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Neue Stühle : Material für gelebte Langsamkeit

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So sehen Stühle von Thonet im Wohnzimmer aus. Bild: Constantin Meyer/Thonet

Der Kaffeehausstuhl sowie viele andere Möbelstücke werden für die Espresso-Generation komplett neu interpretiert.

          Manche Materialien sind nicht nur hübsch anzusehen oder fassen sich besonders gut an, sie haben auch einen ganz typischen Sound, wenn man sie nutzt. Ein Korbstuhl lässt sich selbst mit geschlossenen Augen beim Hineingleiten noch an seinem markanten Knarzen erkennen. Das Material ächzt unter dem Gewicht des Nutzers, dehnt sich, wird hautwarm, drückt lustige Muster auf nackte Beine und folgt jeder Bewegung mit einem erneuten Knacken. Eine Melodie, die – ähnlich dem Geräusch eines brennenden Holzscheits im Kamin – im hektischen Alltag Entschleunigung verspricht. Und weil die Fähigkeit, einfach mal aufs Bremspedal des Lebens zu treten, im Moment ziemlich gefragt ist, sind es auch Produkte, die dabei helfen, zu Hause schnell in den Zen-Modus zu wechseln. Rattan, Korb & Co hinterlassen drinnen wie draußen schon länger wieder ihre Abdrücke, hinzu kommt nun aber vermehrt der Einsatz von klassischem Rohrgeflecht.

          Rohrgeflecht, wie man es traditionell auf den Stühlen im Zentrum der gelebten Langsamkeit wiederfindet: im Wiener Kaffeehaus. Genau da, wo man zum Preis nur einer Tasse „großem Braunen“ Stunde um Stunde sitzen und über das Leben und die Welt sinnieren kann. Zum entsprechenden Flair gehören neben schnieken Kellnern und süßen Mehlspeisen aber auch die entsprechenden Möbel: Marmor-Bistrotische, Messinglampen und Thonets „14“, heute „214“ – quasi dem Godfather of Kaffeehausstuhl. 1859 von Michael Thonet aus nur sechs Einzelteilen und genauso vielen Schrauben entwickelt, fand sich die Bugholz-Sitzmöglichkeit mit dem hübschen Einsatz aus Wiener Geflecht schon 1930 nicht nur in zahlreichen Kaffeehäusern, sondern eben auch in 50 Millionen Haushalten rund um den Globus – darunter in so illustren wie dem Weißen Haus oder dem Zuhause von Picasso, Lenin und Einstein.

          Der Kaffeehausstuhl wird in vielen Haushalten immer beliebter.

          Verwendung fand das schmückende Netz jedoch nicht nur in der Lehne oder der Sitzfläche von Stühlen, sondern ebenso als stilprägender Bestandteil von Tischen und Bettrahmen oder als raffinierte Heizkörperabdeckung. Die Vorteile lagen auf der Hand: Der Werkstoff war günstig, leicht und in geflochtener Form sehr strapazierfähig, darüber als Naturmaterial noch atmungsaktiv und luftdurchlässig. Im Gegensatz zu den klassischen Möbeln der Zeit, die sich meist durch dunkles Holz, opulente Formen und große Volumina auszeichneten, wirkten jene mit Flechtelementen darüber hinaus geradezu filigran.

          Der Trend für individuelle Möbel steigt

          Leichtigkeit ist heute, in Zeiten steigender Wohnkosten und dementsprechend begrenzter Platzverhältnisse, natürlich auch ein Thema. Es ist aber nicht das einzige und wohl auch nicht der ausschlaggebende Grund dafür, sich ein Stück Wiener Kaffeehauskultur in die heimischen vier Wände zu holen oder um diese neu zu interpretieren. Viel prägnanter ist der Trend zu handwerklich gefertigten und dadurch individuellen Möbeln, die eine gewisse Nostalgie umgibt – und die richtige Geschichte fürs Marketing.

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