https://www.faz.net/-gz7-9dxtb

Philosophie der Pflanzen : Ein Wesen wie du und ich

  • -Aktualisiert am

Können Pflanzen riechen ohne Nase? Bild: dpa

Gräser, die sehen, und Pappeln, die riechen: Blumen, Bäume und Gemüse bekommen jedoch viel weniger Aufmerksamkeit als Tiere. Dabei sind sie uns ähnlicher, als wir denken.

          5 Min.

          Wir essen sie, erfreuen uns an ihren Blüten und dem Duft. Wir spazieren gerne durch den Wald und fühlen uns in Steinwüsten nie so recht wohl. Ja, irgendwo wissen wir auch, dass sie für unsere Atemluft sorgen. Aber Pflanzen sind eben einfach da. Ganz selbstverständlich. Sie wirken passiv – vielleicht bis auf den Giersch, der sich mal wieder zwischen die Rosen drängt. Sie scheinen duldsam, denn der Bubikopf auf der Fensterbank vertrocknet, ohne einen Mucks von sich zu geben. Rasen und Hecke ertragen einen Schnitt, ohne sich zu wehren, und auch die Aster lässt sich willig für die Vase pflücken. Ganz zu schweigen von den Möhren, die aus der Erde gezogen, von den Salaten, die geköpft werden, um uns zu ernähren.

          Zwar wird um manche großes Aufhebens gemacht: Wenn der Titanenwurz alle paar Jahre mal eine Blüte öffnet, drängen sich die Besucher im botanischen Garten. Wenn sich Herkulesstaude und Japanknöterich neue Areale erobern, sind Aufregung und Arbeitseinsatz groß. Botaniker und Landwirte widmen Pflanzen einen Großteil ihres Lebens. Im Großen und Ganzen bekommen Gewächse jedoch viel weniger Aufmerksamkeit als Tiere. Während sich ein ganzer Berufsstand um die Gesundheit und das Wohlergehen der häuslichen Vierbeiner kümmert, gibt es für Garten- und Zimmerpflanzen meist höchstens eine Beratung an der Gift-Theke im Gartencenter. Wellness für den Rittersporn, Yoga mit der Yuccapalme? Lustige Vorstellung, während Shiatsu und Akupunktur schon längst bei Vierbeinern zum Einsatz kommen.

          Denn Pflanzen scheinen so viel weiter von den Menschen entfernt als Tiere. Die Rolle, die sie in unserem Leben spielen – nicht nur fürs Essen, auch für Bekleidung und Arznei zum Beispiel –, findet wenig Beachtung. Was wissen wir eigentlich von diesen Wesen, die uns im Alltag stumm begleiten, welchen Stellenwert haben sie für das menschliche Leben? Höchste Zeit für eine Annäherung.

          Eine moderne Philosophie der Pflanzen

          Eine Annäherung nicht nur in der Natur-, sondern auch in der Geisteswissenschaft. Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte an der Pariser „École des Hautes Études en Sciences Sociales“, fordert eine moderne Philosophie der Pflanzen. Zu lange seien sie von den Wissenschaften ignoriert worden, sagt Coccia, missachtet als „kosmisches Ornament, unwesentlicher Farbtupfer am Rande unseres kognitiven Feldes“. Er möchte nichts Geringeres als die Frage nach der Entstehung der Welt neu stellen – ausgehend vom Leben der Pflanzen.

          Philosophie begann in der Antike als Frage nach der Natur der Welt, eine Abhandlung über den Kosmos. Erst konfrontiert mit Natur und Kosmos wurde das Denken philosophisch. Denn die Natur ist das Prinzip und die Kraft, die alles Werden und Entstehen ermöglicht, schreibt Coccia. Um eine neue Kosmologie zu begründen, ist es unerlässlich, die Pflanzenwelt einzubeziehen.

          Die Wissenschaft sieht stets den Menschen im Mittelpunkt, als einer Welt gegenüberstehend, mit der er allerdings nach Coccias Vorstellung untrennbar verbunden ist. Das beginnt schon mit dem ersten Atemzug: Der Mensch isst und trinkt nicht nur die Welt, er atmet sie auch. Durch den Atem sind wir Teil unseres Universums, nehmen es in uns auf und gestalten es mit. Und hier kommen die Pflanzen ins Spiel: Denn das Atmen wird erst möglich durch das, was diese seit Millionen von Jahren in ihrem Laub vollziehen. Sie wandeln Sonnenenergie in Nährstoffe um und bilden dabei den für Menschen lebenswichtigen Sauerstoff.

