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Leberblümchen : Kostbare Winzlinge

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Lila Blüten im braunen Laub: Leberblümchen sind schlicht, dicht an dicht haben sie jedoch eine beeindruckende Wirkung. Bild: dpa

Laien halten Leberblümchen für schlichte Pflanzen. Nur wenige Gärtner haben sich auf die langsam wachsenden Waldblumen spezialisiert. Kenner zahlen für ein einzelnes Hahnenfußgewächs tausende Euro.

          5 Min.

          In den Wald bringen sie Farbe, ehe sich das erste Grün zeigt. Leberblümchen leuchten lila im braunen Laub am Boden. Es sind schlichte Blüten, die dicht an dicht jedoch eine beeindruckende Wirkung haben. Europäische Leberblümchen (Hepatica nobilis) öffnen im März ihre Knospen, meist sind sie helllila, bläulich oder rosafarben. „Das blaue Frühlingskleinod“ nannte Karl Foerster sie. Ihren Namen verdanken sie dem dreigelappten Laub, das entfernt an eine Leber erinnert. Was er jedoch impliziert – bescheidene Pflänzchen –, wird den Hahnenfußgewächsen nicht gerecht. Denn trotz ihrer geringen Größe sind sie nicht zu unterschätzen. Schon in Form- und Farbvariation sind sie groß, im monetären Wert aber sogar wahre Riesen. Sammler zahlen Tausende von Euro für ein einziges Exemplar. Kleine Blumen mit großem Potential.

          Denn die heimischen Pflanzen mit den schmalen lila Kelchblättern sind längst nicht alles, was die Gattung zu bieten hat. Da gibt es runde Blüten und sternförmige, halbgefüllte sowie gefüllte, die an Lotos oder winzige Pompons erinnern. Es gibt schneeweiße, grüne, gestreifte, gesprenkelte, schlichte und edle, pompöse, clownesk zweifarbige oder Blüten mit hauchzartem Farbverlauf.

          Leberblümchen kommen in Europa, Nordamerika und Asien vor und werden anhand ihres Laubs in Gruppen unterteilt: Arten mit dreigelappten und Arten mit fünfgelappten Laubblättern. Die wichtigste Vertreterin der zweiten Gruppe ist das Siebenbürger Leberblümchen (Hepatica transsilvanica) – eine besonders robuste und frühblühende Art. Das größte Leberblümchen (Hepatica maxima) wächst in Korea, mit bis zu 40 Zentimetern Höhe mehr als doppelt so groß wie ein europäisches. Zur natürlichen Fülle an Formen und Farben kommen inzwischen unzählige Hybriden. Die Bandbreite ist so groß, dass Laien manche kaum als Angehörige der gleichen Gattung erkennen. Bei anderen wiederum vermögen nur Experten die feinen Unterschiede auszumachen.

          HX 3'06 Diese Hybridzüchtung von Andreas Händel trägt noch keinen eigenen Namen. Bilderstrecke
          Leberblümchen : Hart erarbeitete Vielfalt

          Jürgen Peters kennt sie alle. In seiner Gärtnerei in Uetersen beherbergt er 1.200 Sorten. „Alle Wildformen, die es auf der Welt gibt“, außerdem etliche eigene Sorten wie ’Blaues Wunder‘ oder ’Frühlingsstern‘. Seit 40 Jahren hegt und pflegt er die Pflanzen und gehört damit zu den wenigen Menschen, die sich voll und ganz den Leberblümchen verschrieben haben. Abgesehen von einigen privaten Züchtern gibt es in ganz Europa nur eine Handvoll Gärtner mit Hepatica-Leidenschaft. In Deutschland sind es gleich zwei, denn auch Andreas Händel, selbst ernannter „Mister Hepatica“ aus Ketzin widmet sein Leben seit vier Jahrzehnten den Gewächsen. Seine Gärtnerei liegt in Brandenburg, seit der Wende stehen er und Peters in engem Austausch.

          Hübsch und hart im Nehmen

          Beide züchten sogenannte gartenwürdige Sorten, sprich: solche, die hübsch, aber hart im Nehmen sind und auch einen nicht so ganz optimalen Standort vertragen. Bis eine neue Sorte auf den Markt kommt, dauert es viele Jahre. Derzeit sind gefüllte europäische Leberblümchen besonders gefragt, stellen die Experten fest. Sie kommen in der Natur hin und wieder vor und werden von Gärtnern weitergezüchtet. „Damit könnte man sich eine goldene Nase verdienen“, sagt Peters. Doch dem trotzen die Leberblümchen durch ihre Lebensweise. Sie wachsen extrem langsam, bis aus einem Samenkorn eine verlässlich blühende Pflanze entstanden ist, vergehen mehr als fünf Jahre. Hinzu kommt: „Von 100 Sämlingen bleiben vielleicht zehn interessante übrig.“ Viele gefüllte setzen gar keine Samen an, und dann bleibt nur die Vermehrung durch das Teilen. So dauert es mehr als ein Jahrzehnt, bis aus einem Leberblümchen zwei oder vier werden. Eine Übung in Geduld.

