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Toben, kreischen, musizieren : Was Kinder im Mehrfamilienhaus dürfen

Kinderwägen dürfen Eltern im Treppenhaus abstellen, wenn es unzumutbar ist, ihn mehrere Stockwerke in die Wohnung zu tragen, und Fluchtwege nicht blockiert werden. Bild: Picture-Alliance

Wo Familien wohnen, geht es oft laut und etwas chaotisch zu. Manche Vermieter und Nachbarn stören sich daran. Doch was dürfen Kinder im Mehrparteienhaus und was nicht?

          Familien sind bei Eigentümern nicht die beliebtesten Mieter. Babys schreien, Kinder machen Lärm beim Spielen und hinterlassen mit dem Bobbycar Kratzer auf dem Parkettboden. Zudem haben Familien im Mehrparteienhaus die Tendenz, sich auszubreiten: Da werden Kinderwagen, Fahrräder und Schuhregale im engen Hausflur abgestellt. Nachbarn sind genervt und beschweren sich. Doch was dürfen Familien und Kinder im Mehrparteienhaus und was nicht?

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Grundsätzlich gilt, selbst wenn es Mitmietern auf die Nerven fällt: Toben, hüpfen, rennen, kreischen, poltern – nach Auffassung der meisten Gerichte müssen Nachbarn Kinderlärm im üblichen und zumutbaren Ausmaß tolerieren (AG Bergisch-Gladbach, WM 83; AG Aachen WM 75; OLG Düsseldorf, Az.: 9 U 218/96). Schreien Säuglinge in der Nacht, ist ihr Verhalten altersgerecht, da sie ihre Bedürfnisse nicht anders ausdrücken können. Kleinere Kinder dürfen in der Wohnung spielen, lebhaft sein, ihren Bewegungsdrang ausleben, dabei darf es laut zugehen. Dies entspricht der normalen Wohnungsnutzung. Ebenso dürfen sie Freunde zum Spielen mit nach Hause bringen. Weder hat der Vermieter das Recht, der Familie deshalb zu kündigen, noch dürfen Nachbarn die Miete mindern.

          Es gibt jedoch Grenzen: Findet das Geschrei und Gepolter aus der Nachbarwohnung kein Ende, müssen Mieter das nicht hinnehmen. So hat der Bundesgerichtshof im Jahr 2017 geurteilt (Az.: VIII ZR 226/16). Um die Miete zu mindern, genügt den Bundesrichtern zufolge eine Beschreibung der Form, Dauer und Intensität des Lärms. Wann er unzumutbar wird, hängt vom Einzelfall ab. Entscheidend hierfür ist auch das Alter der Kinder: Vom Grundschulalter an gelten sie als verständig, man kann von ihnen erwarten, auf andere Rücksicht zu nehmen und sich an die Ruhezeiten zu halten, auf die ihre Eltern sie hinweisen müssen. Diese gelten in der Regel von 13 bis 15 Uhr und von 22 bis 7 Uhr, es sei denn, es steht etwas anderes im Mietvertrag.

          Musizieren in der Wohnung ist erlaubt, Rollerbladen nicht

          Ist der Lärm absichtlich und daher vermeidbar, fällt er nicht unter den vertragsgemäßen Gebrauch einer Wohnung. Der Vermieter hat nach § 541 BGB das Recht, auf Unterlassung zu klagen. So muss man laut Amtsgericht Celle das Rollerbladen nicht dulden, da Rollschuhe für den Gebrauch im Freien gedacht sind. Gleiches gilt für Tennis oder Fußball. Auch wenn die pubertierende Nachbarstochter um 23 Uhr die Stereoanlage aufdreht, ist es in Ordnung, sich zu beschweren.

          Musizieren ist aber erlaubt und darf vom Vermieter nicht grundsätzlich untersagt werden. Wie jeder Mieter hat auch ein Kind meist das Recht, täglich außerhalb der Ruhezeiten bis zu zwei Stunden auf seinem Instrument zu spielen – unabhängig davon, ob schon eine Melodie entsteht oder die Geige noch quietscht. Je lauter das Instrument, desto kürzer darf man üben.

          Auch für Gemeinschaftsflächen im Haus gibt es klare Regeln: Den Kinderwagen dürfen Eltern im Treppenhaus abstellen, wenn es nicht zumutbar ist, ihn mehrere Stockwerke in die Wohnung zu tragen. Anderes gilt, wenn es einen Aufzug gibt oder der Hausflur so eng ist, dass der Wagen den Fluchtweg versperrt. Pauschale Verbote, dass Kinderwägen hier nicht geparkt werden dürfen, sind unwirksam. Fahrräder und Tretroller hingegen müssen im Keller, auf dem Fahrradstellplatz oder in der Wohnung untergebracht werden. Auch Toben, Fangen oder Ballspielen sind im Treppenhaus, Aufzug, Keller und auf dem Dachboden verboten, Eltern müssen das unterbinden.

          Ist es Bewohnern laut Mietvertrag erlaubt Hof oder Garten mitzubenutzen, können die Kinder auch hier spielen. Es ist ebenfalls gestattet, dass Eltern für den Nachwuchs Rutsche, Planschbecken oder Sandkasten aufstellen – das sollten sie vorher mit den Mitmietern abklären. Wenn den Nachbarn der Spielplatz nebenan zu laut ist, können sie auch hier keine Mietminderung verlangen. In einem Grundsatzurteil aus dem Jahre 2015 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Anwohner den Lärm von Kindertagesstätten und Spielplätzen hinzunehmen haben (Az.: VIII ZR 197/14).

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