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So geht’s auch

JUDITH LEBMKE und BIRGIT OCHS

18. März 2021 · Es muss nicht immer ein Neubau auf der grünen Wiese sein. Sieben Beispiele aus unserer Serie „Neue Häuser“ zeigen, wie gut es sich jenseits von Standardlösungen wohnen lässt.

Außenansicht des roten Hauses der Familie Freydank in Meißen.
Außenansicht des roten Hauses der Familie Freydank in Meißen. Foto: Robert Gommlich

Ein Denkmal für Liebhaber

Rausziehen, um im eigenen Haus zu wohnen? Das ist kein Naturgesetz. Es gibt eine ganze Reihe kleiner und größerer Städte, in denen Bauherren mit etwas Glück und Aufgeschlossenheit fündig werden und ihren Wohntraum verwirklichen. Das gilt auch für unser Beispiel aus Meißen. Dort hat sich eine fünfköpfige Familie in ein besonderes Baudenkmal aus dem 15. Jahrhundert verguckt. Es ist das älteste Haus der Altstadt. Zum Zeitpunkt des Kaufs war es mit seinen morschen Balken, teils fehlenden Wänden und dem Notdach allerdings auch ein schwieriger Fall. Einige vorherige Interessenten hatten daher aufgegeben. Doch wo sie feuchtes Gemäuer und jede Menge Probleme gesehen hatten, erkannten die heutigen Eigentümer ihre Chance. Obwohl planerisch zunächst schlecht beraten, haben die Bauherren mit viel Einsatz, Beharrungsvermögen und Begeisterung die Sanierung gestemmt. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz beschreiben sie als unproblematisch.

Foto: Robert Gommlich

Warum dieses Projekt überzeugt
Ein Baudenkmal ist gerettet und dadurch innerstädtischer Wohnraum entstanden. Das hat auch deshalb funktioniert, weil die Bauherren sich auf das historische Haus und die damit verbundenen Gegebenheiten eingelassen haben. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Besuch des aufwendig renovierten Einfamilienhauses aus den 60er Jahren der Familie Bürkle in Schorndorf.
Besuch des aufwendig renovierten Einfamilienhauses aus den 60er Jahren der Familie Bürkle in Schorndorf. Foto: Rainer Wohlfahrt

Dieser Typ nutzt sein Potential

In seinem früheren Leben war dieser Hingucker aus dem Raum Stuttgart das äußerlich unspektakuläre Mitglied einer Minisiedlung aus den sechziger Jahren. Die vier frei stehenden Häuser in Hanglage mit je 120 Quadratmeter Wohnfläche und einem winzigen Bad waren nahezu baugleich. Für das gewisse Etwas sorgte im Innern allerdings die sogenannte Split-Level-Bauweise. Der wachsenden Familie, die das Haus 2006 gekauft hatte, wurde es mit dem dritten Kind zu klein. Statt für Umzug, Abriss und Neubau entschieden sich die Eigentümer für einen Umbau. Der Entwurf des Büros Archifaktur von Julian Bärlin knüpft an die räumlichen Qualitäten an, schafft mehr Platz, bringt Licht und Luft ins Haus. Auch die gemessen an heutigen Standards einfache Bausubstanz aus den Sechzigern wurde durch Umbau und Sanierung auf den neuesten Stand gebracht. In einem insgesamt in die Jahre gekommenen Umfeld präsentiert sich dieses Haus als Typ, der sein Entwicklungspotential bestens genutzt hat.

Foto: Rainer Wohlfahrt

Warum dieses Projekt überzeugt
Dank kluger Planung und Wertschätzung des Altbaus konnten die vorhandenen materiellen wie räumlichen Ressourcen genutzt werden. Stichwort Nachhaltigkeit. Das Beispiel zeigt, wie mit wenigen, aber gezielten Eingriffen ein altes Haus fit für den nächsten Lebenszyklus gemacht werden kann. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Gartenansicht der zur Wohnung umgebauten Scheune von Monika Burg in Gleisweiler.
Gartenansicht der zur Wohnung umgebauten Scheune von Monika Burg in Gleisweiler. Foto: Frank Röth

