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Graffiti in den Städten : Kritzelei oder Kunstwerk?

Haushoch: Graffito mit Statement, das Street-Art-Künstler in Dresden vor der Landtagswahl angefertigt haben. Bild: dpa

Unerwünschte Graffiti können Hauseigentümer in die Verzweiflung treiben. Manchmal kann es sich für Städte aber sogar lohnen, auf die Sprayer-Szene zu setzen. Ein Überblick.

          3 Min.

          Graffiti ist in Berlin allgegenwärtig. Doch wenn wie am letzten Samstag im September ein ganzer Sprayertrupp einen kompletten S-Bahn-Zug nebst Bahnhof und Gleisanlagen auf einer Fläche von knapp 300 Quadratmetern in Farbe taucht, ist das auch in Deutschlands Graffiti-Hauptstadt ungewöhnlich. „Das hat schon eine andere Dimension“, heißt es in der Pressestelle der Bundespolizei, die ermittelt.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schriftzüge, Symbole, Figuren, mal achtlos hingekritzelt, mal kunstvoll gestaltet, gehören zum Stadtbild. Leinwand kann fast alles sein, Laternenpfähle und Stromkästen, der Unterstand an der Bushaltestelle, Züge, Papierkörbe, Rutschen – und vor allem Häuserfassaden. Dort verewigen die Sprayer sich in der Regel auf Sockelhöhe, bequem im Vorbeigehen. Zur Höhe des jährlichen Schadens gibt es nur grobe Schätzungen. Die Bundespolizei spricht vage von mehreren Millionen Euro, der Deutsche Städtetag hat vor einigen Jahren die Summe mit um die 200 Millionen beziffert, und die Eigentümervertretung Haus & Grund in Frankfurt vermutet einen Betrag irgendwo zwischen 200 und 500 Millionen.

          Gleich ob öffentliche Hand, Unternehmen oder private Hauseigentümer, wer die bemalten Flächen reinigen lässt, fühlt sich bald wie Sisyphos. Denn eine nackte Wand wirkt auf Sprayer einladend. Da für eine Fassadenreinigung durchaus ein kleinerer vierstelliger Betrag fällig werden kann, schwanken viele betroffene Hauseigentümer spätestens nach der dritten Wiederholungstat zwischen Wut und Frustration. Zumal oft der Versicherungsschutz fehlt.

          Mehr als nur Wärmedämmung: Diese Altbauten in Mannheim sind nicht nur energetisch saniert worden. Im Rahmen des Projekts Stadt.Wand.Kunst hat sich das Duo Quintessenz der Giebelfassaden angenommen. Bilderstrecke

          Von Brandenburg bis ins Saarland versuchen nun immer mehr Städte, mit speziellen Graffiti-Konzepten der unerwünschten Stadtraumgestaltung und Sachbeschädigung beizukommen. In Freiburg etwa erhalten Privateigentümer Beratung und eventuell finanziell Unterstützung, um die Schmierereien zu entfernen. Anderswo gibt es Handwerker, die gemeinsam mit erwischten Sprayern auf Anfrage Graffiti unentgeltlich beseitigen. Vor allem weisen zahlreiche Städte Flächen aus, auf denen sich die Sprayer ganz legal austoben können. Nur den Vandalismus bremst das offenbar kaum, diese Erfahrung macht gerade Augsburg. Ruhm kann man sich in der Szene ohne Risiko nun mal nicht erwerben.

          Gut ausgewählt, können Graffiti-Projekte jedoch Farbe an Orte bringen, die es nötig haben. Graue Mauern gibt es genug, und sie dem wilden Sprayen zu entziehen kann von Vorteil sein. Im Frankfurter Niddapark etwa sind die Brückenpfeiler der A66 zur Graffiti-Galerie geworden. Dort haben Jugendliche und Künstler hochformatige Bilder geschaffen. Mit dabei war auch Justus Becker alias Cor. Dessen Murals, wie die großformatigen Wandmalereien in der Szene heißen, zieren nicht nur in Frankfurt zahlreiche Fassaden. Becker gehört zu einem Künstlertyp, der seine Graffitis immer wieder auch für politische Botschaften nutzt wie etwa für Klimaschutz oder gegen Rassismus. Entsprechende Motive hat er zuletzt für zwei Wohnhäuser der Nassauischen Heimstätten angefertigt.

          Mannheim treibt Graffiti voran

          Das Unternehmen zählt bisher drei solcher Werke in seinem Bestand von knapp 60.000 Wohnungen. Bei der kleineren GBG Mannheim mit 20000 Einheiten sind es immerhin zwölf Hausfassaden. Das kommt nicht von ungefähr. Die gut 300000 Einwohner zählende Stadt treibt wie keine zweite in Deutschland die Street-Art-Disziplin Graffiti voran. Seit 2013 gibt es dort das Projekt Stadt.Wand.Kunst, das es sich zum Ziel gesetzt hat, den Stadtraum in eine öffentliche Galerie zu verwandeln. Jedes Jahr bemalen eingeladene Künstler und Talente aus der Region ausgewählte Flächen. Mittlerweile sind es mehr als 30, darunter auch Fassaden privater Wohnhäuser. Eines hat in diesem Jahr für besonderes Aufsehen gesorgt. Der italienische Künstler Peeta hat einem Haus in der Neckarstadt-West eine blaue Fassade beschert, die das Gebäude optisch in eine gewagte Skulptur verwandelt. „Es gab schon Leute, die haben am Verstand des Architekten gezweifelt“, erzählt Eigentümerin Sengül Kardelen. Von der Fassade sei sie begeistert, sagt die Mannheimerin – und die Nachbarn, die Zeugen, der tagelangen Arbeit des Künstlers waren, lobten das Ergebnis. Während die nackte Fassade zuvor immer wieder bekritzelt worden sei, behandelten die Sprayer das Kunstwerk respektvoll, sagt Kardelen.

          Der Trend gehe im Graffiti zum Spektakulären, meint Künstler Justus Becker. Vor allem, was die Größe betrifft „Da ist ein neuer Superlativ entstanden.“ Die Profi-Szene, älter und handwerklich erfahrener, strebe in die Höhe, wage sich mit ihren aufwendigen Motiven an Fassaden mit bis zu 24 Stockwerken. Den nächtlichen Spraytrupps fehlt es dafür allein schon an Zeit. Sie finden andere Herausforderungen.

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