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Das eigene Heim : Ein fesselndes Verhältnis

Bild: Andreas Weishaupt

Auf der Liste der Lebensziele belegt die eigene Immobilie einen Spitzenplatz. Denn sie verheißt ihren Besitzern Status, Sicherheit, aber auch Freiheit und Glück. Von keiner anderen Investition versprechen sich Menschen so viel.

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          Der Mensch träumt vom Eigenheim. Das haben sich weder Anbieter von Fertighäusern noch Bausparkassen noch Makler ausgedacht. Auf der Liste der persönlichen Lebensziele steht Wohneigentum oft ganz oben, für den einen in Gestalt einer Villa, für den anderen als Reihenhaus oder aber auch als Etagenwohnung. Schätzungen zufolge würden etwa vier Fünftel der Bewohner dieses Landes gerne in den eigenen vier Wänden leben. „Der Ehrgeiz auf diesem Gebiet ist enorm“, urteilt Hartmut Kliemt, Professor für Philosophie und Ökonomik an der Frankfurt School of Finance & Management.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist ein Wunsch über die Landesgrenzen hinweg. Die Deutschen, die im echten Leben überwiegend zur Miete wohnen (siehe Kasten), stehen mit ihrer Begeisterung für das Eigenheim keineswegs allein. Immobilienbesitzer zu sein gilt rund um den Erdball als erstrebenswert - auch aus Sicht vieler Staaten.

          Synonym für Familienförderung

          Heute wie schon in der Vergangenheit fördern zahlreiche Länder den Kauf. Mal sollte wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Grundbesitz die Bewohner eines Landes in Bürger verwandeln. Später hoffte man darauf, dass Wohneigentum gegen die Versuchungen des Kommunismus immun macht. Hierzulande ist Eigenheimförderung nach wie vor auch ein Synonym für Familienförderung, wie der Soziologe Hartmut Häußermann anmerkt.

          Durch die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung tritt aber verstärkt ein anderer Aspekt in den Vordergrund: die private Altersvorsorge. In den Vereinigten Staaten, wo die Pflicht zur persönlichen wirtschaftlichen Absicherung zu den Grundüberzeugungen zählt, erlag man dem Charme des Wohneigentumgedankens sogar so sehr, dass letztlich auch der Mittellose zum Hausherrn werden konnte. Mit fatalen Folgen.

          Eine besondere Form des Besitzes

          „Eine selbstgenutzte Immobilie ist eine besondere Form des Besitzes“, urteilt Ökonom Kliemt. Denn zu kaum einer anderen Investition hegt der Eigentümer ein so spezielles wie auch vielschichtiges Verhältnis. Das drückt sich nicht zuletzt im Begriff vom Eigenheim aus, in dem Wohneigentum und Heim verschmolzen sind. „Die Bindung an das Haus, das wir selbst bewohnen, ist extrem stark - fast wie in einem Ehevertrag“, stellt Kliemt fest, der sich über die überdurchschnittliche Opferbereitschaft wundert, die Eigenheimkäufer an den Tag legen. Denn sofern sie nicht zu jener Gruppe der Großverdiener zählen, für die der Erwerb eine Investition neben vielen anderen darstellt, legen sich die Käufer über Jahre hinweg fest.

          Sie sparen, verzichten und schränken sich ein. Nicht nur als Konsumenten stecken sie zurück, weil oft das gesamte Eigenkapital wie auch ein Großteil des monatlich verfügbaren Einkommens ins Haus fließt und nicht anderweitig investiert werden kann. „Ganze Lebensplanungen werden dem Hauskauf radikal untergeordnet“, stimmt der Soziologe Häußermann zu.

          Die Gefahr des Besitzes

          Und warum dies alles? Zum einen weil das eigene Haus für Existenzsicherung steht - sofern es gelingt, die Immobilie abzubezahlen. Dann soll sie vor dem Risiko einer Inflation wie vor Armut im Alter schützen. Als Ruheständler keine Miete mehr zahlen zu müssen ist eine große Entlastung. „Das eigene Haus ist wie ein Versprechen: Es ist meins, das nimmt mir keiner“, beschreibt Häußermann ein Motiv für die Kaufbereitschaft.

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