mit der Bocci-Leuchte „87“ von 2017, für die Arbel Glasbänder so zieht und faltet, dass Schlaufen daraus entstehen. Lufteinschlüsse sorgen für den besonderen Schimer. Die Inspiration dazu kam ihm, als er die Glasmacher der Pilchuck Glass School in der Nähe von Seattle in der Werkstatt beobachtete. Man hört, dass sich auch die Granden der Glaskunst Venedigs schon für diese Technik interessiert haben.

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