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Rattan : Wintergartenästhetik war gestern

  • -Aktualisiert am

Der schwedische Hersteller Larsson Korgmakare fertigt wie zu Großvaters Zeiten. Bild: Anna Kern

Ob aus Schweden oder Indonesien: Rattanmöbel haben Konjunktur. Das Material verspricht Nachhaltigkeit und gefällt mit dem Charme des Handwerklichen. Doch wie steht es mit der Haltbarkeit?

          5 Min.

          Eine Gasse in der Stockholmer Altstadt, direkt am Hafen. An der Ecke weist ein altmodisch aussehendes Schild mit ausgestrecktem Zeigefinger auf „Larsson Korgmakare“ hin. Darunter eine Holztür, so unauffällig, dass Touristen achtlos an ihr vorbeigehen. Eine Treppe führt steil hinab in den Keller. Erica Larsson, Chefin in vierter Generation, wartet schon, sie trägt eine grobe Arbeitsschürze zu türkisfarbenen Croqs und begrüßt einen herzlich. Hier unten, in zwei weiß gekalkten Kellerräumen mit niedrigen Gewölbedecken, hält Larsson mit einem Mitarbeiter das uralte Handwerk des Korb- und Möbelflechtens hoch. In den Ecken stapeln sich Rattanstengel, über Heizungsrohren hängen Rattanfasern in dicken Bündeln. Hier entstehen nicht nur Stühle und Bänke nach den Entwürfen ihres Großvaters John Larsson; hier lässt auch Svenskt Tenn all seine Rattanmöbel fertigen, die einst der Architekt Josef Frank für das schwedische Traditionsunternehmen entworfen hat. Und die Stockholmer bringen ihre beschädigten Korbsessel und Bugholzstühle mit Wiener Geflecht zum Reparieren vorbei.

          „Mein Großvater John war gut befreundet mit Josef Frank“, erzählt Erica Larsson. „Frank konnte gut mit Materialien umgehen, er war offen für das Handwerk.“ Sie blättert in einer Mappe mit technischen Zeichnungen, auf vergilbtem Papier sind abgerundete Armlehnen und Tischgestelle zu sehen. Bis heute stellen sie hier unten die Svenskt-Tenn-Möbel nach den originalen Zeichnungen aus den dreißiger und vierziger Jahren her. Von den Plänen der besonders beliebten Modelle hat Larsson mittlerweile Kopien anfertigen lassen, um die Originale zu schonen.

          Einige der Möbel bestehen ganz aus Rattan, leichte Sessel und Tischchen, wie sie die Schweden gerne auf die Veranda ihres Sommerhauses stellen. Andere Modelle sind aus Holz mit Rückenlehnen und Sitzflächen aus Rattangeflecht. „Wir arbeiten immer noch auf dieselbe Art und Weise wie zu Zeiten meines Großvaters“, so Larsson. „Mit den gleichen Werkzeugen.“ Sie dreht das Ventil einer Gasflasche auf und entzündet die Flamme des Brenners. Über dem Feuer erhitzt sie einen Rattanstengel und biegt ihn in Form. Ihr Mitarbeiter flicht derweil die Rückenlehne eines Stuhls, dafür verwendet er Rattanfasern. „Man kann jeden Teil der Pflanze nutzen“, sagt Larsson, die ihren Rohstoff aus Malaysia bezieht. Auch wenn die komplett per Hand hergestellten Möbel ihren Preis haben, gibt es immer genug zu tun. Manchmal ruft Erica sogar ihren 78 Jahre alten Vater an, damit er aushilft. „Er ist fit und arbeitet gerne“, erzählt sie lachend. Trotzdem müssten die Kunden manchmal auf ihre Bestellung warten, doch das sei in Ordnung. „Sie wissen, dass wir eine kleine Firma sind und es etwas länger dauert.“

          Der schnell nachwachsende Rohstoff passt perfekt zum Zeitgeist

          Kein Wunder, dass es bei Larsson Korgmakare so viel zu tun gibt – hat Rattan doch gerade Konjunktur. Galten Möbel aus den Stämmen und Sprossen der Rotangpalme lange als etwas altbacken, als gutbürgerliche Ausstattung für Wintergärten oder Terrassen, wird das Material jetzt wiederentdeckt. Als schnell nachwachsender Rohstoff passt Rattan perfekt zum Zeitgeist, für eine Gartenbank oder ein Betthaupt aus dem Material braucht man nicht ein Gramm Kunststoff. Zudem gedeiht die Palme nur in naturnahen Wäldern, nicht als Monokultur auf Plantagen. Deswegen kann der Anbau dazu beitragen, Regenwald in Südostasien zu erhalten, und ist zudem eine gute Einnahmequelle für lokale Kleinbauern. Allerdings sind die Rattanmöbel nicht so widerstandsfähig wie Produkte aus Kunststoff. Wenn sie draußen zum Einsatz kommen, müssen sie vor Regen geschützt werden. Dafür gefallen sie mit dem Charme des Handwerklichen, denn das Material wird immer noch zum größten Teil manuell verarbeitet, bei der Ernte und Bearbeitung des Rohmaterials genauso wie später in der Möbelherstellung.

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