Scheune mit Loftcharakter

Das Land als Sehnsuchtsort hat Konjunktur, zumal Bauland dort deutlich günstiger ist als in der Stadt. In diesem Fall hätte sogar das elterliche Grundstück auf einem ehemaligen Winzerhof in der Pfalz Platz für ein neues Haus geboten. Die Bauherrin hat es besser gemacht, keine weitere Fläche durch einen Neubau versiegelt, sondern die alte Scheune zum Wohnloft ausgebaut. Der Entwurf für den Ausbau stammt vom Architekturbüro Lampevier aus Landau. Die Bauaufgabe war übersichtlich, mit vergleichsweise wenigen baulichen Eingriffen ist es gelungen, aus dem Zweckbau einen Wohnraum mit Atmosphäre für den Singlehaushalt zu schaffen. Die Bauherrin hatte sich ein offenes, aber auch behagliches Haus gewünscht. Kochen, Essen, Wohnen, Schlafen – alles ist in einem großen Raum, aber nicht auf einer Ebene untergebracht. Dafür sorgt der Einbau eines großen Holzpodests: Es ist oben Schlafplatz und unten begehbarer Kleiderschrank.

Foto: Frank Röth

Warum dieses Projekt überzeugt
Bebaute, aber ungenutzte Fläche wird als Wohnraum reaktiviert. Das gelingt auch deshalb, weil weder die Architekten noch die Bauherrin das Vorhaben mit unzähligen Ansprüchen überfrachten, sondern sich aufs Wesentliche konzentrieren. Zudem wurden alte Materialien teils wiederverwendet, bei neuen auf Qualität Wert gelegt. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Foto: Verena Müller

Gemeinsam in die Höhe

Alle, die Wert auf gute Nachbarschaft legen, hohe Ansprüche an die Bauqualität haben, aber bisher das Einfamilienhaus für das Maß aller Dinge halten, könnte dieses Mehrgenerationenhaus in Stuttgart überzeugen. Max Acht heißt der barrierefreie Neubau, der das Gros aller Einfamilienhäuser locker deklassiert. Eine Baugruppe hat ihn auf einem einstigen Krankenhausareal realisiert. Das Gebäude beherbergt elf Wohnungen für Haushalte von ein bis vier Personen. Die kleinste Einheit misst gut 60 Quadratmeter, die größten verfügen über 115 Quadratmeter. Es gibt zwei geförderte Eigentumswohnungen, zwei rollstuhlgerechte Wohnungen und einen Gemeinschaftsraum, der den Namen verdient. Zudem besteht der Neubau aus unverleimtem Holz, nur Keller und Treppenhaus sind aus Beton, da die Bauordnung für den ersten Rettungsweg nichtbrennbares Material vorschreibt. 480 Kubikmeter unbehandelte Fichte aus heimischer Forstwirtschaft stecken in Max Acht – die Gesamtbilanz macht das Gebäude zum Musterbeispiel für CO2-neutrales Bauen.

Grafik: Bauherr

Warum dieses Projekt überzeugt
Neben der ökologischen Bauweise, einer Spezialität des Büros Architekturagentur, passt sich das Haus dank flexibler Grundrisse an sich verändernde Lebenssituationen an. Die Gruppe hat sich eine Qualität leisten können, für die den Einzelnen die Mittel gefehlt hätten. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Foto: Frank Röth

Alter Bahnhof mit neuem Auftritt

Alte Bahnhöfe sind meist Problemimmobilien. In ihrer ursprünglichen Funktion werden sie nicht mehr gebraucht, aber für eine andere Nutzung fehlt die Phantasie. An Vorstellungskraft, wie ihr neues Zuhause im alten Bahnhof aussehen sollte, fehlte es einer Winzerfamilie aus Rheinhessen nicht, aber zunächst wurde sie mit ganz grundlegenden Problemen konfrontiert. Nachdem sie den „maroden alten Kasten“ erworben hatten, drohte er über ihnen zusammenzubrechen. Als die Fragen der Statik gelöst waren, kamen die gestalterischen zum Tragen: Wie soll man dieses Gebäude, das mal für einen ganz anderen Zweck gebaut worden war, in ein modernes Wohnhaus verwandeln, ohne die alte Funktion als Bahnhof komplett zu verschleiern? Die Bauherren entschieden sich für einen modernen Anbau, der sich bewusst vom alten Bestand abhebt. Im Altbau versuchten sie die Qualitäten des Bestehenden herauszuarbeiten und die alte Nutzung als Bahnhof in vielen Details weiterleben zu lassen. Der offene, lichtdurchflutete Anbau vermittelt hingegen ein modernes Wohngefühl.

