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Einst Militärbaracke, heute Wohnhaus

Paradies hinterm Höllentor

Text und Fotos von ASTRID LUDWIG
Einst Militärbaracke, heute Wohnhaus

25. August 2020 · Sie suchten einen Lagerplatz für 24 Tonnen Carrara-Marmor und fanden einen Lebensmittelpunkt. Ein Künstlerehepaar hat ein altes Militärgelände bei Darmstadt zum Skulpturengarten gemacht.

Besucher landen vor dem Höllentor. Die Holztüre in einem japanischen Torbogen ist der erste Hinweis, der im dichten Wald auftaucht. Bis dahin führt eine schmale Straße in engen Serpentinen hoch zur Ludwigshöhe. Hat man die Ausläufer von Darmstadts Stadtteil Eberstadt erst einmal hinter sich gelassen, säumt nichts außer dichten Laub- und Nadelwäldern mehr die Straße. Vor rund hundert Jahren war der Forst hier ein beliebtes Ausflugsgebiet. Weit oben, 250 Meter über der Stadt, stand ein verschnörkeltes Ausflugslokal mit Panoramablick bis weit in den Odenwald. Romantisch muss es gewesen sein, doch die historische Pracht der Sommerfrische hat den Krieg nicht überlebt. Geblieben ist eine Picknickterrasse unter Bäumen.

Gärtner mit Kunstsinn: Elisabeth und Joachim Kuhlmann
Gärtner mit Kunstsinn: Elisabeth und Joachim Kuhlmann

Immer weiter schlängelt sich die Straße durch die Stille. Ein Garten mitten in der Einsamkeit? Die weiße Kuppel einer kleinen Sternwarte taucht auf. Und gleich dahinter die Zufahrt zum Skulpturengarten. Der Himmel scheint hier oben eigentlich näher als die Hölle, aber vielleicht hat gerade das den Künstler inspiriert? Joachim Kuhlmann lacht. Besucher bitten er und seine Frau nicht durchs Höllentor in ihr Gartenparadies, sondern durch eine kleine Eisenpforte an der Seite. Die Installation, erzählt der Bildhauer, erinnert vielmehr an die Brandnacht vor 76 Jahren, als am 11. September 1944 ein finaler Bombenangriff von der barocken Residenzstadt Darmstadt kaum mehr als Schutt und Asche übrig ließ. Die Luftschutzbunkertür mit der Aufschrift „Gasschleuse“ stammt aus einem alten Fabrikgebäude in der Stadt. Die verkohlten Planken, die dahinter sichtbar werden, sind ebenfalls Originale der Brandnacht. Bei seinen Streifzügen stieß der 77 Jahre alte Künstler auf die Fundstücke, denen er im Garten einen Platz und eine Bedeutung gab. Und die sich passend in die Geschichte des Ortes einfügen, an dem er und seine Frau Elisabeth vor fast zwei Jahrzehnten ihren Garten anlegten.


„Es war immer mein Traum, später mal in einem Park zu wohnen.“
ELISABETH KUHLMANN

Am Waldrand flankieren schulterhohe Bauernhortensien einen Sitzplatz.
Am Waldrand flankieren schulterhohe Bauernhortensien einen Sitzplatz.
Am Waldrand flankieren schulterhohe Bauernhortensien einen Sitzplatz.

Als die Kuhlmanns 2003 auf der Ludwigshöhe ankamen, fanden sie nicht viel mehr vor als die Reste einer alten Militärbaracke aus der NS-Zeit und einen verwilderten Gemüsegarten. Die Luftwaffe hatte das Gelände während des Zweiten Weltkriegs zur Luftaufklärung genutzt. Soldaten lebten in den Steingebäuden, von denen ein zerfallenes Exemplar stehen blieb, das später dann das Forstamt nutzte. Das Künstlerpaar war damals vor allem auf der Suche nach Abstellflächen und Lagermöglichkeiten für ihre Skulpturen und Bildhauer-Materialien. Joachim Kuhlmann hatte gerade sein Atelier in der Stadt aufgeben müssen. „Wir mussten einen Platz finden für rund 24 Tonnen Carrara-Marmor“, erinnert er sich. Das 4000 Quadratmeter große Anwesen war nicht mehr als eine Ruine, aber seine Frau Elisabeth verliebte sich sofort darin. Als Kind wuchs sie in Brandenburg unweit eines verwilderten Parks auf. „Es war immer mein Traum, später mal in einem Park zu wohnen“, erzählt sie.


