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Trend zur Meerdeko : Meer davon

  • -Aktualisiert am

Sieht aus wie für ein Barbie-Haus: das Muschelbett von Circu Bild: Hersteller

Kitsch ist cool. Mit eingestaubten Muscheln auf Fensterbänken oder Dekoschalen im Bad hat der neue Einrichtungstrend nichts zu tun. Ob Lampenschirm, Teppich, Sessel oder Bettgestell – ohne Muscheloptik geht nichts mehr.

          Wer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgert, sieht sie nicht nur auf Schildern am Wegesrand. An den Rucksäcken der Wanderer baumelnd, dienen Muscheln auch als Schutzsymbol und Erkennungszeichen der Pilger untereinander. Nun werden sie auch zum Indikator für trendbewusste Interieur-Liebhaber. Das kling zunächst überraschend. Denn jenseits ihrer spirituell-symbolischen Dimension galten Muscheln, vermeintlich zufällig auf Fensterbänken oder in gläsernen Schalen drapiert, lange als wenig originelle Standard-Deko in Ferienhäusern und Restaurants am Meer. Zuverlässige Garanten für maritimes Flair, aber alles andere als innovativ oder gewagt.

          Das ändert sich. Lampenschirme und Vasen kommen nun als Kammmuscheln daher, Schmuck kann in Schalen in Form von Herzmuscheln abgelegt werden, in überdimensionalen Austern verbergen sich LED-Glühbirnen, Kissen sind mit Kaurimuscheln bestickt. Auch Bettgestelle und Sessel erinnern mit geriffelten, halbrunden Lehnen an die kleinen Wasserwesen. Eben noch als überholt und – im Gedenken an Arielle, die Meerjungfrau – allenfalls kinderzimmertauglich verschrien, werden Muscheln plötzlich als einer der Einrichtungstrends der Saison gefeiert.

          Auch in der englischsprachigen Ausgabe des Magazins „Architectural Digest“ ist man überrascht ob der neuen Begeisterung für den aktuellen Imagewandel der Muschel und betreibt Ursachenforschung über den „Trend, von dem wir nicht erwartet hätten, dass wir ihn mögen“. Als ein Grund für die wiedererwachte Liebe zu Muscheln wird ihre immer prominentere Rolle in der Mode genannt. Und tatsächlich: Bereits vergangenes Jahr zierten mit Muscheln versehene Ketten und Armbänder die Hälse und Handgelenke trendbewusster Bloggerinnen, dieses Jahr baumeln Muscheln zudem an Kleidern, Haarspangen und Gürteln. Für das aktuelle Frühjahr hat Chanel Handtaschen in Form überdimensionaler Kammmuscheln im Programm, bei Stella McCartney wird eine goldene Miesmuschel zur Abendtasche, bei Zara sind Bast-Taschen mit Kaurimuscheln bestickt.

          Mode und Einrichtung gehen oft Hand in Hand, das zeigen aktuell auch die Vorliebe für Möbel und Handtaschen aus Rattan und naturbelassenem Holz oder das in Kleidung und Interieur noch immer allgegenwärtige Millennial Pink. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis der neue Muschel-Trend nach den Kleiderstangen und Schmuckständern auch die Wohn- und Schlafzimmer erobert. Als einer der Vorreiter brachte der portugiesische Möbelhersteller Circu 2017 ein Bett in Form einer riesigen Kammmuschel auf den Markt, das wie sein Vorbild aus der Natur aufklappbar ist. Bei Einrichtungs-Bloggerinnen war die Begeisterung damals groß, schließlich bot das Circu-Bett für einen stolzen Preis von 15 000 Euro die perfekte Schlafstatt für Meerjungfrauen – und die hatten 2017 gerade Einhörner vom Deko-Thron verdrängt.

          Mal in Gold, mal in Beige oder Perlmutt und Rosa

          Eine preiswertere und stilistisch etwas abgeschwächte Variante des Muschel-Bettes hat die walisische Designerin Bethan Gray für die amerikanische Concept-Store-Kette Anthropologie entworfen. Die mit Samt überzogene, geriffelte Lehne erinnert an die Struktur von Herz- und Kammmuscheln und kommt auch bei Sesseln zum Einsatz. Solche Sitzgelegenheiten finden sich auch im Sortiment des Interieur-Unternehmens Westwing. Goldene Schalen in Muschelform gehören hier ebenfalls zum Programm, genau wie bei den Einrichtungsablegern von H&M, Zara und Asos. Vasen, Lampenfüße und -schirme, Teppiche, Kissen: sie alle kommen nun als Muschel daher. Mal in Beige- und Goldtönen, die fast wie eine Reminiszenz an Botticellis „Geburt der Venus“ anmuten, mal in schimmernd-irisierendem Perlmutt und Rosa mit augenzwinkernder Kitsch-Garantie.

          Muscheln erweisen sich nicht nur in der Einrichtung als vielseitig. Kaurimuscheln etwa wurden schon im 13. Jahrhundert in China als Zahlungsmittel verwendet, noch heute gibt es in Papua-Neuguinea neben der offiziellen Währung auch Muschelgeld und mit der Tolai Exchange Bank die wohl einzige Muschelbank der Welt. Der griechischen Mythologie ist die Assoziation der Muschel mit Weiblichkeit und Fruchtbarkeit zu verdanken, schließlich soll Aphrodite aus einer Muschel geboren sein. Und im Christentum symbolisiert die Muschel Schutz und ist als Sinnbild des Grabes Jesu bekannt.

          Der Vorteil des Trends liegt auf der Hand

          Ausgerechnet dieses symbolträchtige Weichtier – nichts anderes ist die Muschel schließlich rein biologisch – gibt nun die Form für Lampenschirme und Blumenvasen vor. Bei „Architectural Digest“ findet man das nur logisch, immerhin sei in der Natur jede noch so kleine Muschel eine Art kleines Haus und damit „eine tägliche Erinnerung daran, dass Behausungen jeder Form und Größe schön sein können“. Auch etwas nüchterner betrachtet, liegen die Vorteile des Trends auf der Hand. Denn die Muschel-Nachbildungen aus Porzellan, Stoff und Samt sind auch noch gut fürs Gewissen.

          Für Schmuck werden meist echte, noch lebende Muscheln aus den Meeren gefischt. Ihre naturgegebene Aufgabe, nämlich Wasser zu filtern und somit die Meere zu reinigen, können an Ketten und Ohrringen baumelnde Muscheln nicht erfüllen. Der Einrichtungstrend hingegen kommt fast komplett ohne echte Muscheln aus. So wird die Kopie zum Schutz für das Original – und macht sich mindestens ebenso gut auf der Fensterbank.

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