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Im Prinz-Georg-Garten : Lustwandeln zwischen Rosen und Roter Bete

  • -Aktualisiert am

Eintritt in eine andere Welt Bild: Astrid Ludwig

Der Prinz-Georg-Garten in Darmstadt ist ein in Deutschland einzigartiger barocker Lust- und Nutzgarten. Hier wachsen wie schon im 18. Jahrhundert Rittersporn und Reneklode neben Kopfsalat und Kräutern.

          Zwei Löwen tragen das mit einer Krone verzierte Wappen. Grimmig halten sie über den hohen Sandsteinpfeilern Wache über diesen Ort, der aus der Zeit zu fallen scheint. Gerade eben noch toste der Lärm des mehrspurigen Cityrings im Ohr, doch ein paar Schritte weiter nur beginnt hinter dem schmiedeeisernen Tor eine andere Welt. Eine, in der leuchtend gelbe Kanarienvögel in verzierten Holzvolieren zwitschern, Fontänen in kleeblattförmigen Wasserbecken plätschern, Rosenblüten duften und vergoldete Sandstein-Uhren die Minuten zählen.

          Ein Garten, in dem Zitronen, Äpfel und Birnen gedeihen und Schnabelsalat, Tomaten und Zucchini in Beeten wachsen, die aussehen wie filigrane Stickmuster. Ein Garten wie eine Prinzessin, die mit gepudertem Haar, hochgeschnürtem Dekolleté und Reifrock daherkommt. Ein filigranes Schmuckkästchen, so ganz anders als der weitläufige „Herrngarten“, den man zuvor durchschreiten muss, um überhaupt hierherzugelangen. Die ausgedehnten Rasenflächen und hohen Bäume des Stadtparkes umgeben den kleinen Prinz-Georg-Garten wie ein großer, grüner Schutzwall. Der naturbelassene Rahmen für ein ziseliertes Werk der Gartenkunst. Barock meets englischen Landschaftspark. Die Gegensätze könnten kaum größer und reizvoller sein.

          „Die barocke Bauweise hat mich immer fasziniert“, sagt Andreas Witzel. Der 41-Jährige kennt den Prinz-Georg-Garten seit Kindertagen. Seine Großeltern wohnten gleich um die Ecke, und als Bub kam er zum Spielen her. Die vergoldeten Sandstein-Sonnenuhren hatten es ihm angetan, seit sie in der Schule einmal Unterrichtsthema waren. Schon als Teenager stand für ihn fest, „dass ich hier einmal arbeiten möchte“, erzählt er. Ein Berufswunsch, den Witzel bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen verwirklichte. Die Institution kümmert sich um die denkmalgerechte Entwicklung und Pflege hessischer Gartenkunstwerke und ihrer Gebäude, darunter den Prinz-Georg-Garten, den Klostergarten Seligenstadt oder auch das Fürstenlager in Bensheim.

          Andreas Witzel sitzt auf einer der weißen Gartenbänke, im Schatten der Hainbuchenhecke, die die barocke Anlage von der dazugehörigen Gärtnerei und den Gewächshäusern trennt. Von hier aus kann er das prächtige Pretlacksche Gartenhaus und die Kräuterbeete des rund 18.000 Quadratmeter großen Gartens überblicken. Vor rund zwanzig Jahren war der Darmstädter am Ziel seiner Wünsche. Witzel begann eine Ausbildung als Geselle im Zierpflanzenbau im Prinz-Georg-Garten, heute ist er Meister und hat die Leitung der Anlage übernommen. Er hat den Wandel miterlebt und mitgestaltet, den der Garten in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchlaufen hat.

          Aus der Ruine wurde eine städtische Oase

          So schön und authentisch wie heute war die Anlage nicht immer, die Landgraf Ernst Ludwig Ende des 17. Jahrhunderts erwarb und die im 18. Jahrhundert unter Ludwig VIII. und seinem Sohn Prinz Georg zu einem barocken Nutz- und Lustgarten verfeinert wurde, der heute einzigartig in Hessen ist.

          Nach den Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges war von der ursprünglichen Küchengarten-Bepflanzung kaum etwas übrig. Statt Salat und Gemüse blühten Einjährige in den Beeten, und kunterbunte Beliebigkeit machte sich breit. Das änderte sich 1995 mit dem sogenannten Parkpflegewerk, mit dessen Hilfe die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen und das Gärtnerteam die Anlage umgestalteten. „Schritt für Schritt haben wir das historische Aussehen des Gartens rekonstruiert“, erzählt der Gartenmeister. So fanden sich ein Grundriss von Jakob Hill aus dem Jahr 1779 sowie alte Pläne und Zeichnungen des Theatermalers Ernst August Schnittspahn aus der Zeit um 1844. Dokumente, die detailliert belegten, wie prächtig die Anlage, das Palais und die Gartenbauten einst ausgesehen hatten. „Auf dem Grundriss von Hill war deutlich zu erkennen, dass im Garten Gemüse angepflanzt worden war“, berichtet Witzel. Im Prinz-Georg-Garten vollzog sich zu dieser Zeit die Kehrtwende des Barocks – von der nach außen gerichteten Machtdemonstration hin zum Rückzug in die ländliche Idylle.

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