„Wir mussten einen Platz finden für rund 24 Tonnen Carrara-Marmor.“
JOACHIM KUHLMANN

Das Paar pachtete das Gelände vom Darmstädter Forstamt und legte los. 25 Kubikmeter Bauschutt holten sie aus dem Gebäude, bauten die Baracke zu einem schlichten Wohnhaus aus, verlegten Elektrokabel, Wasser- und Kanalanschluss. „Wir haben alles selbst gemacht.“ Kuhlmann hat vor seinem Kunststudium als Wasserwerkfacharbeiter und Rohrverleger gearbeitet, was sich nun auszahlte. Seine Frau nahm sich des Gartens an. Wer heute auf der grünen Rasenfläche vor dem Haus steht, kann sich kaum vorstellen, wie es hier mal ausgesehen haben muss. Ein leichter Wind raschelt in den Wipfeln der Buchen, Fichten und Douglasien, die den Garten einrahmen und ihn wie eine Lichtung im Wald leuchten lassen. Lebensbäume, in Form geschnitten wie eine kleine italienische Zypressenallee, säumen den Weg. Wilder Wein, Efeu und Glyzinie umranken die Mauern und die Holzschlagläden vor den Fenstern. Töpfe mit rosaroten Geranien stehen auf den Treppenstufen, die zur Küchentür führen. Ein Olivenbaum wirft Schatten, und in warmen Sommern verwöhnt eine Kiwi-Pflanze ihre Besitzer mit weich-pelzigen Früchten gleich kiloweise. Auf der schmalen Kiesterrasse räkeln sich zwei strahlend weiße abstrakte Marmorplastiken wie Badende in der warmen Julisonne. Am Waldrand flankieren schulterhohe Bauernhortensien einen schattigen Sitzplatz, der von einem bronzenen Löwen, einem Hahn und einem Wasservogel bewacht wird. Es sind Repliken von Tierplastiken, die der italienische Bildhauer Rembrandt Bugatti Anfang des 20. Jahrhunderts schuf.

Im überdachten Atelier und Showroom warten Gipsmodelle auf ihre Vollendung.
Wächter: Die Tierplastiken wie dieser Löwe aus Bronze sind Repliken von Objekten, die der italienische Künstler Rembrandt Bugatti Anfang des 20. Jahrhunderts schuf.
Wächter: Die Tierplastiken wie dieser Löwe aus Bronze sind Repliken von Objekten, die der italienische Künstler Rembrandt Bugatti Anfang des 20. Jahrhunderts schuf.

Über allem liegt ein Hauch von Toskana. Ein verwunschener Ort mitten im Nichts, wachgeküsst von Künstlern mit viel Vorstellungskraft. Joachim Kuhlmann ist der Bildhauer, seine Frau hat das Raumgefühl. Elisabeth Kuhlmann, studierte Maskenbildnerin, kreiert die Gartenräume. Sie hilft bei der Plazierung der Skulpturen und Plastiken, fügt Pflanzen und Kunst zu einem Bild zusammen. Der Garten ist die Naturbühne für die Kreationen ihres Mannes und die Arbeiten anderer Künstler, die unter freiem Himmel und in einem kleinen Showroom auf dem Gelände ausstellen. Von Mai bis November ist der Skulpturenpark jeden Sonntagnachmittag für Gartenliebhaber und Kunstfans zugänglich. Durch einen Torbogen aus aufgestapelten Holzscheiten betreten Gäste das Freiluftatelier des Bildhauers. Hier stehen Marmorblöcke, teils roh, teils schon bearbeitet, neben dicken Holzbalken und Metallelementen. Im überdachten Atelier und Showroom gleich nebenan warten Gipsmodelle auf ihre Vollendung. Stühle und Bänke gruppieren sich um einen großen Tisch, der aus einer polierten Baumscheibe entstanden ist. An dieser Stelle beginnen die Gartenführungen, die Elisabeth Kuhlmann anbietet – die Einundsiebzigjährige ist auch Diplom-Lehrerin für Kunsterziehung.

Im Frühjahr, berichtet sie, musste die riesige Douglasie, die das Freiluft-Atelier beschattete, gefällt werden. Ein Verlust und eine Wahnsinnsarbeit. Schädlinge, Trockenheit und Klimawandel machen Wald und Garten zu schaffen. Immer wieder brechen Äste oder ganze Bäume weg und stellen die Gärtnerin vor Herausforderungen bei der Neugestaltung der Lücken, die sich auftun. Sie führt zu einer Stelle, an der vormals mehrere Nadel- und Laubbäume standen, die bei einem Sturm in den Garten fielen. Das Riesenloch, das plötzlich klaffte, füllte das Paar mit einer weißen Rispenhortensie und Joachim Kuhlmanns weißer Skulptur einer schreitenden Figur. „Die Natur“, sagt Elisabeth Kuhlmann, „schafft immer wieder neue Gartensituationen und Sichtachsen“.

Der Garten ist die Naturbühne für Kuhlmanns Werke sowie die Arbeiten anderer Künstler.
Der Garten ist die Naturbühne für Kuhlmanns Werke sowie die Arbeiten anderer Künstler.
Der Garten ist die Naturbühne für Kuhlmanns Werke sowie die Arbeiten anderer Künstler.