          „Leben ist im Wesentlichen ein Leben vom Leben der anderen“

          Alles „Leben ist im Wesentlichen ein Leben vom Leben der anderen“, sagt der Philosoph – nur bei Pflanzen trifft das nicht zu. Denn sie schaffen Leben aus der Sonne. Vor Millionen Jahren haben sie die Welt verändert, indem sie überhaupt erst die Grundlage für das Leben von Tieren, die sie ernähren, gebildet haben. Sie sind also die Basis von allem, kein bloßes kosmisches Ornament.

          Pflanzen sind aus philosophischer Warte auch alles andere als passiv: Sie verändern die Welt, indem sie sich vermehren und reproduzieren. Zwar sind sie sesshaft und locken die Welt zu sich, was sie mit Hilfe der Blüten tun. In ihnen findet die Bestäubung und Befruchtung statt, ein Akt, der die Welt durch immer neue genetische Kombinationen aufrechterhält und vorantreibt. Es entstehen Samen, die bereits die gesamte Vorstellung eines Lebens in sich tragen, einen Plan in Form von Genen. „Um zu existieren, muss sich die Pflanze mit der Welt vermengen“, sagt Coccia. Und diese Welt, wie wir Menschen sie wahrnehmen, „ist vor allem das, was die Pflanzen daraus zu machen wussten“.

          Beim Verlassen der philosophischen Ebene kommt die Frage auf: Was sind das eigentlich genau für Wesen? Wir wissen wenig über Gemüse, Sträucher, Bäume. Wenn sie wachsen und blühen, fühlen sie sich offenbar wohl. Bekommen sie zu wenig Wasser, lassen sie die Blätter hängen. Mehr ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Doch können Gräser sehen, Pappeln riechen, Erbsen schmecken und Venusfliegenfallen fühlen, behauptet Daniel Chamovitz, Biologe und Dekan der George-S.-Wise-Fakultät für Lebenswissenschaften an der Universität Tel Aviv in Israel.

          Wer im Boden wurzelt, kann sich nicht bewegen

          Damit seien sie uns viel ähnlicher als gedacht. Denn: „Genetische Unterschiede zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen sind nicht so signifikant“ wie stets angenommen. Für die Feststellung etwa, ob es gerade hell oder dunkel ist, ist bei allen Lebewesen ein und dieselbe Gruppe von Genen zuständig. Der große Unterschied ist allerdings: Pflanzen haben kein Gehirn. Daher verläuft ihre Wahrnehmung, die Verarbeitung von Reizen, anders. Es bleibt also ein gewisser Vorbehalt, wenn es um die Vergleichbarkeit mit den Menschen geht.

          Wer im Boden wurzelt, kann sich nicht bewegen wie ein Tier. Gewächse müssen also von ihrem Standort aus auf die Umwelt reagieren. Daher haben sie, so Chamovitz, komplexe Systeme der Sinneswahrnehmung entwickelt. „Ein Kopfsalat muss wissen, ob gefräßige Läuse im Begriff sind, ihn zu vertilgen, damit er zu seinem Schutz giftige chemische Stoffe erzeugen kann, die die Schädlinge töten.“ Pflanzen können also mehr, als wir ihnen ansehen.

          Was das ist, untersucht der Biologe anhand wissenschaftlicher Quellen und mit großer Distanz zu populär-bizarren Werken, die Gewächsen ein geheimes Leben oder gar Musikvorlieben zusprechen wollen. Wissenschaftliches Interesse gibt es mindestens seit Charles Darwin, der festgestellt hat, dass zum Beispiel das Kanariengras Licht wahrnehmen kann: Mittels einfacher Versuche fand er heraus, dass es die Spitze eines Keimes ist, die eine Lichtquelle erkennt und diese Informationen im Stengel weiterleitet, was das Gras schließlich dazu veranlasst, sich in die entsprechende Richtung zu biegen. Ein „Sehen“ ohne Augen. Gibt es auch ein Riechen ohne Nase?