          Im Handel erhältliche Leberblümchen sind meist sechs bis sieben Jahre alt. „Da ist doch klar, dass man die nicht für 2,50 Euro verkaufen kann.“ Die günstigsten, unbenannte blaue, rosa oder weiße Sorten, kosten etwa das Vierfache, die „Besonderen“ jedoch ein Vielfaches. Für ganz spezielle Exemplare zahlen Sammler sogar 5.000 bis 7.000 Euro oder mehr. In Japan soll kürzlich ein Hepatica für rund 25.000 Euro versteigert worden sein – ein vielversprechendes Einzelstück, Einstiegsgebot von 8.000 Euro. Der Besitzer lässt sich quasi den Verdienstausfall auszahlen, der Käufer hofft auf neue, vielversprechende Sorten, die er mit der Pflanze züchten kann.

          Freude über seltene, vielversprechende Sorten

          Händel, der in der Gärtnerei von Karl Foerster gelernt hat, züchtet Leberblümchen wie die ’Blaue Stunde‘ mit dunkelblauer, runder Blüte und weißen Staubfäden oder die noch dunklere, geheimnisvoll violette ’Geisterstunde‘. Er kreuzt vor allem transsilvanische und europäische Leberblümchen. Die erste Blüte sagt meist nur wenig aus, denn der Habitus bildet sich erst nach einiger Zeit heraus. „Ich mache es wie Foerster“, sagt Händel, „ich jage die Pflanze durch den Enttäuschungsfilter jahrelanger Beobachtung. Erst wenn sie mich nicht enttäuscht, gebe ich ihr einen Namen.“ Bis dahin heißen die kleinen Schönen zum Beispiel ’Hx206‘. Nur Vielversprechende werden irgendwann zu einer Sorte wie ’Bergsee‘ oder ’Karpatenhimmel‘.

          Durch Jürgen Peters wiederum finden auch asiatische Gene den Weg in neue Leberblümchenhybriden. Seit den 1980er Jahren pflegt er Kontakte nach Japan, wo Hepatica traditionell hoch im Kurs stehen. „Blume unter dem Schnee“ heißt das Pflänzchen dort, allein 25 verschiedene Blütenformen werden klassifiziert. In den japanischen Mischwäldern findet sich eine viel größere und buntere Variationsbreite der Leberblümchen (Hepatica nobilis var. japonica). Da gibt es solche mit spitz zulaufenden Blättern, reinweißen Blüten, gelbliche und zweifarbige. Sie sind etwas empfindlicher als die einheimischen und brauchen mehr Aufmerksamkeit. Wer sie in den Garten holt, wird aber schon im Februar mit einer Blüte belohnt. Peters kreuzt zum Beispiel robuste, wüchsige Hepatica transsilvanica mit japanischen Formen, so entstehen Sorten wie die dunkle ’Blue Alchemist‘ oder ’Blue Fortune‘ mit einem adretten inneren Blütenkränzchen.

          Doch dem ungeschulten Auge stehen auch die unbenannten, erschwinglichen Sämlinge, die es zu kaufen gibt, vielen der speziellen Sorten in Schönheit kaum nach. Damit Leberblümchen im Garten gedeihen, sollte der Standort gut ausgewählt sein. Als Waldpflanzen brauchen sie auf jeden Fall Halbschatten oder Schatten, gerne an Nord- oder Ostseite von Haus oder hohen Gehölzen. „Machen Sie erst den Pflanzplatz fertig mit dem gröbsten Kompost, den Sie haben“, rät Peters. „Das europäische wächst im Laubwald. Nehmen Sie im Wald mal eine Handvoll Erde hoch, dann sehen Sie, was die brauchen.“ Auch im Winter ist der Boden dort relativ nass.

          Die europäischen Leberblümchen sind unter laubabwerfenden Gehölzen gut aufgehoben. Die asiatischen stammen dagegen aus immergrünen Mischwäldern mit Kiefern und Bambus. „Dort sind die Bodenstrukturen viel gröber, es gibt mehr Luft und keine stauende Nässe.“ Sie brauchen einen gut durchlässigen Standort unter Immergrünen, der aber eine gewisse Feuchtigkeit hat und im Sommer eher trocken ist. Ist der Boden nicht optimal, können sie im Topf mit einem durchlässigen Substrat eingepflanzt werden, teure Sammlerstücke werden am besten im Glashaus kultiviert. Kalk vertragen die Blumen zwar, aber sie sind, entgegen der gängigen Meinung, nicht darauf angewiesen.

          Altes Laub liefert Nährstoffe

          Auch wenn Leberblümchen in der Pflanzenwelt zu den Langsamen gehören, in ihrer kurzen Vegetationsperiode wachsen sie rasant. Sie nutzen die wenigen Wochen bis zum Austrieb der Bäume, um zu blühen, Samen anzusetzen und neues Laub zu produzieren. Dafür sind sie auf die Nährstoffe aus dem sich zersetzenden Laub der Bäume angewiesen.

          Generell bleiben Leberblümchen am liebsten ungestört, doch wenn sie nach Jahren aus der Erde herauswachsen, können sie geteilt und tiefer gesetzt werden, am besten während der Blütezeit im Frühling. Die Bestäubung übernehmen Insekten, der Wind oder der Gärtner, und falls das alles nicht klappt, bestäuben sie sich auch selbst. Bei ihrer Verbreitung sind aber auch Tiere im Spiel. Ameisen mögen das Ölkörperchen, ein Anhängsel an den Samen. Und so verschleppen sie die Körnchen, die dann weit entfernt von der Mutterpflanze keimen. Einmal im Garten, können Leberblümchen einen Bestand bilden wie im Wald. Aber auch dafür brauchen sie Zeit. Immerhin belohnen sie Geduldige mit ihrem hohen Alter. Eine Pflanze kann durchaus 75 Jahre am gleichen Platz stehen.

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