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Campus in New York : Wer braucht schon Amazon?

Wahrzeichen von Long Island City: Der unter Denkmalschutz stehende Schriftzug von Pepsi-Cola erinnert an die industrielle Vergangenheit. Bild: BENJAMIN NORMAN/The New York Tim

Der Stadtteil Queens führte in New York lange ein Schattendasein. Da erschien die Aussicht auf einen neuen Campus des Online-Händlers manchem wie ein Hauptgewinn. Die Hoffnung hat sich vorerst zerschlagen. Und nun?

          Es war wie am Tag, als Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. So beschreibt Rob Basch sein Gefühl des Schocks, als Amazon.com vor wenigen Wochen ankündigte, einen im New Yorker Stadtteil Queens geplanten Riesencampus nun doch nicht zu bauen. Ein Vorhaben, das 25.000 Arbeitsplätze mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 150.000 Dollar schaffen sollte, löste sich von einem Moment auf den nächsten in Luft auf. Basch wohnt in Long Island City, dem Viertel in Queens, in dem die Niederlassung des Online-Händlers entstehen sollte, und engagiert sich in einer Organisation, die sich um die dortigen Parks kümmert. Er war Teil eines Beratungsgremiums, das ins Leben gerufen wurde, um Amazon bei seinem Plan mit Vorschlägen aus der lokalen Bevölkerung zu versorgen. Der Rückzieher traf ihn unvorbereitet. Noch zwei Tage vorher hatte er auf einer Pressekonferenz für Amazon geworben, und noch am selben Morgen hatte sich das Gremium mit Unternehmensvertretern getroffen, die keinerlei Signale gaben, dass das Megaprojekt schon wenige Stunden später abgeblasen würde. Basch ist bis heute fassungslos: „Das wird hier ein großes Loch hinterlassen.“ Für ihn und andere Bewohner von Queens, die Amazon gerne als Nachbarn gehabt hätten, ist die Vorfreude dem Gefühl gewichen, eine große Chance verpasst zu haben.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Queens ist einer von fünf Stadtbezirken oder „Boroughs“ in New York – neben Manhattan, Brooklyn, der Bronx und Staten Island. Der Puls der Metropole schlägt seit jeher in Manhattan, aber der Amazon-Campus hätte das Zeug gehabt, auch Queens am anderen Ufer des East River in eine neue Liga zu bringen und eine ähnliche Transformation anzustoßen, wie sie in jüngerer Vergangenheit der Trendbezirk Brooklyn erlebt hat.

          Nicht jeder jubelte

          Als Amazon im November nach einem langen Standortwettbewerb Queens auswählte, galt das als eine Art Ritterschlag für den Stadtteil. Aber nicht jeder jubelte. Es bildete sich sehr schnell eine Protestbewegung, die von linkspopulistischen Gruppen befeuert und von einigen prominenten Politikern angeführt wurde, darunter Alexandria Ocasio-Cortez, dem kürzlich in den amerikanischen Kongress gewählten Jungstar der Demokratischen Partei. Kritiker störten sich an den milliardenschweren Subventionen, die Amazon von der Stadt versprochen wurden, und sie warnten, der Internetgigant werde dem Stadtteil eine Turbo-Gentrifizierung bescheren, mit höheren Mieten und verstopften U-Bahnen. Die Gegner des Projekts feierten eine Straßenparty, als Amazon seinen Sinneswandel verkündete. „New York braucht Amazon nicht“, sagt Frank Llewellyn, einer von ihnen. Die neuen Jobs wären nach seiner Meinung ohnehin nicht in erster Linie an Einheimische in Queens gegangen. Und dass Amazon sich so schnell wieder anders entschieden hat, findet er bezeichnend: „Das war ein Akt der Arroganz. Die wollten nicht den geringsten Kompromiss eingehen.“

          Für die Befürworter heißt es nun: Wie gewonnen, so zerronnen. Und kaum jemand dürfte dieses Wechselbad der Gefühle so intensiv erlebt haben wie Eric Benaim. Er ist Gründer und Chef der in Queens beheimateten Maklerfirma Modern Spaces, und er reklamiert einen Marktanteil von 70 Prozent für sich. Als Amazon sich im November für Long Island City entschied, kam es ihm vor, als habe er einen Jackpot geknackt. „Wir sind über Nacht von einem Käufer- zu einem Verkäufermarkt geworden“, sagt er. Sein Handy sei „explodiert“, innerhalb von nur gut einem Tag habe er zwanzig Wohnungen allein per SMS verkauft, ohne dass die Interessenten sie jemals persönlich gesehen hätten. Amazons Entscheidung kam für ihn wie gerufen: Das Immobiliengeschäft in Long Island City hatte sich zuletzt so wie in ganz New York abgeschwächt. Speziell diese Gegend hat außerdem in den vergangenen Jahren schon einen großen Bauboom erlebt, weshalb sich ein Überangebot an Wohnungen angestaut hatte. Makler sahen sich gezwungen, Zugeständnisse bei den Preisen zu machen.

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