          Mehr Respekt für Pflanzen

          Der Teufelszwirn (Cuscuta) ist eine blasse Kletterpflanze, ein Parasit, der gezielt zu seinen bevorzugten Wirtspflanzen hinwächst. Der Keim tastet seine Umgebung ab nach Gewächsen, von deren Säften er leben kann. Zu Tomaten fühlt er sich dabei besonders hingezogen, stets wächst er in ihre Richtung, auch wenn er zum Beispiel Weizen wählen könnte. Doch wie erkennt er, wo er hinwill? Der Teufelszwirn kann den Geruch – flüchtige chemische Stoffe – wahrnehmen, so die von Chamovitz zitierte Wissenschaftlerin Consuelo De Moraes. Sie stellte ihn in ein geschlossenes Gefäß, die Tomate in ein anderes. Wurden diese Behälter mit einem Rohr verbunden, wuchs die Pflanze stets zur Verbindungsöffnung hin. Sogar mit einem Duftextrakt aus Tomatenstengeln funktionierte das Experiment. Das lässt sich nur durch Wahrnehmung von Geruchsstoffen erklären, so die Wissenschaftlerin.

          Auch fühlen können Pflanzen. Denn wie sollte eine Haargurke sonst ihre Ranken um eine Schnur winden können? Ein Kraut kann auch spüren, wenn ein Blatt beschädigt wird, gleich ob durch ein Insekt oder den Menschen, denn es schickt eine Botschaft an andere Blätter, die dort ein Verteidigungshormon produzieren. Ähnlich wie beim Menschen oder Tier löst eine Verletzung ein elektrisches Signal aus, das von Zelle zu Zelle wandert. Eine Bewertung dieses Gefühls, ein Empfinden von Schmerz oder gar Empfindungen wie Bedauern, spricht der Biologe den Gewächsen allerdings ab, da sie kein Gehirn haben. Schmerz gesteht er ihnen als eine „physische Not“ zu, etwa wenn ein Insekt an ihnen frisst.

          So fern wie gedacht sind Menschen den Begonien und Mammutbäumen also möglicherweise gar nicht. Ein Rosenbusch ist nichts anderes als ein entfernter Verwandter, der seine Umgebung selbstverständlich wahrnimmt und gemeinsame Gene mit dem Menschen teilt, sagt Chamovitz. Ein kletterndes Efeu im Garten ist eine Lebensform, die unter Umständen auch die unsere hätte sein können: „Wir stehen vor dem Ergebnis eines anderen möglichen Wegs unserer eigenen Evolution, der sich aber vor etwa zwei Milliarden Jahren von dem trennte, den wir genommen haben.“

          Ob Philosophie oder wissenschaftliche Analyse: Wer sich eingehend mit Pflanzen beschäftigt, kommt nicht umhin, ihnen mit mehr Respekt zu begegnen – der Tomate, dem Holunder oder der Haselnuss, die nur scheinbar so passiv im Garten herumstehen.

          Weitere Themen

          Ein Gras für alle Fälle

          Bambus : Ein Gras für alle Fälle

          Mit der Liebe zu Kung-Fu fing es an. Heute betreibt Jan Kocourek in Prag eine in Europa einzigartige Bambusgärtnerei, in der er das vielfältige Süßgras züchtet.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz in Berlin am Sonntag auf dem Weg zu den Beratungen über den CDU-Parteitag.

          Soll er verhindert werden? : Merz spaltet die Partei

          Es gibt genug Staatsmänner in der Welt, die mit Populismus, Narzissmus, Schaumschlägerei und Verschwörungsdenken glänzen. Will nun auch die CDU einen solchen Mann an ihrer Spitze haben?
          Die Werte der Republik gegen den Islamismus: Der französische Philosoph, Romancier und Intellektuelle Pascal Bruckner

          Gespräch mit Pascal Bruckner : Der Islamismus ist tief verankert

          Die fundamentalistischen Netzwerke sind dicht geknüpft. Gelingt es, sie zu durchschlagen? Ein Gespräch mit dem französischen Intellektuellen Pascal Bruckner über Frankreich nach dem Attentat.
          Ausgebreitete Arme nach seinem Kunstschuss zum Sieg: Bayerns Joshua Kimmich, festgehalten von Javi Martinez.

          2:1 bei Lok Moskau : Bayern meistern das Risikospiel

          „Es war nicht unser bestes Spiel“, sagt Siegtorschütze Kimmich, doch es reicht trotzdem: Der Titelverteidiger gewinnt bei Lok Moskau mit 2:1 und meistert das aus mehreren Gründen schwierige Auswärtsspiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.