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Singvögel in der Hauptstadt : Nachtigallen zieht es nach Berlin

Nachtigallen fühlen sich am wohlsten, wenn es in ihrer Umgebung nicht so aufgeräumt zugeht. Bild: dpa

Eigentlich lebt die Nachtigall am liebsten am Feldrand. Trotzdem nisten viele in Berlin. Die Biologin Silke Voigt-Heucke erklärt warum.

          3 Min.

          Frau Voigt-Heucke, Sie sagen, Berlin sei die Hauptstadt der Nachtigall. Warum?

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Weil hier so viele Brutpaare pro Quadratkilometer leben wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Und das, obwohl die Nachtigall kein urbaner Vogel ist wie Spatz oder Mauersegler, die sich an den städtischen Lebensraum angepasst haben. Die Nachtigall nistet eigentlich an Feldrändern oder verbuschten Randgebieten, in Büschen am Boden oder dicht darüber; um ihr Nest zu bauen, braucht sie altes Laub, trockene Gräser und Unterholz. Überraschenderweise findet sie gerade in Berlin noch viele Standorte, die ihren Bedürfnissen entsprechen: naturbelassene Grünflächen und wilde Parks, die eine hohe Biodiversität bieten. Auch entlang der bewachsenen S-Bahn-Trassen lässt sich die Nachtigall gern nieder. Andere Metropolen sind ihr zu aufgeräumt.

          Der gemeine Städter denkt bei Vogelgezwitscher erst mal an einen neuen Handyklingelton. Woran erkennt er den Gesang der Nachtigall?

          Erst mal an der Uhrzeit. Als eine von wenigen Vogelarten singt die Nachtigall auch nachts zwischen elf und drei Uhr, und das laut und vehement. Ihr Gesang ist außergewöhnlich vielseitig, das menschliche Ohr empfindet ihn meist als schön und poetisch – auch weil er sich aus wiederkehrenden Strophen zusammensetzt, die Liedern gleichen. Am Anfang einer Strophe steht oftmals ein melodischer Pfeifton, das Schluchzen, am Ende häufig ein lautes Trillern und Trommeln, das bis zu einer halben Minute dauern kann – der Schlag der Nachtigall. Ein Männchen hat etwa 1.590 Strophentypen im Repertoire, allein in Berlin beherrscht die Population 900 Strophen. Erste Einblicke in die gesammelten Daten bestätigen auch unsere Vermutung, dass die Nachtigall in Dialekten singt – sich also die Strophen je nach Region sehr stark unterscheiden.

          Abgesehen davon, dass wir das Tirilieren schön finden, welche Funktion hat es für die Art?

          Mit ihrem Nachtgesang wollen die Männchen die Weibchen anlocken. Wenn die Vögel Mitte April aus Afrika in ihre deutschen Brutgebiete kommen, singen sie rund um die Uhr. Haben sie eine Partnerin gefunden, trällern sie nur noch tagsüber – daran können wir erkennen, wie viele noch solo sind. Wissenschaftliche Belege zeigen auch: Männchen, die am lautesten und schönsten singen, also besonders viele und komplex strukturierte Strophen zu bieten haben, versorgen den Nachwuchs später besser mit Futter als einfallslosere Sänger – sie werden daher von Nachtigalldamen bevorzugt. Außerdem stecken die Männchen durch die Laute ihr Territorium ab und machen Konkurrenten klar: Hier sammele nur ich das Futter.

          Sie leiten das Bürgerforschungsprojekt „Forschungsfall Nachtigall“ am Museum für Naturkunde in Berlin. Was wollen Sie untersuchen, und wie können Anwohner dabei helfen?

          Wir richten uns nicht nur an Hobbyornithologen, sondern auch an alle, die mit der Vogelkunde bisher wenig Berührung hatten – Nachtschwärmer, Parkgänger, Familien mit Kindern. Wer eine Nachtigall hört, kann sie mit dem Smartphone über die App „Naturblick“ aufnehmen und die Aufnahme mit uns teilen. Die Gesänge werden dann georeferenziert und mit einem Zeitstempel versehen, der Algorithmus der App prüft abschließend, ob es sich wirklich um die Klänge der Nachtigall handelt. Die Männchen sind standorttreu und halten sich nah am Nest auf, deshalb verrät der Gesang eindeutig, wo sie wohnen. Aus den etwa 1500 Nachtigallaufnahmen in Berlin, die wir schon bekommen haben, ist eine Landkarte mit Revieren entstanden, die man auf unserer Internetseite ansehen und anhören kann. Wir werten die Aufnahmen aus und untersuchen: Wie hat sich der Bestand entwickelt, gibt es Hot Spots und No-go-Areas, und was heißt das für die Stadt- und Landschaftsplanung? Wie unterscheiden sich die Gesänge an verschiedenen Orten, lassen sich Dialekte erkennen, gibt es gar Parallelen zur menschlichen Sprache?

          Eine Luscinia megarhynchos.
          Eine Luscinia megarhynchos. : Bild: Picture-Alliance

          Was ist in Zukunft noch geplant?

          Im kommenden Jahr wollen wir das Projekt auf ganz Deutschland ausweiten, zwischen Heidelberg und Mannheim gibt es zum Beispiel einen weiteren Hot Spot. Langfristig soll aus den Daten der erste frei zugängliche Strophenkatalog der Nachtigallgesänge für Deutschland entstehen, später für ganz Europa. Die Erforschung der Nachtigall eignet sich besonders gut, um mit Bürgern gemeinsam Wissenschaft zu betreiben, weil wir auf die Aufnahmen von möglichst vielen Leuten aus ganz verschiedenen Regionen angewiesen sind – das könnten die Wissenschaftler allein kaum leisten.

          Wie schafft man der Nachtigall schon jetzt einen angemessenen Lebensraum in der Stadt, etwa im Garten?

          Wer seinen Garten naturnah mit heimischen Wildblumen bepflanzt und Insektenhotels aufstellt, schafft ein lebenswertes Umfeld für Nachtigallen und andere Vögel. Hochgezüchtete Blumen aus dem Baumarkt bieten keinen Nektar und damit keine Lebensgrundlage für Insekten, von denen sich die Nachtigall ernährt – sie verfüttert unter anderem Raupen an ihre Küken. Auch zu viel Ordnung schadet eher. Was wir als Abfall wahrnehmen, brauchen die Nachtigallen zum Nestbau, also Altholz und den Laubhaufen im Winter einfach liegenlassen.

          http://www.forschungsfallnachtigall.de

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