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Kostbarer Boden : Das verborgene Universum

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Lebendige Unterwelt: Die Humusschicht ist besonders wertvoll. Bild: Science Photo Library

Boden ist wertvoll, nicht nur als Bauland. Unter unseren Füßen tut sich eine ganz eigene Welt auf, die das Leben über der Erde erst möglich macht.

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          Ein Teelöffel voll Erde. Schwerer als gedacht. Sechs Gramm bringen die braunen Krümel auf die Waage. Die Erde duftet leicht modrig, nach Vergänglichkeit, aber auch nach Wachstum. Sandkörnchen befinden sich darin und kleine Pflanzenstücke, einen Zentimeter lange Halme und Teile von Blättchen, schon braun und weich, im Vergehen begriffen. Zwischen den Fingern lässt sich die Erde zusammendrücken, die Klümpchen kleben zusammen wie trockener Kuchenteig und färben die Finger braun. Partikel, die sich unter die Fingernägel setzen, lassen sich nur schwer wieder wegbürsten. Das Häufchen Erde sieht unbelebt aus. Doch der Eindruck täuscht – auch wenn kein Wurm, keine Assel und kein Springschwanz mit auf den Teelöffel gekommen sind. In diesen sechs Gramm ist unvorstellbar viel Leben. Gut, dass menschliche Augen nicht alles sehen können, denn unser Hirn wäre heillos überfordert: Rund 3,6 Milliarden Bakterien tummeln sich in diesen Klümpchen – 600 Millionen pro Gramm Erde. Bakterien, die dazu beitragen, dass der Boden fruchtbar ist. Winzige Bodenalgen leben in einer Gemeinschaft mit ihnen, und auch unsichtbare Pilzfäden durchziehen die Krümel.

          Der Boden unter unseren Füßen lebt. Wer nicht gärtnert, nimmt das kaum wahr. Aber auch wer regelmäßig mit Erde zu tun hat, Gemüse anbaut, Bäume pflanzt oder Häuser baut, erhascht stets nur einen kleinen Einblick in dieses unbekannte Universum. Da springen winzige Tiere weg, Würmer winden sich, Asseln laufen flink unter den nächsten Stein. Wird tiefer gegraben, fallen die Schichten auf. Unter dem dunklen Humushorizont wird es gelb und lehmig, grau und steinig oder sandig-porös. Noch weiter unten liegt das Gestein, aus dem sich der Boden gebildet hat. Ein solcher Querschnitt zeigt, wie dünn die fruchtbare Schicht ist. Manchmal kaum mehr als eine Handbreit Humus, in dem Pflanzen wurzeln können. Im Vergleich zum Durchmesser der Erdkugel ist es eine hauchdünne Hülle, von der alles Leben abhängt.

          95 Prozent unseres Essens aus dem Boden

          Denn die Prozesse, die weitgehend verborgen vor dem menschlichen Auge in der Humusschicht ablaufen, machen den Boden erst fruchtbar. Verliert ein Baum sein Laub oder stirbt eine Pflanze ab, werden diese Materialien zersetzt: zunächst von größeren Tieren, die noch Nährstoffe daraus ziehen – Schnecken mögen faulige Reste, Asseln fressen modernde Stengel, Würmer ziehen Blätter in die Erde. Was übrig bleibt, ist Nahrung für Springschwänze und Milben, aber auch Pilze und Bakterien. Diese Kleinsten setzen letztendlich Stickstoffe, Phosphate und andere Nährelemente frei. Davon leben wiederum die Pflanzen, die in der Erde wachsen. Je höher der Humusanteil der Erde, desto mehr Nahrung finden die Organismen. Doch Humus vergeht. Daher verschwinden die Herbstblätter im Beet, daher sind gejätete und liegengelassene Kräuter irgendwann weg. Im Ökosystem, aus dem nichts entnommen wird, kommt immer wieder neues Material nach. Doch dem Boden, der für Anbau genutzt wird, muss stetig neue organische Masse gegeben werden. Um ihn zu schützen, gilt es nicht nur in der Landwirtschaft, die unterirdisch ablaufenden Prozesse anzuregen und zu unterstützen. Wird das komplexe Gefüge aus Pflanzen, Bodenpilzen, Kleinstlebewesen in Gang gehalten, können sich Pflanzen – ob als Gemüse, Obst oder zur Zierde – selbst mit den Nährstoffen und Spurenelementen, die im Boden vorhanden sind, versorgen.

          Das spielt im Alltag jedoch meist keine Rolle. Boden wird als selbstverständlich hingenommen. Er ist da, trägt Menschen und Häuser. Autos fahren auf ihm, Weizen und Bäume wurzeln in ihm. Keller sind vom Erdreich umgeben, Tunnel führen mitten hindurch. Für die Landwirtschaft ist er die wichtigste Ressource, als Bauland ist er teuer.

          Der Boden steckt voller Leben.

          Boden wächst unendlich langsam. Für einen Meter braucht es sogar in unseren, für Böden günstigen Breiten ein ganzes Jahrtausend. Immer deutlicher wird heute, wie wertvoll er ist. Denn die Menschheit wächst, im Jahr 2050 sollen 9,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Immer mehr Nahrungsmittel werden benötigt, und derzeit stammen 95 Prozent unseres Essens aus dem Boden. Doch fruchtbares Land wird knapper und knapper. Von den nutzbaren Böden sind weltweit schon ein Fünftel bis ein Viertel degradiert, also in der Leistung eingeschränkt. Hier ist das Bodenleben nicht mehr aktiv. Ein Prozess, der sich nicht rückgängig machen lässt, zumindest nicht in einem Tempo, wie Boden gebraucht wird. Und dieser Prozess schreitet weiterhin fort durch Erosion, die einhergeht mit der industriellen Landwirtschaft. Jährlich degradieren weitere fünf bis zehn Millionen Hektar.

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