https://www.faz.net/-gz7-92sb5

Gebäude ohne Eigentümer : Wenn herrenlose Häuser zum Problem werden

Das Haus der Familie Hauptvogel in besseren Zeiten Bild: Klaus Hauptvogel

Immer mehr Gebäude haben keinen Eigentümer. Die Häuser werden für die Kommunen zu einem Problem - nicht nur im Osten der Republik.

          5 Min.

          Jeden Tag schaut Klaus Hauptvogel auf das Haus, das ihm einmal gehörte. Das älteste Gebäude des brandenburgischen Städtchens Ortrand, mindestens 400 Jahre alt, mehr als 200 Jahre davon in Familienbesitz. Es ist das Haus, in dem er aufgewachsen ist, seine Mutter bis zu ihrem Tod lebte und das einzige im Ort, auf dessen Dach Störche brüten. Einst war es ein schmuckes Fachwerkhaus, direkt an der Pulsnitz gelegen, wo seine Vorfahren Kähne vermieteten. Von der früheren Idylle geblieben sind nur die Störche.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Klaus Hauptvogel aus seinem Neubau auf den ehemaligen Familiensitz auf demselben Grundstück blickt, sieht er nicht nur ein Haus, das so baufällig ist, dass es keiner mehr betreten mag. Es gehört auch niemandem mehr – weder der Familie noch der Kommune noch dem Land. Es ist herrenlos, so wie Sperrmüll auf der Straße oder Treibgut am Strand, seitdem Klaus Hauptvogel beim Notar im benachbarten Senftenberg auf sein Eigentum verzichtete und seinen Namen aus dem Grundbuch löschen ließ.

          „Der Notar meinte, die Eigentumsaufgabe komme bei ihm regelmäßig vor“, berichtet Hauptvogel. Es habe ihm im Herzen weh getan, das Haus aufzugeben. „Ich wusste aber keine andere Lösung.“ Denn das Gebäude verursachte laufend Kosten. Schließlich ist es nicht nur baufällig und von Schimmel befallen, es steht auch unter Denkmalschutz. „Eine denkmalgerechte Sanierung würde laut Gutachten 1,035 Millionen Euro kosten“, sagt der ehemalige Besitzer. Geld, das er nicht hat und durch einen Verkauf auch niemals wieder hereinbekommen würde.

          Ein Grundstück ohne Eigentümer fällt nicht automatisch an die Kommune

          Sein Geburtshaus ist bei weitem nicht das einzige Gebäude in der Region, das keiner mehr haben will. Während in den Großstädten um Wohnraum gerungen wird und die Preise stetig steigen, stehen nahe der polnischen Grenze Wohnhäuser, alte Fabriken, Postämter und Bahnhöfe leer und rotten vor sich hin. Die meisten von ihnen haben zwar nominell noch einen Eigentümer. Immer mehr Gebäude gehören aber auch niemandem mehr.

          „Vor allem in den neuen Ländern gibt es zahlreiche Fälle von herrenlosen Häusern“, heißt es beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. Thüringen und Sachsen hätten das Thema schon auf ihrer Agenda und suchten nach Lösungen. Doch das Thema betrifft nicht nur den Osten des Landes. Auch in Bayern waren nach Aussage des Finanzministeriums im Juni 274 Flurstücke, also Grundstücke mit oder ohne Bebauung, als herrenlos verzeichnet.

          Von dem einstigen Idyll sind nur die Störche geblieben.

          Anders als viele annehmen, fällt ein Grundstück nach einer Eigentumsaufgabe keinesfalls automatisch an die Kommune oder das Land. Zwar hat der Fiskus des Landes, in dem sich das herrenlose Grundstück befindet, den Erstzugriff. Das Land macht davon aber nur Gebrauch, wenn „Staatsbedarf“ besteht, weil das Grundstück noch einen Wert hat oder ein Gebäude das Stadtbild prägt. Verzichtet das Land, wird der Besitz herrenlos, und es kann sich theoretisch jeder als neuer Eigentümer ins Grundbuch eintragen lassen. „Die Dereliktion, die Eigentumsaufgabe, von Grundstücken und Häusern ist nach Paragraph 928 BGB geregelt“, sagt Iris Knackstedt, Immobilienanwältin bei der Kanzlei Bethge in Hannover. Möchte jemand seinen Besitz aufgeben, kann er eine Verzichtserklärung gegenüber dem Grundbuchamt abgeben. Eine Ausnahme ist Miteigentum: Einer Eigentumswohnung kann man sich auf diese Weise ebenso wenig entledigen wie des Sondereigentums einer Hausgemeinschaft.

          Weitere Themen

          So teuer sind Haus und Grund

          Immobilienkauf : So teuer sind Haus und Grund

          Die SPD will Bodenbesitz stärker besteuern – dabei fallen dafür schon viele Steuern und Abgaben an. Wo lässt sich beim Hauskauf noch sparen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.