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Immobilienkauf : Frust im Traumhaus

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Die perfekte Idylle fern der trubeligen Großstadt könnte den Wohntraum erfüllen. Bild: Getty

Endlich erfüllt sich der heißersehnte Wohntraum – doch das Glück mag sich nicht einstellen. Die eigene Immobilie birgt viele Risikofaktoren. Was tun?

          Es war alles wie im Film. Diesem bescheuert-romantischen Film, den wahrscheinlich 90 Prozent aller deutscher Frauen und Männer in einem rätselhaften Hirnareal abgespeichert haben: Das Immo-Softspülvideo, in dem blondgelockte Zwillinge aus der Veranda eines großzügigen Einfamilienhauses über eine leuchtende Feldblumenwiese laufen. Im Hintergrund das Designtablett mit Beerensmoothies in der offenen Küche, die nicht nur schnittig wie ein Rennwagen aussieht, sondern sicher auch so viel gekostet hat. Und klar, brauner Labrador auf dem Granitfußboden, langer Esstisch mit verstreuten Artischocken, Durchblick auf den Kamin. Mein Haus, meine Familie, meine Küche, wenn das nicht das Glück ist – was dann?

          Ja, was dann? Genau das fragte sich eine bekannte deutsche Intellektuelle, die nach Jahren der Kreditverhandlungen, Hausplanung, Bauen und Handwerkerkrisen im Eigenheim nicht ins neue Glück umzog, sondern völlig überraschend in die emotionale Leere stürzte. In innere Stumpfheit inmitten von niegelnagelneuen Wänden, strahlenden Bädern und subtilen Wandfarben. Jeden Tag das Gefühl eines emotionalen Katers, trotz maßgeschneiderter Mülltonnenhäuschen, Designtreppe und einer Küche im Wert eines neuen Kleinwagens. Jeden Tag das Gefühl: Du kannst hier nicht klar denken, unbeschwert aufstehen, da lastet ein Gewicht, du musst hier raus aus diesem Eigenheimglück weit weg von der Innenstadt. Verzweifelt betäubte sie die Hausdepression zuerst mit dem nächstliegenden materiellem Überlebensreflex: „Ach ich werde schon glücklich sein, wenn die Treppe ein Geländer hat! Der Rasen sprießt! Der Zaun steht!“. Stattdessen wurde es nur schlimmer.

          Kauffalle: Traumhaus

          Eines Abends beschloss sie, auszuziehen. Suchte eine kleinere Mietwohnung in ihrem alten Stadtviertel mitten in der Metropole, kaufte bei Ikea eine Küche, die nur einen Bruchteil der Traumküche im Traumhaus gekostet hatte und die ein Freund zusammenbaute, denn das Geld für Handwerker war für dieses irdische Leben erst einmal dahin. Siehe da: Zurück im alten Leben, weit weg vom Filmhaus war sie über Nacht glücklich. Das Haus? Will sie vermieten oder verkaufen, es wird sich eine Lösung finden.

          Den Mut zu einer klaren Scheidung vom scheinbaren Traumhaus haben nicht alle. Barbara Perfahl, Wohnpsychologin und Buchautorin, kennt die subtile Falle, die der Kauf eines Eigenheims bedeuten kann: „Viele Menschen sind glücklich, wenn sie Gestaltungsfreiraum, Wohnfläche, Privatheit und Abstand zu Mitmenschen vergrößern können. Studien besagen, dass bei vielen die Lebenszufriedenheit steigt, wenn sie in ein eigenes Haus ziehen. Dennoch gibt es nicht wenige, für die das Glück sich aus unterschiedlichen Gründen überhaupt nicht einstellt.“

          Das könnte das passende Reich ganz nach dem eigenen Geschmack und mit reichlich Platz sein.

          Die einen haben zu große Erwartungen an das Versprechen, das das Idealhaus zu bieten scheint, und hoffen: Wenn ich dort erst wohne, bin ich glücklich – analog zum Gedanken, dass das Leben passen wird, wenn man 20 Kilo abgenommen hat. „Der Grund dafür ist der Reiz des großen Projekts, es macht ja Spaß, ein Haus zu suchen, zu renovieren und alles einzurichten“, sagt Perfahl. „Aber wenn dieses große Projekt die Menschen von sich selbst abkoppelt und hinter dem ersten irrsinnigen Spaß das Unglück droht, dann kippt es ins Gegenteil.“

          Die Frage nach den Grundbedürfnissen

          Das passiert vor allem dann, wenn ein Haus dem eigenen Lebensstil nicht entspricht oder Menschen plötzlich radikal aus ihrem bisherigen Wohnmodell ausbrechen: Von der pflegeleichten Wohnung in ein riesiges Haus mit exzentrischen Macken, von der inspirierenden Stadt voller Freunde in die romantische Einöde mit Fröschen – das sind nach Erfahrung der Psychologin und Wohnfachfrau Lebenssprünge, die auf unvorhersehbare Weise belasten können. „Denn das Wohnumfeld ist, psychologisch gesehen, das wichtigste Umfeld für den Menschen“.

          Ästhetische Erfahrungen werden in den ersten Lebensjahren ausgeprägt, später komme dann das Bedürfnis hinzu, ein neues Selbstbild zu erfüllen. Aus ihrer Beratungsarbeit als Einrichterin kennt Perfahl die inneren Konflikte, wenn Menschen mit einem Haus unbedingt ein Idealbild erfüllen wollen, das sie von sich selbst haben. Jugendliche Erfahrungen vermischen sich dann mit beruflichen und gesellschaftlichen Zielen – oder auch Defiziten nach dem Motto: „Früher haben wir arm und klein gelebt, jetzt will ich fünfundzwanzig Leute zum Essen hier haben können!“

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