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Der Rowac-Schemel : Der Hocker, auf dem das Bauhaus saß

  • -Aktualisiert am

Rowac-Hocker sehen einfach aus, sind aber keineswegs simpel. Bild: René Gebhardt

Auf den ersten Blick scheint der Rowac-Hocker wie ein schlichtes, dreibeiniges Sitzmöbel. Einst war er jedoch ein Paradebeispiel für neues Industriedesign. Das macht ihn noch heute begehrt.

          5 Min.

          Dessau im Jahr 1926: Walter Gropius schreitet durch sein neu errichtetes Bauhaus. Ein paar wichtige Entscheidungen über das Interieur sind noch zu treffen. Vor allem die Lehrräume und die Werkstätten der zukünftigen Meisterschüler müssen noch ausgestattet werden. Keine einfache Sache, soll das Bauhaus doch zukünftig nicht nur als Ort, sondern auch als Beispiel für die hauseigene Philosophie der Funktionalität dienen. Nach langem Überlegen lässt Gropius daher große Teile der Einrichtung selbst herstellen. Nur in wenigen Fällen greift er auf existierende Möbel zurück. Für die zahlreichen Sitzgelegenheiten in den Lehrräumen und Werkstätten etwa wählt er die Hocker der Eisenwarenfabrik Robert Wagner aus Chemnitz, kurz Rowac. Und das aus gutem Grund.

          Auf den ersten Blick ist der Rowac-Hocker ein ganz schlichtes, dreibeiniges Sitzmöbel. Das Stahlgestell ist mit einer Sitzplatte aus rundum poliertem, geleimtem Buchenholz verbunden, die Beine, meist schwarz oder grün lackiert, laufen konisch auf die Sitzfläche zu und sind ihrerseits mit weiteren Stahlstreben verstärkt. Doch die Einfachheit täuscht. Sowohl in seiner Geschichte als auch der dem Schemel inhärenten Ingenieurskunst ist der Rowac-Hocker alles andere als simpel. Seit 1905 stellt die Firma Rowac Industriemöbel, inklusive Hocker, her. Doch es dauerte ein ganzes Jahrzehnt, bis der Ingenieur Robert Wagner seinen Schemel in Material und Bauart bis zur Perfektion gebracht hatte. Wie für Industriemöbel üblich, ist der Hocker sachlich reduziert. Das Streben nach ultimativer Stabilität, Funktionalität und langer Haltbarkeit brachte Wagner aber dazu, jedes Detail des Möbels gründlich zu überdenken und mit zeitgemäßer technischer Ausprägung zu versehen, die eine Massenproduktion auf höchstem Niveau ermöglichte.

          Die Idee und das grundsätzliche Design des dreibeinigen Schemels, das Wagner hier runderneuerte, hatten bis dahin einen weiten kulturgeschichtlichen Weg zurückgelegt. Schon im Mittelalter saß man auf solchen Hockern, damals komplett aus Holz und grob geschnitzt mit Beinen, die meist gerade und direkt mit der Sitzfläche verbunden waren. Von Anfang an waren die Hocker rein funktionaler Natur und dienten der einfachen Unterstützung des in der westlichen Kultur ausgeprägten Sitzens mit herunterhängenden Beinen, welches, im Gegensatz zu anderen Kulturen, eine Stütze benötigt.

          Das Urmodell westlicher Sitzkultur

          Der dreibeinige Hocker ist das Urmodell der westlichen Sitzkultur, welches durch die Eisenwarenindustrie nun eine Erneuerung erfuhr. Doch niemand nahm den Schemel und seine Funktionalität so ernst wie Wagner, der sich sogar zwei Patente für bestimmte Konstruktionselemente ausstellen ließ, die er verbessert hatte. Sein Schemel, der um das Jahr 1920 in seiner endgültigen Form das Licht der Welt erblickte, hatte eine völlige Erneuerung der Beinkonstruktion erfahren. Seine Rowac-Hocker besitzen eine konisch zulaufende Beinkonstruktionen, die für Komfort und Stabilität nach oben immer größer werden und die an einer Hilfsplatte befestigt sind, auf die auch die hölzerne Sitzfläche geschraubt wird. Diese Konstruktion ermöglichte Rowac den Versand der Hocker in zerlegtem Zustand. Die Beine wurden dann vor Ort mit einer einzigen Schraube hinzugefügt und festgemacht.

          Stahlgestell trifft auf rundum polierte Sitzplatte aus Buchenholz.

          Doch der Stahlkonstruktion wohnen noch viel mehr Details inne. Sowohl die u-förmig gestalteten Beine als auch die waagerechten Verstärkungsstreben sind nach innen umgebördelt und nach allen Regeln der Kunst für eine höchstmögliche statische Belastung gebogen. Sein Patent für die Versteifungsstreben, die die Tragkraft und Stabilität unterstützen, erklärt die aufwendige Stahlarbeit: Alle Streben und Bleche dieses Hockers sind mehrschichtig und rinnenartig; sie alle sind vielfach umgebogen, ausgebaucht, vertieft und genutet, um maximale Stabilität für jede Art von Arbeitseinsatz zu erstellen.

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