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Irrgarten : Wieso haben Labyrinthe eine so anziehende Wirkung?

  • -Aktualisiert am

Der Irrgarten von Schloss Mosigau in Sachsen-Anhalt ist Bestandteil des als Unesco-Welterbe gelisteten „Dessau-Wörlitzer Gartenreich“. Bild: dpa

Labyrinthe haben eine lange Geschichte. Aus vielen Schlossgärten sind sie nicht wegzudenken – und die Mode hält bis heute an. Warum ist das so?

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          Nein, man musste keine Angst haben, in gleißender Mittagshitze schwitzend umherzuirren, um den Ausgang zu suchen. Da war ja dieser Mann, der inmitten hoher Buchsbaumhecken oben auf dem runden Turm herausragte, mit den Armen wie ein Verkehrspolizist nach links oder rechts ruderte, seine Trillerpfeife schrillen ließ, „Qui!“ und „Qua!“ rief, „Ja hier“, „Nein, dort“. Unter prustendem Gelächter fand man den Weg zurück. So geschehen vor einigen Jahren in einem der schönsten Irrgärten Venetiens, im Park der prachtvollen Villa Pisani in Stra an der Brenta. Die kreisrunde Anlage von 1720 wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts trapezförmig erweitert.

          Der temperamentvolle Lotse im Labyrinth von Pisani war hilfreich, handelte es sich dort doch um einen Irrgarten. Das ist nicht das Gleiche. Ein Labyrinth besteht aus einem einzigen Weg, der sich in zahlreichen Umgängen, in Kreis oder Quadrat, zu einem Ziel in der Mitte und wieder zurück windet. Ein Irrgarten hingegen hat verwirrende Wahlmöglichkeiten, Abzweigungen, Gabelungen, viele Wege münden in Sackgassen. Hier ist es verflixt verzwickt, zum Ziel und erst recht zurück zum Ausgang zu finden.

          Irrgärten entwickelten sich aus den Labyrinthen des Mittelalters. Labyrinthe hingegen gibt es vermutlich schon seit viertausend Jahren, eines der ältesten Zeugnisse ist eine Felszeichnung in Sardinien. Seitdem ranken sich Mythen und Sagen um diese faszinierende Form, die berühmteste Labyrinth-Legende ist jene vom Palast des Minotaurus in Knossos auf Kreta. Dort führte bekanntlich nur der Faden der Ariadne den Helden Theseus heraus.

          Vielleicht sollte man also beim nächsten Besuch von Labyrinth oder Irrgarten ein Wollknäuel mitnehmen? Das wäre paradox und widerspricht der eigentliche Funktion dieser Anlagen. Denn einst dienten Labyrinthe vor allem spirituellen Zwecken, Kontemplation und Meditation, ob bei den Hopi-Indianern oder im Christentum. Dort sah man den Weg als Läuterung, Wallfahrten zum eigenen Ich. Eines der beeindruckendsten Beispiele ist das Bodenlabyrinth in der Kathedrale von Chartres aus dem 13. Jahrhundert. Es entwickelten sich Labyrinthe aus Steinen, Rasen, später mit meist immergrünen hohen Hecken, Eibe, Buchs, Thuja, manchmal Hainbuche, von der aktuellen Mode der Mais-Labyrinthe abgesehen.

          Neckisch-erotische Suchspiele

          Mit der Renaissance wandelten sich in Europa Labyrinthe und Hecken-Irrgärten zum beliebten Treffpunkt für weltliches Amüsement, wurden wichtige Zutat in luxuriösen privaten Parks. Nicht nur Kinder, vor allem Erwachsene favorisierten diese Orte für neckisch-erotische Suchspiele. „Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier“ lautete doppeldeutig treffend der Titel eines galanten Romans, den 1738 ein Johann Gottfried Schnabel verfasste. Überall in Europa sprossen Labyrinthe und Irrgärten aus dem Boden, zu den bis heute erhaltenen sehenswerten gehören in Spanien La Granja in San Ildefonso und der Laberint d’Horta in Barcelona (mit duftenden Zypressen).

          Im Wiener Park von Schloss Schönbrunn wurde der um 1750 angelegte Irrgarten ab 1990 wieder restauriert. Die Briten waren vernarrt in Hecken-Irrgärten ebenso wie Holländer und Franzosen. Reizvolle Beispiele sind in den Parks der Loire-Schlösser Villandry (rekonstruiert nach alten Plänen) und Chamerolles zu bewundern. In Le Rivau entstand aus 5000 Hainbuchen-Pflanzen eine märchenhafte Hommage an Alice im Wunderland. Deutschlands größter historischer Hecken-Irrgarten ist eine 2600 Quadratmeter mit Akkuratesse getrimmte Hainbuchen-Hecke im sachsen-anhaltischen Altjeßnitz. Gigantische grüne Verwirr-Gaudi, Nervenkitzel für neugierige Abenteurer auf der Suche – ja, wonach? Dem Ziel? Sich selbst?

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