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Weiße Gärten : Auf Lichtfang

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Alles andere als eintönig: Weiße Gärten leuchten in Schneeweiß bis Silbergrau. Bild: mauritius images

Weiße Gärten sind edel und über alle Moden erhaben. Und das ist keine freundliche Umschreibung für gepflegte Langeweile. Sofern man den Farbton wohldosiert.

          Wenn es um Weiß im Garten geht, kommt man nicht umhin, Sissinghurst Castle zu erwähnen. Mehr als sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung gilt der „Weiße Garten“ von Sissinghurst nach wie vor als herausragendes Beispiel monochromer Gärten. Vita Sackville-West, Schriftstellerin und Schöpferin dieses oft kopierten Gesamtkunstwerks, krönte mit dem weißen Teil ihren insgesamt rund zweieinhalb Hektar großen Garten. Allerdings gärtnerte sie nicht ausschließlich mit weißen Pflanzen.

          Der „Weiße Garten“ ist zwar das berühmteste, aber eben nur eines von mehreren Gartenzimmern, von denen andere durchaus farbenprächtig gestaltet sind. Er liegt im Norden des elisabethanischen Turmes, durch den man die Anlage betritt. Hier wuchsen und wachsen ausschließlich weiß blühende Pflanzen und solche mit silbrigem Laub. Den Blickpunkt bildet ein schmiedeeiserner Pavillon, auf dem die Triebe einer ungefüllten Kletterrose (Rosa mulliganii) wie ein Schirm liegen. In den Beeten zu Füßen des Pavillons blühen weiße Cosmeen (Cosmos bipinnatus), Japan-Anemonen (Anemone japonica) und Fünffingerstrauch (Potentilla fruticosa). Pflanzen, die in den meisten Gärten in kräftigem Pink, Rosa oder wie der Fünffingerstrauch in Gelb blühen.

          Ein Besuch in Sissinghurst lohnt sich

          Als konstante Begleiter der je nach Jahreszeit wechselnden Blüten fungieren Pflanzen mit graugrünem Laub: Der Wollziest (Stachys byzantina) trägt seine weichen, salbeiähnlichen Blätter den ganzen Sommer über, und das Laub der weidenblättrigen Birne (Pyrus salicifolia) schimmert in der Sonne. Wer bei einem Besuch die Möglichkeit hat, sich auf die Bank unterhalb der von Glyzinien (Wisteria venusta) berankten Pergola zu setzen, kann die ausgewogene Komposition von hier aus auf sich wirken lassen und zur Ruhe kommen. Die Beschränkung auf Weiß und Silbergrau, die sich Vita Sackville-West hier auferlegte, wirkt in ihrer Konsequenz kontemplativ.

          Der britische Gartenautor Stephen Lacey rät den Lesern seines Buchs „Die Gärten des National Trust“ daher, einen Besuch in Sissinghurst in diesem puristischen Teil des Gartens ausklingen zu lassen: „Ich empfehle diesen Gartenraum als letzte Station der Gartentour. Er ist wie das ,Sorbet‘ nach einem Fest der Farben und der magischste Ort in einem Zaubergarten.“ Die meisten Besucher dürften den „weißen Garten“ von Sissinghurst ähnlich wie Lacey empfinden und beim Blick in die Beete überlegen, wie sie ein kleines Stück davon im eigenen Garten verwirklichen könnten.

          Die richtige Dosis ist entscheidend

          Entscheidend bei diesem Vorhaben: die richtige Dosis finden. Ein Garten ist so individuell wie seine Besitzer, und aus diesem Grund lohnt es sich, zu überlegen, welches Maß an Weiß dem eigenen Grün guttut. Beim bloßen Kopieren anderer Gärten sind Enttäuschungen programmiert. Gerade jene herausragenden Beispiele wie der „Weiße Garten“ sind in heutigen Privatgärten nicht einfach reproduzierbar. Während in Sissinghurst jedes Gartenzimmer eine eigene Atmosphäre und Farbigkeit vermittelt und für sich genommen deutlich größer als ein durchschnittlicher Privatgarten ist, muss man sich zu Hause entscheiden. Im kompletten Garten ausschließlich auf weiße Blüten zu setzen, dürfte den meisten dann doch zu viel Verzicht auf Farbe abverlangen. Auch wenn die Sorge, dass der Garten ähnlich steril wie ein gefliestes Wohnzimmer mit weißer Ledergarnitur wirken könnte, unbegründet ist.

          Weiß blühende Pflanzen treten schließlich stets in Begleitung ihrer zuweilen in ein warmes Gelbgrün hineinspielenden Blätter auf. Dieses Grün nimmt dem Weiß nicht nur die unterkühlte Strenge, sondern dient zugleich als Leinwand, die helle Blüten leuchten lässt. Ganz und gar nicht steril wirken dabei jene Blüten, die den stimmungsaufhellenden Mittelpunkt gleich mitliefern. Die gelben Staubgefäße der erwähnten Japan-Anemonen oder Cosmeen sitzen wie kleine Sonnen in der Blüte.

