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Besuch Zuhause : Hilfe, die Gäste kommen!

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Um den Tisch haben sie alle Platz gefunden, doch wo werden sie später ihre müden Häupter betten? Bild: Picture Press/Schon & Probst

Wenn sich Besuch ankündigt, bekommen viele Gastgeber die Krise. Neue Lebensformen und moderne Grundrisse machen es immer schwerer, den Alltag ungeschminkt mit anderen zu teilen.

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          Es ist ganz einfach. Man klappt das Bettsofa im Home Office aus, bezieht die Matratze mit einem tadellos gemangelten Laken, sprüht Lavendelwasser auf das Kopfkissen, stellt vielleicht noch Rosen auf den Beistelltisch. Dort liegen die sorgfältig kuratierte Magazinauswahl und das zweimal ausgedruckte W-Lan-Passwort – der Besuch kann kommen. Was für ein Traum im eigenen Haus, das für einige Tage Boutique-Hotel spielen darf, dabei Gastgeber und Gäste barfuß in alter Freundschaftssymbiose frühmorgens im Pyjama vereint. Mit strubbeligen Haaren das Tiermüsli im Vogelhaus zusammen auffüllen, an der Lasagnesoße tüfteln, die Rotweinvorräte durchprobieren, nächtelange Gespräche über Lieben, Götter und Kinder führen, ach wie herrlich, Besuch zu haben. Menschen sind schließlich Rudeltiere.

          Wenn es so einfach wäre. Denn die Zeiten, in denen es selbstverständlich war, über Wochen, gar Monate wunderliche Tanten, Cousins in der Selbstfindungsphase oder Schulfreunde mit einem Sack voll Kinder geduldig bei sich aufzunehmen, sind so vorbei wie die selbstverständliche Existenz eines sogenannten Fremdenzimmers, in dem unsere Großmütter die Paradekissen regelmäßig aufklopften. In Haushalten, die mit ins Auto gefeuerten Fertiggerichten überleben, ist die Toleranz für Freunde in der akuten Phase der Darmsanierung, IT-Führungskräfte, die plötzlich ein Bespaßungsprogramm erwarten, oder lethargische Austauschschüler nicht besonders hoch. Die einst legendären ostpreußischen oder gar russisch-tolstoischen Besuchszeiten sind vielerorts vollkommen undenkbar geworden: Da kündigten sich Gäste per Brief an, erschienen per Kutsche und blieben einen Monat. Oder ein halbes Jahr. In einer streng normierten bürgerlichen Welt, in der Konversation und Kartenspiel Facebook und Youtube ersetzte, mag Besuch echte Unterhaltung für alle Generationen gewesen sein. Und unbedingte Gastfreundschaft eine soziale Pflicht wie die Unauflöslichkeit der Ehe.

          „Das reine Fremdenzimmer ist gleichzeitig mit dem Partykeller ausgestorben“, sagt die Bielefelder Maklerin Katja Möllmann, deren Büro seit 25 Jahren Wohnungen und Häuser in Ostwestfalen vermittelt. „Wir beobachten seit zehn bis fünfzehn Jahren, dass unsere Kunden reine Gästezimmer fast überhaupt nicht mehr planen oder einrichten, außer im absoluten Luxussegment, wo Geld und Platz keine Restriktionen darstellen.“ Das liegt ihrer Erfahrung nach am geänderten Rollenbild der heute meist berufstätigen Frauen und der Bevorzugung offener Wohnkonzepte, die sich auch in Raumaufteilungen widerspiegeln: „In der vorherigen Generation war es weitgehend selbstverständlich, dass die Hausfrau sich um den perfekten Zustand des Wohnzimmers kümmerte und auch Gästezimmer parat hatte“, sagt Möllmann. „Heute findet der Großteil des Lebens in offenen Küchen und Esszimmern statt. Da repräsentiert man mit gutem Essen und moderner Einrichtung, hat selber ein Amüsement. Nach Mitternacht bleibt man aber wieder unter sich, echten Besuch schickt man lieber ins Hotel.“

          Das Haus als privater Rückzugsort

          In Häusern gehe es heute um Lebens- und Raumoptimierung, das Abwerfen von Ballast. Überflüssige Ecken und Winkel wolle man nicht mehr, besonders wenn der Quadratmeter bis zu 4000 Euro kostet. Die früher auf Grundrissen explizit ausgewiesenen Gästezimmer sind nach Erfahrung der Maklerin von modulierbaren Mehrzweckzimmern abgelöst worden. Oft gibt es nun einen einzigen Raum für Ankleide, Büro und Schlafsofa, in den zur Not Gäste ziehen können. „Wir leben zwar in immer größeren Wohnungen, aber da man durch Job, Social Media und Handy unter Dauerdruck steht, ist das Haus das letzte Refugium.“

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