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Exotische Einrichtung : Die weite Welt im Wohnzimmer

  • -Aktualisiert am

Ob golden oder aus Holz, ob klein oder groß: Für jeden Haushalt gibt es den passenden Buddha. Bild: Imago

Exotische Stilzutaten haben in der deutschen Einrichtung eine lange Tradition. Und auch die Mischung von exotischen und europäischen Elementen ist nicht neu. Doch warum in die Ferne schweifen?

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          Flamingotapete im Frankfurter Fernsehzimmer, Buddha im Berliner Bad, Aga-Herd in der Augsburger Altstadtküche: Sieht man sich in deutschen Wohnungen um, scheinen nicht nur ihre Besitzer ständig aus den Ferien zu kommen oder sich danach zu sehnen. Viele WGs, Apartments, Doppelhäuser oder Villen, in denen die germanischen Reiseweltmeister wohnen, machen den Eindruck, selbst ständig in den Ferien zu sein. Denn sie imitieren mehr oder minder erfolgreich australische Surf-Hütten mit sonnengebleichten Schiffsplanken, Orchideen-Spas in Singapur oder britische Landhäuser in Wiltshire. Warum eigentlich? Braucht ein ehrliches niedersächsisches Fachwerkhaus tibetische Gebetsfahnen vor dem Rübenacker, das bayerische Hütti rauschende Bambusgewalde und die Ruhrgebietswohnung eine echte New Yorker Rooftop Lounge?

          Zugegeben: Wohnen ist Spielen, und Spielen macht Spaß. Neue Wohnstile auszuprobieren bringt Abwechslung, sie zeigen vordergründig Weltgewandtheit und lassen Besucher bewundernd staunen – zumindest, solange der asiatische Hänge-Gong bei einem entbehrungsreichen zwölftägigen Trekking im Rucksack über Gebirgskämme getragen wurde und nicht vom Grabbeltisch des Deko-Discounters stammt.

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          Die Seefahrer brachten Schätze aus fernen Ländern

          „Der Wunsch nach ungewöhnlichen Einrichtungsgegenständen aus aller Welt ist nicht neu“, erklärt die Autorin und Kunsthistorikerin Simone Knauss, die sich für ihr Buch „Global Style“ mit dem Phänomen des exotischen Wohnens befasst hat. „Seit die Menschen begonnen haben zu reisen, lassen sie sich von der Sehnsucht nach der Ferne leiten. Und sie begegnen diesem Fernweh, indem sie sich mit Reiseerinnerungen umgeben oder ihr Zuhause im Wohnstil ihrer liebsten Orte einrichten“, so Knauss.

          Dabei spiele es keine Rolle, ob sie selbst einmal dort waren oder nur davon träumen. Dass die Welt ein lässig bereistes Global Village ist, das sich im heimischen Bad bis zum Bett wiederfindet, ist ein relativ neues Massenphänomen. Denn bevor es Pauschalreisen und Düsenflugzeuge gab, kamen in der Welt vor allem Soldaten und Händler herum, brachten Erzählungen von fremdländischen Lebensweisen und Waren mit nach Hause – falls sie das Reisen überlebten.

          Die Rennstrecke für den Handel mit Wohnobjekten wurde in der großen Zeit der Seefahrer ab dem Ende des 15. Jahrhunderts der Weg von Ostasien über das Wasser nach Europa; die Seidenstraße war zuvor vor allem mit Karawanen bereist worden, die langsam vorankamen, von Überfällen bedroht und dazu von territorialen Auseinandersetzungen betroffen waren. Die wettergegerbten Mannschaften der Ostindien-Kompanien belieferten die Häfen von Dänemark bis Portugal mit Waren aus China, Indien und Iran: mit Gewürzen, bunten Stoffen, Tapisserien, Lackarbeiten, Möbeln, Kunstgegenständen und feinem Porzellan.

          Heute ist uns das Fremde näher

          Der Global Style hielt damit Einzug in Europa, in einer verschwindend kleinen Elite, die jedoch stilbildend wirkte. Vor allem im europäischen Hochadel brach im 17. und 18. Jahrhundert eine China-Begeisterung in Architektur und Interieurs aus. Eines der schönsten Beispiele dafür ist bis heute im beschaulichen Schloss Wörlitz bei Dessau zu sehen, wo Fürst Franz von Anhalt-Dessau die neue Interior-Mode gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Salons, Teehaus, Pagode und einem englisch-chinesischen Garten umsetzte. Im Schlosspark von Schwetzingen entstand gar eine dekorative Moschee.

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