          Wer Raum für etwas Farbe lassen möchte, kann dennoch gut mit weißen Einzelstücken spielen. In einem Hausgarten vermag schon ein einziger, gekonnt inszenierter weißer Akzent für einen Hingucker sorgen: Ein Solitärgehölz wie die Sorte ’Variegata‘ des Etagen-Hartriegels (Cornus controversa) kommt mit seinen weiß gemusterten Blättern am besten zur Geltung, wenn sich seine Begleiter optisch zurücknehmen: Eine Unterpflanzung aus Blattschmuckstauden wie Elfenblumen (Epimedium) und eine grüne Hainbuchenhecke (Carpinus betulus) bilden den dezenten Hintergrund. In diesem Fall lohnt es sich, der weiß gezeichneten Pflanze ein wenig Platz zu spendieren.

          Monochrome Gartenkunst: Der „Weiße Garten“ von Sissinghurst Castle

          Doch es geht auch anders. Weiß kann im Blumenbeet durchaus als teamfähiger Begleiter dienen und mit seiner Klarheit die Farben der anderen Pflanzen betonen. Selbst ein bekennender „Weiß-Skeptiker“ wie der für seine Farbfeuerwerke bekannte Christopher Lloyd setzte weiße Blüten ein. In seinem Garten von Great Dixter, der nur rund 20 Kilometer südlich von Sissinghurst liegt, vermied der 2006 verstorbene Gartenkünstler zwar großflächige, reinweiße Beete – doch als eingestreute Kontrastgeber, die ihre Wirkung im Wechselspiel mit anderen Pflanzen entfalten, setzte er sie gezielt ein. Weiße Schmucklilien (Agapanthus) mit rosa Lichtnelken (Lychnis coronaria) und purpurfarbener Melde (Atriplex hortensis var. Rubra) gefielen ihm ebenso wie die weiße Form der Jungfer im Grünen (Nigella damascena), die sich selbst aussät und mit ihren Blütensternchen zwischen den Stauden vagabundiert.

          Ideal ist Weiß in den halbschattigen bis schattigen Lagen

          Wer Weiß in dieser Form als belebenden Akzent einsetzen möchte, fängt am besten klein an und pflanzt nicht zu viele verschiedene Sorten auf einmal. Ein erster, einfacher Schritt kann schon bald getan werden. Wenn vom späten Sommer an wieder bunte Päckchen mit Blumenzwiebeln angeboten werden, könnten diesmal weiße Tulpen wie die Sorten ’Purissima‘ oder ’Sapporo‘ im Einkaufskorb landen und ab September in die Beete gesteckt werden. Es ist verblüffend, wie schon ein paar eingestreute weiße Blüten die Farben der übrigen Frühblüher zum Leuchten bringen.

          Geradezu ideal ist Weiß in den halbschattigen bis schattigen Lagen eines Gartens, die gar nicht oder kaum von der Sonne beschienen werden. Hier setzt der Ton willkommene Akzente und wirkt keineswegs grell, sondern sorgt für belebende Lichtreflexe. Da viele Vorgärten nach Norden orientiert sind, bietet sich ein Beet in Weiß gerade rund um den Eingang an. Viele weiß gezeichnete Blattschmuckstauden sind zudem ausgesprochene Schattenkinder. Eine besonders große Vielfalt offerieren die unterschiedlichen Funkien (Hosta) mit Sorten wie ’Fire and Ice‘ oder ’Francee‘. Auch die weiß gemusterten Blätter des Kaukasus-Vergissmeinnichts (Brunnera macrophylla) ’Jack Frost‘ reflektieren das Licht.

          Pauschale Empfehlungen sind mit Vorsicht zu genießen

          Puristen mögen einwenden, dass es im Frühling blau und nicht weiß blüht, doch die beiden Töne vertragen sich bekanntermaßen ausgezeichnet, und die Blätter überdauern die Blüte über Monate hinweg. Auch in den nach Süden orientierten Stellen des Gartens erfüllt Weiß die Funktion eines Lichtfängers und ist für Feierabendgärtner, die ihre Beete häufig erst in der Dämmerung betrachten können, besonders wertvoll. Zumal einige Pflanzen in den Abendstunden nicht nur leuchten, sondern auch duften. Die Nachtviole ’Alba‘ (Hesperis matronalis) und die Königslilie (Lilium regale) sind Beispiele für diesen Doppeleffekt.

          Ob Weiß im eigenen Garten zum Protagonisten oder zum Begleiter wird, muss jeder selbst entscheiden. Pauschale Empfehlungen, die einen Garten in Weiß als Ausweis für Stilsicherheit und guten Geschmack empfehlen, sind mit Vorsicht zu genießen. Wer den Garten als Vehikel nutzt, um andere zu beeindrucken, der nimmt sich womöglich selbst die Freude an ihm. Die Lust am Ausprobieren, gepaart mit einer Prise Gelassenheit, lässt oft die schönsten Bilder entstehen. Und falls eine orangefarbene Ringelblume durch die weiße Rabatte irrlichtert oder eine weiß blühende Dahlie im Beet als zu grell empfunden wird, kann der geschmackssichere Gärtner einfach zur Schere greifen und die abgeschnittenen Blüten zum Strauß in der Vase arrangieren.

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