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Barwagen : Dem Trinken eine Bühne

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Feine Sache: Barwagen wie „Loud“ von Northern haben ihre Herrenzimmerattitüde abgestreift, oder? Bild: Chris Tonnesen

Ethnologin Dagmar Hänel über die enge Verbindung von Alkoholkonsum und Status, Schatzkisten für edle Tropfen und durch die Wohnlandschaft rollende Barwagen.

          Schon bemerkt? Servierwagen und die Hausbar sind wieder da, beladen und befüllt mit Flaschen, die teure Tropfen bergen. Lange Zeit waren sie von der Bildfläche verschwunden. Doch eben noch als mit seiner Herrenzimmerattitüde aus der Zeit gefallenes Mobiliar abgeräumt und weggeschoben, kehren die Möbel nun zurück – als Blickfang und coole Designerstücke. Wie kommt’s? Legen die Hersteller bloß eine alte Idee neu auf, um Abwechslung in ihre Produktpalette zu bringen? Möglich. Doch Möbel sind mehr als bloß Einrichtungsgegenstände, Repräsentanten der herrschenden Wohnkultur. „An der lässt sich einiges über unser Selbstverständnis ablesen“, sagt Volkskundlerin Dagmar Hänel. Sprechen wir also mit der Fachfrau über die gepflegte Trinkkultur im häuslichen Rahmen.

          Seit kurzem richtet man sich zu Hause beim Trinken wieder fein ein. Macht Sie das als Expertin für Alltagskultur hellhörig?

          Ja, auf jeden Fall. Denn tatsächlich sind diese Barwagen oder auch Barschränke, Flaschen, Gläser und all die Accessoires interessante materielle „Marker“ für so etwas wie Trinkkultur und die kulturelle und soziale Bedeutung von Alkoholkonsum.

          Bevor wir uns mit der Gegenwart beschäftigen, wo liegen eigentlich die Anfänge des gepflegten Trinkens?

          Alkoholkonsum begleitet die Spezies Mensch in ihrer Geschichte schon sehr lange. Und immer wurde Alkohol ambivalent bewertet und genutzt: als Rauschmittel, in religiösen Kontexten, als Genussmittel und als Mittel der sozialen Verbindung wie beim gemeinsamen Feiern genauso wie zur sozialen Abgrenzung. Auch Gesundheitsaspekte spielten eine Rolle, ein schönes Beispiel dafür ist der Bierkonsum. Über Jahrhunderte hinweg haben Menschen im nordwestlichen Europa ihren Flüssigkeitsbedarf vor allem mit Bier gestillt, weil im Wasser zu viele Keime waren. Das Bier war viel leichter als heute. Die Menschen haben es zu Hause und bei der Arbeit getrunken, als Alltagsgetränk.

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          Also nicht im gepflegten Rahmen.

          Nein, diese spezielle Trinkkultur hat sich bei uns für breitere Bevölkerungskreise erst im 19. Jahrhundert herausgebildet. Das Vorbild war eine höfische Trinkkultur, die dem Adel vorbehalten war. Erst mit dem Erstarken des Bürgertums als zentraler neuer gesellschaftlicher Klasse entsteht hier diese Art von gepflegtem Trinken im privaten Bereich. Hier wurde Alkoholkonsum mit neuen Bedeutungen aufgeladen.

          Inwiefern?

          Wie und welchen Alkohol jemand trank, wurde zum Distinktionsmerkmal zwischen Bauern und Arbeitern einerseits und Adel und sich bildendem Bürgertum andererseits. Letzteren galt öffentliches Trinken als vulgär – und unkontrolliert. Kontrolle aber ist ein entscheidendes Moment, wenn es um die Entstehung des Bürgertums, seinen Wertekosmos und auch den Alkoholkonsum geht. Und dafür spielt auch die entsprechende Umgebung samt Mobiliar eine Rolle.

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          Erklären Sie das bitte.

          Zum Glas haben alle Gruppen gegriffen, aber in den gehobenen Kreisen hat man den Alkoholgenuss besonders inszeniert und ritualisiert und eine Trinkkultur geschaffen. Man wählt bestimmte Getränke, nicht Bier, Korn oder Kartoffelschnaps, sondern Sherry, Brandy, Portwein, Whisky und auch Wein und dazu dann das passende Glas. Damit ist es aber nicht getan. Auch Zeit spielt eine Rolle. Vormittags zu trinken ist verpönt. In der englischen Oberschicht hat man Sherry am späten Nachmittag serviert, zwischen Tee und Dinner. Getrunken wird auch nicht, wo es beliebt, sondern je nach Anlass im Salon, am Esstisch, im Herrenzimmer – in Räumen und umgeben von Mobiliar, die in anderen Haushalten gar keine Rolle spielen.

          Neben der Kontrolle geht es also auch um Statussymbole?

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