Für das Gärtner- und Künstlerpaar ist sie ohnehin die größte Inspirationsquelle. Baumwurzeln oder steinerne Findlinge werden bei Joachim Kuhlmann zum Objekt seiner Installationen oder zumindest ein Teil davon. Seine Frau formt Kirschlorbeer, Eiben, Lebensbaum, Liguster oder Buchsbaum zu kunstvollen Objekten. Verteilt sind sie über das weitläufige Gelände, das in einen Waldgarten, Rosen-, Säulen- und Terrassengarten aufgeteilt ist. „Das war früher mal der Appellplatz“, erzählt der Bildhauer. Er steht auf der obersten Ebene des Grundstücks, die jetzt zum Rosengarten gehört und von wo aus man einen Blick auf die Baumwipfel und eine Sitzgruppe am Haus genießt. Statt Waffen und Gehorsam dominieren jetzt wilde Kletterrosen das Regiment. Eine purpurblühende Moosrose ergießt sich über eine Mauer. In einer Ecke hat sich Joachim Kuhlmann eine Art Klause gebaut mit stilvollem Feldbett und Lederkissen, Klappstuhl und grob gezimmertem Tisch. Eine Zuflucht unter freiem Himmel, wenn die Sommernächte zu heiß sind. Er schwört, dass er eines Nachts im Mondschein hier mal eine nebelumhüllte Gestalt gesehen habe, die rastlos über den Platz wanderte. „Bestimmt der Geist eines Soldaten“, flüstert er.

Baumwurzeln oder steinerne Findlinge werden zum Kunstobjekt – oder zumindest ein Teil davon.
Baumwurzeln oder steinerne Findlinge werden zum Kunstobjekt – oder zumindest ein Teil davon.
Baumwurzeln oder steinerne Findlinge werden zum Kunstobjekt – oder zumindest ein Teil davon.

Gleich dahinter schließt sich der Säulengarten an der Rückseite des Hauses an. Wilder Wein umrankt bodentiefe Fenster und Schlagläden. Wasser plätschert aus dem Mund einer Nymphe in ein Brunnenbecken, auch das eine Bildhauerarbeit Kuhlmanns. Der gebürtige Leipziger greift zum Gartenschlauch. Der Sprühregen verwandelt zwei zuvor noch stumpfe Säulen eines fast drei Meter hohen Tores in lila marmorierte Schönheiten. Roter Marmor von der Lahn. Die Säulen verzierten wohl eine längst abgerissene Villa. Noch so ein Fund, den Kuhlmann bei einem Steinmetz entdeckte. Je 1200 Kilo schwer. „Ich musste ein Stahlbeton-Fundament dafür bauen“, lacht der Bildhauer. Jetzt stehen die Säulen, begleitet von weiteren seiner Skulpturen, mitten auf dem Rasen, markieren den Zutritt zu einer fast schon mythischen Kulisse.


„Ich gebe vielen Fundstücken in unserem Garten eine zweite Chance.“
ELISABETH KUHLMANN

Fundstücke sind auch die Pflanzen, die Elisabeth Kuhlmann der Kunst ihres Mannes zur Seite stellt. Farne, Eiben, Rhododendren, Liguster, Heidekraut, Ilex crenata, Knöterich, Efeu, viele Gewächse sind in Form oder gar schachbrettartig geschnitten. Das dunkellilafarbene Purpurglöckchen hat es ihr besonders angetan. In Gruppen ist es fast überall im Garten zu finden. „Ich gebe vielen Fundstücken in unserem Garten eine zweite Chance“, sagt sie. „Wir haben hier schließlich auch eine zweite Chance bekommen.“

In einer Ecke das Gartens hat sich Joachim Kuhlmann eine Art Klause gebaut mit stilvollem Feldbett und Lederkissen.

Die beiden kamen 1987 aus der DDR nach Frankfurt. Sie hatten einen Ausreiseantrag gestellt, der sie im Osten zu Außenseitern machte. In Dresden hatten sie sich in den Siebzigern während des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste kennengelernt. Joachim Kuhlmann studierte Malerei, Grafik, Wandmalerei, bevor er ins Bildhauerfach wechselte und Meisterschüler in Halle bei Willi Sitte wurde. Schon in der DDR, später auch im Westen erhielt er mehrere Kunstpreise, zuletzt 2018 den Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur und bildende Kunst des Landkreises Darmstadt-Dieburg.

Elisabeth Kuhlmann hat in Galerien in Frankfurt und Darmstadt gearbeitet, heute verbringt sie die meiste Zeit in ihrem Künstlergarten, mehrere Stunden am Tag. Allein wenn im Herbst das Laub fällt, kommen mehrere Lastwagenladungen Blätter zusammen. Fühlen sich die beiden nicht manchmal einsam, so mitten im Wald? „Überhaupt nicht“, sagt sie. Der Garten ist ihre Zuflucht. „Wenn ich mal in der Stadt bin, bin ich immer froh, wenn ich hierher zurückkehren kann.“ 

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 25.08.2020 14:47 Uhr