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Großbritannien : Gespaltener Häusermarkt

  • -Aktualisiert am

Sonderangebote auf dem Land Bild: AP

London und der Rest des Landes sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Jenseits der britischen Hauptstadt sind die Folgen der Finanzkrise längst noch nicht verarbeitet.

          In den besten Londoner Wohnlagen ist angesichts von schwindelerregenden Preissteigerungen die Finanzkrise schon lange abgehakt. Auch in den zweit- und drittrangigen Lagen der britischen Hauptstadt sind die Häuserpreise trotz der stagnierenden Wirtschaft im vergangenen Jahr leicht gestiegen. Doch außerhalb von London sieht es alles andere als rosig aus. Nach Angaben der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) geben in den Regionen die Preise fast überall weiter nach.

          Die Arbeitslosenquote stagniert auf dem höchsten Stand seit fast 16 Jahren. Die Inflation, die im Herbst noch auf mehr als 5 Prozent geklettert war, hat das real verfügbare Einkommen reduziert. Zugleich sind die Banken mit ihrem knappen Eigenkapital vorsichtig, welche Hypothekenrisiken sie auf ihre Bücher nehmen. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die Umsatztätigkeit auf dem britischen Immobilienmarkt im zurückliegenden Herbst immer noch um 47 Prozent unter dem durchschnittlichen Volumen in den fünf Jahren vor der Finanzkrise lag. Die Preise wiederum liegen nach Angaben des Maklerhauses Savills in weiten Teilen von Mittel- und Nordengland immer noch um 24 Prozent unter dem Rekordwert von 2007.

          Großer Kontrast

          Der Kontrast zu den Londoner Luxusvierteln, wo sich die Milliardäre aus Russland und Indien sowie die Steuerflüchtlinge aus Griechenland und Italien einkaufen, wird somit immer größer. Dort liegen die Preise mittlerweile um 24,4 Prozent über den Rekordpreisen von 2007. In dem Marktsegment, in dem üblicherweise mehr als 5 Millionen Pfund investiert werden, machen ausländische Käufer inzwischen 88 Prozent der Interessenten aus, berichtet Savills. Allein im vergangenen Jahr sind auf diese Weise 1,4 Milliarden Pfund in den Luxusimmobilienmarkt der Stadt geflossen. „Würde China die Beschränkungen von Immobilieninvestitionen im Ausland lockern oder aufheben und wäre der Renminbi eine frei konvertierbare Währung, könnte die Nachfrage chinesischer Milliardäre die Londoner Preise um weitere 15 Prozent in die Höhe treiben“, prognostiziert Yolande Barnes von Savills. Von solchen Aussichten können die meisten britischen Städte und Regionen jenseits der Hauptstadt nur träumen.

          In der Dekade bis 2007 waren die britischen Hauspreise zunächst um 200 Prozent gestiegen - angefeuert von einer Nachfrage, die die Banken mit extrem günstigen Hypotheken ankurbelten. Die Flut der Billig-Hypotheken konnte von den Kreditinstituten mit Leichtigkeit mit der Ausgabe von Verbriefungen refinanziert werden. Von 2000 bis 2007 explodierte der Emissionsumfang mit Hypotheken besicherter Anleihen von 13 auf 257 Milliarden Pfund. Als dieser Markt dann 2007 abrupt austrocknete, brach die Vergabe von britischen Hypotheken 2008 um fast die Hälfte ein. Die Hauspreise rauschten parallel um fast 20 Prozent in den Keller.

          Weit unter Rekordwerten

          Daran hat sich mit Ausnahme von London und des in die Region ausstrahlenden Hauptstadt-Ballungsgebiets nicht viel geändert. Die Daten von Halifax, Nationwide und den Grundbuchämtern bestätigen die Beobachtung von Savills, dass die Preise im Lande immer noch um etwa 20 Prozent unter den Rekordwerten von 2007 stagnieren. In den Regionen, in denen Häuser heute billig und erschwinglich sind, ist die Bevölkerung allerdings auch durch die hohe Arbeitslosigkeit, die Entlassungen im öffentlichen Dienst und die stagnierende Wirtschaft zutiefst verunsichert. In London wiederum, wo die Wirtschaft besser floriert und die Auslandsnachfrage den Immobilienmarkt anschiebt, sind die Preise für die Normalbevölkerung schon wieder zu hoch.

          Der Internationale Währungsfonds warnte vor dem Ausbruch der Finanzkrise, dass die Immobilienpreise in Großbritannien um 40 Prozent überzogen seien. Angesichts dessen ist nicht ausgeschlossen, dass sich der Gesamtmarkt über die kommenden Jahre weiter abkühlen wird. Es kann durchaus etwas dauern, bis jeder Hausbesitzer realisiert hat, dass sich das Warten auf die Rückkehr einstiger Rekordpreise nicht lohnt und sein Haus zu einem niedrigeren Preis auf den Markt gegeben werden muss. Vor dieser Vorstellung schrecken viele Briten noch zurück.

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