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Animalische Mitbewohner : Wenn Wildtiere das Wohnzimmer erobern

  • -Aktualisiert am

Stinkt leider: Siebenschläfer loszuwerden ist nicht einfach, sie stehen unter Schutz Bild: Juniors

Siebenschläfer im Weinkeller, Hochzeit feiernde Marder auf dem Dachboden, Wanzen unter der Bettdecke – unsere Häuser sind voller unerwünschter Gäste. Auch wer putzig aussieht, kann sich als Plage entpuppen.

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          Auf einmal waren sie da, so putzig und hübsch. Sie kletterten die Fassaden auf der Terrassenseite hoch, rutschten die Regenrinnen herunter und schauten uns mit großen, erstaunten Augen an, wenn wir sie aus dem Laubkorb befreiten: eine Familie von Siebenschläfern. Als Stadtmenschen hatten wir zunächst überhaupt keine Ahnung, was für Wesen plötzlich unter unserem Dach lebten. Exotische Eichhörnchen, Mäuse mit buschigem Schwanz, üppig schöne Ratten? Wir lernten schnell, dass unsere nachtaktiven Hausgäste zur Familie der Bilche gehören, recht selten sind und unter Naturschutz stehen – und begannen wie stolze Eltern Fotos von ihnen auf Facebook und Instagram zu posten. Doch im Jahr darauf waren es ab Mai nicht vier, sondern zwei Dutzend dokumentierte Tiere, Dunkelziffer unbekannt. Sie sprangen im Weinkeller auf den Bordeauxflaschen herum, nagten Chipstüten auf, richteten es sich gemütlich im Kartoffelkorb ein und nahmen Verschläge, Zwischenböden und Treppenhohlräume des Hauses in Beschlag. Sie randalierten im Heizungsschrank, bissen die Isolierungen durch, zerfetzten die Putzsachen.

          Das Kratzen, Laufen und Polstern ging ja noch, aber der Gestank: bestialisch. Siebenschläfer-Ausscheidungen überall. Auch nach täglichem Scheuern, Benebelung mit Lavendel-Duftkerzen und Lüften roch es daheim wie im Pumakäfig. Wir kauften nach Beratung durch einen Naturschützer eine Lebendfalle, lockten die Tiere mit Apfelstücken an, hörten nachts das metallische Klack der Käfigfalltür, wenn sie reinliefen, holten morgens die Falle raus und stellten die meist schlafenden Tiere neben den Frühstückstisch. Nach Kaffee und Müsli kamen sie mit ins Auto zur Siebenschläfer-Relocation, fuhren im Kofferraum zwanzig Kilometer durch die Lande und wir setzten sie bei Streuobstwiesen und Wäldern aus. Mit der Zeit gehörten die schönen Bilche zum Familienclan, und wir fragten uns, ob manche trotz der zwanzig Kilometer den Weg zurückliefen. Wie liebten unsere Freunde mit den Saugnapffüßen, konnten aber nicht mit ihnen leben.

          Die Besuchszeit endet im September

          „Siebenschläfer sind mittlerweile ziemlich seltene Tiere, die allerdings auch aufgrund von Wohnraummangel in freier Natur immer öfter die Nähe des Menschen suchen“, berichtet Eva Goris von der Deutschen Wildtierstiftung. So richten sie sich in Garagen, Carports, Schuppen und Dachböden häuslich ein. Zur Paarung oder bei Streitigkeiten kann es bei den nachtaktiven Tieren ab und an etwas lauter werden, der Schaden sei normalerweise übersichtlich. „Da die Tiere zudem streng geschützt sind, sollte man sich freuen, dass die Siebenschläfer den eigenen Garten oder Schuppen als Lebensraum entdeckt haben und sie ansonsten in Ruhe lassen.“ Im September ist die Besuchszeit vorbei. Der Winterschlaf beginnt und kann bis in den Mai andauern. Doch wenn die Tiere überhandnehmen, rät auch sie dazu, sie umzusiedeln.

          Dass Wildtiere immer häufiger in die Nähe des Menschen und damit auch in die Städte ziehen, liegt daran, dass sie mit Parkanlagen, Gärten und Friedhöfen im Vergleich zu eher eintönigen Agrarlandschaften mit großflächigen Monokulturen, etwa mit Raps und Mais, zu interessanten Lebensräumen geworden sind. Häufig sind Probleme bei ungewollten Wohngemeinschaften mit Mardern, berichtet Eva Goris. „Es ist wahrlich nicht schön, wenn ein Marder auf dem Dachboden Hochzeit feiert und viel Dreck, Lärm und Zerstörung mit sich bringt, Dämmmaterial und Kabel zerbeißt. Solche Wohngemeinschaften aufzulösen ist nicht einfach.“ Goris rät, Marder von einem Kammerjäger zum Auszug zu überreden, denn die Tiere zu fangen oder gar zu töten ist Laien untersagt; nur Inhaber eines Jagdscheins sind berechtigt, Fallen aufzustellen.

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