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Der „Rundling“ in Leipzig : Das Fadenkreuz der Moderne

Der Rundling in Leipzig bietet Johanna Ziegenhagen und ihrem Terrier Uschi noch eine günstige Wohnung. Bild: F.A.Z. - Christoph Busse

Die Nibelungensiedlung in Leipzig zählt zu den spektakulärsten Bauprojekten der dreißiger Jahre. Der Architekt des „Rundlings“ war zu modern für die Stadt und wurde vergrault. Heute ist die Großanlage mit fast 1000 Wohnungen ein Denkmal, ein bewohntes.

          Johanna Ziegenhagen erinnert sich noch gut an den Umzug in den Rundling. „Das war am 1. August 1930. Da war ich sieben Jahre alt und sehr aufgeregt, weil die neuen Gebäude so groß und modern waren.“ Ihr Vater, ein Kutscher, siedelte mit seiner Frau und den drei Kindern aus einer der Arbeitersiedlungen im Osten der Stadt an den Rand von Leipzig-Lößnig im Süden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Dort, auf der grünen Wiese, hatte der Stadtbaurat und Architekt Hubert Ritter in kaum drei Jahren sein kühnstes Projekt geplant und gebaut: eine Wohnsiedlung aus drei konzentrischen Kreisen, in der so viele Menschen unterkamen wie nirgendwo sonst in der mit 700 000 Einwohnern viertgrößten Stadt Deutschlands. Noch heute, viele Plattenbauten später, zählt die Anlage mit knapp 1000 Wohnungen zu den eindrucksvollsten Siedlungen in Mitteldeutschland.

          Spektakuläre Gestaltung

          Es sind nicht ihre Ausmaße, die die Nibelungensiedlung so besonders machen, es ist ihre Gestaltung. Die Bauten ragen im Wortsinne heraus aus der übrigen Siedlungsstruktur. An dieser Stelle fand Ritter zufällig, wie er später erzählte, eine leichte natürliche Erhebung vor, die er städtebaulich nutzen wollte. Ritter unterstrich diesen Effekt, indem er die innere Bebauung vierstöckig ausführte, ein Geschoss höher als die übrigen Ringe.

          Im Kreis: Der 1929 bis 1930 erbaute Rundling im Leipziger Stadtteil Lößnig setzte Maßstäbe.

          Außerhalb Leipzigs ist der avantgardistische Architekt weitgehend unbekannt. Er entstammte einer Nürnberger Künstlerfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits hieß Bernhard von Gudden und war jener Psychiatrieprofessor, der mit dem bayerischen König Ludwig II. im Starnberger See ertrunken sein soll. Nach dem Abitur in München studierte Hubert Ritter an der Technischen Hochschule Architektur bei Friedrich von Thiersch.

          Es folgten Stationen in Frankfurt, München und Köln. Im Range eines Baurats auf Lebenszeit kam Ritter 1924 nach Leipzig. Besonders wohlgelitten war Ritter in Sachsen allerdings nicht. Der Stadtrat verlängerte seinen Vertrag nicht, nach 1936 bekam Ritter keine öffentlichen Aufträge mehr. 1941 nahm er den Ruf als Stadtbaurat nach Luxemburg an. Nach dem Krieg wollte er nach Leipzig zurückkehren, blitzte aber auch bei den neuen Gewalten ab. Er zog nach München, wo er 1967 starb.

          Nicht nur politische Vorbehalte

          Ritter stieß in Leipzig nicht nur auf politische Vorbehalte, sondern auch auf städtebaulich-architektonische. Die Stadt rühmt sich bis heute ihrer Gründerzeitsubstanz, deren geschlossene Quartiere zu den bedeutendsten in Deutschland zählen. Diese Tradition um neue Formen zu ergänzen fiel Ritter nicht leicht. Er selbst schulte sich am Neuen Bauen, war ein bekennender Anhänger der Moderne und prägte sie mit.

          1927 rief er Städtevertreter aus Europa und Amerika zur Leipziger „Siedlungswoche“ zusammen, um über den modernen Wohn- und Siedlungsbau zu sprechen. Gleichzeitig saß er neben dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius in einem Ausschuss der Forschungsstelle für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen.

          Zeitgemäßes Wohnen

          Wie sich Ritter zeitgemäßes Wohnen vorstellte, illustriert sein Rundling. Die Kreisstruktur bricht mit traditionellen Quartierformen und bündelt das Siedlungsleben, um die gemeinschaftsstiftende Wirkung zu unterstreichen. Die kreuzartig die Ringe durchschneidenden Quartierstraßen sind Zugänge, Gliederungselemente und Sichtachsen zugleich. Auf dem Siegfriedplatz in der Mitte sollte ursprünglich eine Kapelle entstehen.

          Stattdessen schuf man für die kinderreichen Familien ein überdimensionales Planschbecken. Heute gibt es hier so wenig Nachwuchs, dass die Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) als Eigentümerin Spielgeräte abbauen muss. An die Stelle des Bassins ist ein Rosenbeet getreten, für das skurrilerweise die Stadt verantwortlich ist: Während die LWB Eigentümerin der Gesamtanlage ist, gehört der kleine Siegfriedplatz zur Kommune - eine Laune der Besitzgeschichte.

          Außergewöhnlich, nicht einzigartig

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