Foto: Frank Röth

Warum dieses Projekt überzeugt
Es zeigt, dass modernes Wohnen nicht nur im Neubau möglich ist. Wenn es gelingt, alte Zweckbauten als Wohngebäude weiterzunutzen, haben nicht nur die Bauherren etwas davon, sondern der ganze Ort, weil er seine Identität behält. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Foto: Frank Röth

Mehr Wohnqualität auf weniger Fläche

Mit neuen Einfamilienhäusern verhält es sich wie mit neuen Autos: Sie werden immer größer. Der Platz scheint nie zu reichen, egal wie viele Quadratmeter ein Gebäude misst. Die Architektin Miriam Störck aus Brühl verabschiedete sich mit ihrer Familie bewusst von der großen Fläche und verkleinerte sich. Da die dreiköpfige Familie ihr altes Haus gar nicht ausnutzte, baute sie ein neues auf ihr Grundstück. Anstatt in vielen kleinen Zimmern auf 180 Quadratmetern lebt sie nun in einem großen offenen Raum samt Schlafgalerie und der zum Kinderzimmer umgebauten alten Garage auf insgesamt 105 Quadratmetern. Das alte Gebäude vermietet sie an Freunde. Das neue Zuhause direkt neben dem ehemaligen ist klein und kompakt und vermittelt trotzdem ein großzügiges Wohngefühl. Außerdem ist es als Holzbau ressourcenschonend und verbraucht viel weniger Heizenergie als die alte Bleibe.

Foto: Frank Röth

Warum dieses Projekt überzeugt
Weil es beweist, dass eine wachsende Familie nicht automatisch mehr Platz braucht. Außerdem zeigt es, dass Wohnqualität keine Frage der Größe ist. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Foto: Michael Bender

Neuling in der Dorfmitte

Ein Paar lässt nach der Geburt der Kinder die Großstadt hinter sich und zieht zurück in die heimatliche Provinz. So weit, so bekannt. Doch anstatt eine günstige Parzelle im Neubaugebiet fürs Fertighaus zu ergattern, entschließt sich die Familie dazu, im Dorfkern auf dem schmalen Grundstück der Eltern zu bauen – und damit auch viele Beschränkungen in Kauf zu nehmen, die es auf der grünen Wiese nicht gegeben hätte. „Wir wollten die Dorfmitte durch Nachverdichtung stärken und nicht unnötig Fläche verbrauchen“, begründet Bauherrin Miriam Lebok, die gleichzeitig die Architektin ist, den Schritt. Da es auch die zweite Tochter samt Familie zurück nach Oberfranken zieht, wird ein Mehrgenerationenprojekt daraus: Während die eine Schwester ins neue Holzhaus auf dem vorderen Teil des Grundstücks zieht, baut die andere Schwester die leerstehende Werkstatt auf dem hinteren Teil des Grundstücks zur Wohnung um. Die Eltern leben darüber. Die drei Familien teilen sich nicht nur Einfahrt, Garage, Garten und Gästezimmer, sondern auch die Energieversorgung: Eine Wärmepumpe versorgt alle drei Einheiten.

Foto: Tobias Schmitt

Warum dieses Projekt überzeugt
Es beweist, dass Nachverdichtung, Mehrgenerationen-Wohnen und das Teilen von Ressourcen nicht nur gute Ideen für die Großstadt sind. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt.


Staatsbibliothek zu Berlin Sehnsuchtsort Lesesaal
Architekt Rudi Scheuermann Diese Dämmorgie ist katastrophal

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 18.03.2021 16:28 Uhr