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Trend Waldbaden : Hurra, Heilwald!

  • -Aktualisiert am

Das Waldbaden liegt im voll im Trend. Bild: Your_Photo_Today

Früher ging man einfach so allein im Wald spazieren, um abzuschalten, tief durchzuatmen, kam erfrischt und befreit von Ärger zurück. Jetzt wird bedeutungsschwanger zum geführten Waldbaden eingeladen. Braucht man das?

          Na, haben Sie heute schon im Wald gebadet? Nein? Sollten Sie schleunigst machen. Erstens geht es Ihnen danach garantiert mental und überhaupt viel besser. Zweitens liegen Sie damit total im Trend. Im Wald baden ist der Dernier Cri, die grüne Kirsche auf jener Torte, die uns, vom ständigen Stress erschöpfte, überzivilisierte Menschen der westlichen Welt, ultimative Heilung verspricht.

          Mindestens ein Dutzend Bücher liegt dazu aktuell parat, entsprechende Kurse und WaldbademeisterInnen sprießen aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen. Es gibt sogar schon, typisch deutsch, eine „Deutsche Akademie für Waldbaden“! Da bekommt man nach einem Kurs ein Zertifikat.

          Das Kind muss nun mal einen Namen haben. Ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern, wo mit die herrlichsten alten Buchenwälder Europas wachsen, wurde im Frühjahr in Heringsdorf auf Rügen mit 180 Hektar eine „Grüne Apotheke am Meer“ ausgerufen. Hurra, Heilwald! Andere Orte folgten begeistert.

          Die Heilkraft des Waldes

          Der Waldbaden-Hype geht auf eine Bewegung in Japan zurück: Shinrin-yoku, Wald(luft)baden, entstand in den 1980er Jahren, wurde mit Millionen staatlich gefördert – nur leider gibt es bislang keine Ergebnisse darüber, ob die Japaner nun glücklicher sind. Die Idee an sich ist ja fabelhaft. Und dass Grün, Natur, der Wald uns guttun, wissen und fühlen wir seit Kindheitstagen.

          Es ist auch von zahlreichen anerkannten Wissenschaftlern längst erwiesen. Gut so, vielleicht gibt's bald Waldspaziergänge auf Rezept, besser als Pillen. Aber spürten wir nicht immer schon die wohltuende Kraft des Waldes? Was war mit Joseph von Eichendorff, den Romantikern, der Reformbewegung in den 1920er Jahren, Monte Verità in Ascona, wo Zivilisationskritiker nackt in ihm herumsprangen? Fünfzig Jahre danach spurteten wir schweißgebadet auf Trimm-Pfaden durch den Wald, kriegten aber nix von seiner Schönheit mit.

          Jetzt also, über den Umweg aus Japan, schwärmen wir von der Heilkraft des Waldes. Ja, die hat er, auch spirituelle Magie. Aber herrje, das merkt doch selbst der größte Depp, das fühlen Kinder intuitiv. Früher, früher ging man, einfach so, im Wald spazieren. Um abzuschalten, tief durchzuatmen, kam erfrischt und befreit von Ärger zurück. Jetzt wird bedeutungsschwanger zum Waldbaden eingeladen.

          Gemeinsames Alleinsein?

          „Ich habe das Waldbaden für mich entdeckt und würde mich freuen, wenn DU mich dabei begleitest . . ., geführtes Schlendern durch den Wald, mit kleinen Übungen der Achtsamkeit und Meditation, herrlich entspannend und wohltuend“, wirbt eine Postkarte, in einer Buchhandlung liegend, auf der Rückseite das Motiv eines lichtdurchfluteten Waldweges. Ein Paradox in sich, mit möglichst vielen anderen die Stille und Schönheit des Waldes zu genießen.

          Es geht auch anders: Man lässt sein Handy daheim und spaziert, am besten mutterseelenallein, maximal mit einem Gleichgesinnten, in den nächsten Wald (vorausgesetzt, Sie geraten nicht in Fichten-Monokultur). Wer seine fünf Sinne noch intakt beisammen hat, entdeckt dann selbst, wie beruhigend die Ruhe dort ist, wie wohltuend die vielen Facetten von Grün für das Auge sind, wie entspannend und anregend der Blick auf Laub, Moose, Farne ist. Tief durchatmen, oh, diese würzige Luft.

          Mit Glück kommt nicht gerade eine Horde von Waldbadern um die Ecke. Selbst wenn, der Wald wird auch noch Massen zertifizierter Zivilisationsgeschädigter verkraften. Falls es dem einen oder anderen Baum dann doch zu bunt wird, macht er es wie jener im Lied von Hildegard Knef: „Ich brauch' Tapetenwechsel, sprach die Birke, und macht' sich in der Dämmerung auf den Weg.“

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